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Liebe liegt in Lübzer luft : Rilkes „Liebeslied“ im Lübzer MGH

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Zum zweiten Mal traten Tina-Nicole Kaiser und Jürgen Wegscheider im Mehrgenerationenhaus in Lübz auf

Nur Irrungen, Wirrungen? Wo war sie denn, die große Lovestory? Im Kino wirkt die romantische Liebe – unterlegt mit rauschendem Raumklang – doch richtig überzeugend. Aber die Literatur ist eine andere Sparte. Da heißt es statt dessen, so wie heute Abend auch: Daher wird nach dem Happy End janz jewöhnlich abjeblend. Und das Publikum versteht und lacht. So war es auch an diesem netten, intimen Freitagabend im Mehrgenerationenhaus, als der Vortrag von Tina-Nicole Kaiser und Jürgen Wegscheider locker-leicht von Text zu Text hüpfte. Meist waren es humorvolle Dichtungen zum Thema Liebe, freundliche oder ironische Betrachtungen aus der Mitte zwischen hoher Erwartung und Bauchplatscher.

Die kleine Vorstellung war jedenfalls ein Ohr- und sogar ein Augenschmaus. Zu danken war dies einerseits den großartigen Texten. Häufig stammten sie aus der ironischen Feder Kurt Tucholskys. Selbst kein Kostverächter, weiß er sogar aus der Perspektive einer Geschiedenen zu plaudern: „Der erste Mann ist stets ein Unglücksfall...“ Dazu gesellten sich Texte so illustrer Autoren wie Wilhelm Busch, Joachim Ringelnatz, Klabund.

Andererseits hauchten zwei professionelle Schauspieler, sie Bayerin, er Österreicher, den Texten Leben ein. Immer wieder gab es die Momente, in denen sich auf dem schönen Gesicht von Tina Kaiser so fein der Ausdruck einer Rolle abzeichnete, dass die Zuchauer glauben konnten, einem Bühnenschauspiel beizuwohnen. Als beide gar den Dialog zwischen Soldat und Hure aus Arthur Schnitzlers „Reigen“ sprachen, vergaß man vollends, dass man in einer Art bestuhltem Wohnzimmer saß. Wenn man sich auf die Effekte einließ.

Bei all dem sollte nicht vergessen werden, dass die naturgemäß am begrenzten Budget entlang organisierten Kulturabende im MGH auch einen geselligen Rahmen haben. Kommt man an den jeweiligen Kulturfreitagen kurz vor 19 Uhr ins Mehrgenerationenhaus in der Lübzer Schulstraße, so sitzen bereits ein, zwei Grüppchen im neu eingerichteten Café, trinken ein Schlückchen Sekt, naschen Häppchen und plaudern, bis die Vorstellung beginnt. Nach der Vorstellung stärken sich hier auch die Künstler. Ein kräftiges Lob für die schöne, neue Einrichtung gab es bei dieser Gelegenheit von Tina Kaiser, beide Schauspieler waren auch schon zu Beginn 2016 mit einem ihrer Programme im MGH.

Auf ihrer aktuellen Nord-Tournee gastierten sie kurz vorher mit einem Tucholsky-Programm in Berlin. Texte von Zugpferd „Tucho“, wie der Autor von Verehrern gerne genannt wird, könnten womöglich auch in Lübz im nächsten Jahr (hoffentlich!) Besucher ins MGH locken, so ging der Schnack gegen Ende des Abends und zwischen Tür und Angel. Aber das war Zukunfsmusik. An diesem Abend stand das Thema, nicht der Autor im Vordergrund. Und zum Thema Liebe – das nicht zu vergessen – wurden hier und da auch andere als humorige Texte vorgetragen.

Ein Shakespeare-Sonett bereits schlug die ernste, feierliche Seite des Themas an, das uns immer wieder beschäftigt, Fragen auferlegt und so auch zu den sogenannten „letzten Dingen“ führen kann. In Gedichten von Christian Morgenstern wird Liebe in der rein geistigen Welt verortet. Ein vernehmlicher Seufzer im Auditorium erklang, als im Gedicht von Morgenstern vom „Grund des ewigen Du“ die Rede war. Und Rilke, der dichtete: „Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt“, fragt am Ende seines „Liebeslieds“: “Auf welches Instrument sind wir gespannt? Und welcher Geiger hat uns in der Hand?“ Jedenfalls war es ein zauberhafter Abend, an dem das Wort klingen durfte.

 








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