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22. Oktober 2017 | 15:59 Uhr

Aktionstag in Dobbertin : Sattelfest trotz Handicap

vom

Stolz steigt Nico in den Sattel. Seine Füße treten in die Pedale. Geschickt umkurvt der Junge Hütchen um Hütchen auf dem Slalom-Parcours. Auf einem behindertengerechten Fahrrad mit drei Rädern gibt der Zwölfjährige Gas.

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erstellt am 09.Okt.2012 | 07:19 Uhr

Dobbertin | Stolz steigt Nico in den Sattel. Seine Füße treten in die Pedale. Geschickt umkurvt der Junge Hütchen um Hütchen auf dem Slalom-Parcours. Mit jeder Runde gewinnt der Schüler an Selbstsicherheit - und an Fahrspaß. "Eigentlich darf ich nicht Radfahren - jedenfalls nicht auf zwei Rädern", sagt der Zwölfjährige. Gleichgewichtsstörungen werfen ihn aus dem Sattel. Aber heute nicht. Auf einem behindertengerechten Fahrrad mit drei Rädern gibt Nico Gas. Beim Verkehrssicherheitstag an der Dobbertiner Förderschule mit dem Schwerpunkt "Geistige Entwicklung" lernen Nico und seine Mitschüler, worauf sie im Straßenverkehr achten müssen. Damit sie keine Kurve aus der Bahn wirft, trainiert Polizeihauptkommissar Reinhard Glinka mit den teils schwer behinderten Kindern das sichere Radeln. Im Schatten des Klosters Dobbertin meistern Nico, Florian und Co. jedes Hindernis - trotz Gegenwind und Handicap. Der Präventionsbeamte ist stolz auf seine Schützlinge. "Man merkt, wie sich ihr Wissen von Jahr zu Jahr mehr verfestigt", lobt Glinka. Die Schüler satteln ab - auf geht’s zur nächsten Station.

Radfahr-Talent allein reicht für sichere Touren rund um Dobbertin nicht aus: Im Flur der Schule lernen die Schüler bei Andrea Bartz von der Verkehrswacht, welche Teile an ihrem Rad nicht fehlen dürfen. Reflektoren, Scheinwerfer, Schlussleuchte - an einer Fahrrad-Grafik ordnen die Kinder die Einzelteile an ihren Platz. Sicherheit hat Vorfahrt, Wissen auch.

Für den Fall, dass trotz aller Vorsicht doch einmal etwas passiert, sind die Schüler gewappnet: Im Rettungswagen des DRK lernen sie, wie Unfallopfern und Verletzten im Ernstfall noch auf der Fahrt ins Krankenhaus geholfen wird. "Das ist unser Defi. Damit überwachen wir das Herz. Und wenn es nicht mehr schlägt, können wir ihm damit Elektroschocks geben", erklärt Marco Müller. Der Rettungssanitäter zeigt den Schülern die Instrumente. Hier ist Vorsicht geboten. Das EKG aber dürfen sie selbst ausprobieren. Marco Müller steckt Maik die Klammerelektrode an den Finger. Gebannt schauen die Schüler auf die Digitalanzeige. Das EKG piept immer schneller. 100 Herzschläge pro Minute. "Du bist ganz schon fix unterwegs", sagt Marco Müller und lacht. Maik grinst verschmitzt. Jetzt wollen es auch seine Mitschüler genau wissen: Reihum ermitteln sie ihre Herzfrequenz. Einem genauen Check muss auch der Rettungswagen standhalten. Die Jungs wissen gut Bescheid: EKG, Beatmungsgerät, Trage - die Ausstattung kennen die meisten von ihnen schon genau - aus eigener Erfahrung. Doch auch für sie gibt es hier noch Neues zu entdecken: Ein Koffer mit Medikamenten und Spritzen fesselt ihre Aufmerksamkeit. Marco Müller erklärt den Schülern, wie diese im Notfall verabreicht werden. Mehr noch aber begeistert die Jungen der Blick in die Fahrerkabine. Dass sie einmal selbst hinterm Steuer sitzen dürfen - ein unvergessliches Erlebnis.

Was im Krankenwagen die Sanitäter übernehmen, probieren Dobbertins Schüler in ihrem Klassenraum heute selbst aus: Sie verarzten ihre fiktiven Wunden. Saskia wickelt den Verband um den Arm eines Mitschülers. "Der sitzt noch nicht fest genug", sagt die Schülerin. Mit Tipps ihrer Lehrerinnen klappt es dann doch. Erfolge wie dieser machen für die Schüler den Verkehrssicherheitstag zur willkommenen Alternative zum Unterrichtsalltag und zeigen ihnen: Trotz Behinderung können sie Herausforderungen des Lebens meistern. Und ein besonderer Lohn für ihren Einsatz wartet noch auf die Schüler: Bauchredner Eddy Steinfatt begeistert sein Publikum mit seiner Puppenshow. Der krönende Abschluss mit Mitmach-Garantie.

Der Aktionstag hat sich gelohnt, bilanziert Andrea Bartz von der Kreisverkehrswacht. "Finanziell können wir uns leider nicht leisten, drei oder vier Schulen zu besuchen", sagt sie. Umso schöner sei es, in einer Einrichtung wie der Dobbertiner zu sein, wo die Kinder mit Feuereifer dabei sind. Ermöglicht wird das durch die Unterstützung von MV’s Ministerium für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung. Es ist eine Investition in die Zukunft - und in die Dobbertiner Schüler. Ihr Motto ist klar: Freie Fahrt für sicheren Spaß auf dem Rad.

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