Serie "Gutes von hier" : Reifen aus Lübz für Casablanca

Gebrauchte Karkassen werden eingehend untersucht. Beim Runderneuern kommt das Kalt-Verfahren zum Einsatz. Fotos: Horst Kamke
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Gebrauchte Karkassen werden eingehend untersucht. Beim Runderneuern kommt das Kalt-Verfahren zum Einsatz. Fotos: Horst Kamke

Uwe Mülot eroberte nach der Deutschen Einheit mit runderneuerten Pneus die Märkte / 20 000 Stück verlassen pro Jahr das Werk

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01. Dezember 2014, 11:50 Uhr

Die Lübzer Firma Mülot im Jahr 1969: Fünf Leute in einem Reparaturbetrieb für Trabant-Reifen und als Runderneuerer von Reifen für Agrarfahrzeuge. Von der DDR-Planwirtschaft für vorbildlichen Reifenservice ausgezeichnet, nutzte Firmengründer Uwe Mülot 1972 das Angebot, aus der Enge der städtischen Bebauung auf die andere Seite der neuen Umgehungsstraße in das Gewerbegebiet umzuziehen und an der Straße nach Goldberg einen Neubau zu errichten.

Dort gab es damals sogar erstmals moderne Radial-Reifen. „Mit der Wende aber stocherten wir im Nebel.“ Doch dann der Durchbruch: Mülot machte sich das so genannte Kaltverfahren zueigen. Hierbei wird gebrauchten und geprüften Reifen-Karkassen mit Hilfe eines Binde-Gummis bei 110 Grad ein neuer Aufbau und das Profil verliehen.

Das Verfahren ist technisch ausgereift und als industrieller Standard zertifiziert. Probleme aus den Anfangsjahren wie Blasenbildung oder das Ablösen der Profile sind längst kein Thema mehr. Vor allem Logistik- oder Busunternehmen mit ihrem großen Fahrzeugpark nehmen das Angebot runderneuerter Reifen gern wahr, lassen sich dabei doch Kosten sparen. Auch bei Agrarfahrzeugen kommen zunehmend runderneuerte Reifen zum Einsatz. Etwa 20 000 Exemplare sind es, die ihre Fertigungsstätte in der Marienstraße 34 Jahr für Jahr in alle Welt verlassen.

Damit nicht genug, engagierte sich der umtriebige Unternehmer in so genannten Public-Partnership-Projekten. Von der Entwicklungshilfe des Bundes gefördert und in MV von IHK und Wirtschaftsministerium unterstützt, baute Mülot Kontakte nach Jordanien, Syrien, Ägypten oder Marokko auf. Altreifen, so seine Erfahrung, werden dort bis zum Geht-nicht-mehr strapaziert und dann als Müll in der Landschaft entsorgt.

„Mit viel Geduld ist es uns gelungen, den Gedanken der Runderneuerung von Reifen in die Köpfe von vielen Entscheidungsträgern der arabischsprachigen Welt zu transportieren.“ Hilfreich dabei war Professor Abdallah Nassur von der Universität Rostock. Nach Casablanca und Kairo wurden von Lübz aus Container mit runderneuerten Reifen in Marsch gesetzt, um deren Vorzüge vor Ort testen zu können. „In einigen Jahren wird es dort vielleicht erste Fachwerkstätten geben.“ Der Bedarf scheint unermesslich, denn allein in Casablanca sind täglich 800 Busse im Einsatz. Das Verkehrsaufkommen gilt als ebenso hoch wie die Zahl der Unfälle. In Marokko kommen dabei jährlich schätzungsweise 8000 Menschen ums Leben. „Ursache dabei sind oft abgefahrene Reifen“, weiß Mülot Auch in der ostafrikanischen Republik Dschibuti wurde die Ausbildung von Mechanikern für Reifen- und Vulkanisationstechnik angekurbelt.

Im Juli 2014 zog sich Uwe Mülot sich aus dem operativen Tagesgeschäft zurück und konzentriert seinen Tatendrang auf die Public-Partnership-Projekte. Seitdem hat Sohn Kay-Uwe (48) das Sagen, der seit 1995 in Parchim sein eigenes Unternehmen aufgebaut hat. Dabei wird er von seiner Frau Katrin tatkräftig unterstützt. Insgesamt sind bei Mülot rund 25 Mitarbeiter und zeitweise bis zu sechs Auszubildende beschäftigt.


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