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jenseits der stille in wangelin : Reise zur bulgarischen Folklore

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Das berühmte „Eva Quartet“ aus Bulgarien machte auf seiner aktuellen Tournee Zwischenstation in Wangelin

Im Wangeliner Garten glitzerte an diesem Abend eine Goldader, stimmliches Gold aus vier Kehlen, großartig im Reichtum der Modulation und in überragender gesanglicher Perfektion: Das „Eva-Quartet“ aus Bulgarien, hervorgegangen aus dem weltberühmten Chor „Les Mystères Des Voix Bulgares“, beehrte Wangelin. Das Publikum war hingerissen.

Das Konzert war unter Berücksichtigung der ländlichen Umgebung gut besucht. Im Nachhinein betrachtet aber ist es im Grunde unerklärlich, dass nicht eine kleine Völkerwanderung aufgebrochen war zu dieser exklusiven Darbietung, die im Rahmen der ohnehin hochwertigen Veranstaltungsreihe „Jenseits der Stille“ stattfand, organisiert und konzipiert von Saxophonist und Wahl-Wangeliner Warnfried Altmann. Andererseits – der Saal im Lehmhaus hätte nicht sehr viel mehr Menschen aufnehmen können und so entstand trotz allen Enthusiasmus des Publikums eine in sich ruhende kammermusikalische Intimität.

Vier Frauen, vier unterschiedliche Stimmlagen, vom hellen Sopran bis zum dunklen Contraalt. Nur wenig Moderation, anfangs der knappe Hinweis auf Englisch, dass die Gruppe nun bulgarische Folklore in ihren verschiedenen Facetten, arrangiert oder authentisch, vortragen werde. Orthodoxe Gesänge gehören zwar auch grundsätzlich zum Repertoire des Quartetts, an diesem Abend aber wurde nur eines der geistlichen Lieder vorgetragen.

Wie schnell hatte man sich in den Charakter der Gesänge eingefühlt, dessen Grundzug, erläuterte Organisator Altmann, durch den ausschließlich in Bulgarien traditionell praktizierten Kehlkopfgesang entstehe. Die Technik besitzt offenbar eine noch stärker vom alltäglichen Sprechen abgehobene Intensität als der Gesang aus dem Bauch. Manchmal berührten die Klänge gar die Grenze zum Metallischen. Die Stücke sind alt, wie alt, dürfte meist unbekannt sein, sie wurden den traditionellen Dorfgesängen der Frauen abgelauscht und schließlich „der ehrenden Verwandlung“ in eine zeitlos moderne Chorkammermusik zuteil. Aber ganz unabhängig von Anverwandlung und musikwissenschaftlichen Erhebungen – das „Eva-Quartet“ entführte sein Publikum in eine elementare und zeitlos verständliche Welt der Gefühle. Da man kein Wort verstand, hörte man automatisch auf die Sprache der Musik, auf die Gestik der klanglichen Gestaltung und die sparsam eingesetzte Theatralik des Quartetts.

Das Publikum vernahm auf diese Weise Trauriges und Nachdenkliches, vernahm den Witz und die Fröhlichkeit dörflicher Feste oder komisch-denkwürdiger Ereignisse. Durch das lebhafte, versetzte Durcheinandersingen im zweiten Stück beispielsweise hörte man das Durcheinanderreden vieler Beteiligter förmlich hindurch. Getragenere, balladenhafte Stücke schienen traurige, zumindest ernste Ereignisse in der Erinnerung wachhalten zu wollen. Neben dem typischen, irgendwie auch orientalisch wirkenden Tremolo in den Stimmen hörte man Juchzer, Triller, Schreie, ja, einmal auch ein langgezogenenes Aufheulen, quasi als klangliche Schlusskommentare am Liedende. Es sind Stilmittel dieser Gesangskultur, dieses intensiven Frauengesangs wie aus einer Kehle.

Durch alles hindurch wurde auch etwas Altes und für unsere Ohren sicher Exotisches hörbar. Manch ein Lied beschwor die Imagination sehr weiter und einsamer Landstriche herauf und einen Gesang, der diese Weite zu erfüllen sucht. Ein toller Abend. Jauchzer auch im Publikum.

 






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