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Aufklärung über nationalsozialistische Verbrechen : "Rechten Terror im Keim ersticken"

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Die Neuntklässler der Walter-Husemann-Schule haben in Vorbereitung auf den Besuch des Autoren Henning Pawel gelernt warum man den 1. September niemals vergessen sollte.

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erstellt am 18.Sep.2013 | 05:28 Uhr

goldberg | Die Neuntklässler der Walter-Husemann-Schule haben sich in doppelter Hinsicht auf den Besuch von Buch autor Henning Pawel in ihrer Einrichtung vorbereitet: Mit dem Lesen der von ihm verfassten Geschichte "Das U-Boot" und der Aufklärung darüber, warum man besonders in Deutschland das Datum 1. September (Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen) niemals vergessen sollte. Der Schriftsteller war in der Vergangenheit schon mehrfach in der Husemann-Schule und sagte vor Beginn der Lesung zu seiner Verbundenheit: "Ich bin nicht mehr so viel wie früher unterwegs, aber Goldberg bleibt mir wichtig. Mich freut, dass dieses Haus konsequent eine antifaschistische Haltung vertritt, was besonders seiner Leiterin Gisela Hög zu verdanken ist."

Sie gehöre zu den insgesamt betrachtet leider wenigen Menschen, die auch über die Anfänge der Terrorherrschaft in der Vergangenheit und bedenkliche aktuelle Entwicklungen informiert sind. "Deutschland ist grundsätzlich ein wunderbares Land, das leider die braune Pest erwischt hat", so der 69-Jährige. "Heute ist immer öfter eine gegenteilige, auch wegen des wachsenden zeitlichen Abstandes verharmlosende Meinung darüber zu hören. Das ist jedoch ein ganz falscher Ansatz. Die Erinnerung darf nicht ausbleiben! Viele sagen, dass es damit genug sei, obwohl sie kaum wirklich etwas wissen."

Pawel entstammt einer jüdischen Familie und hat deshalb im Dritten Reich 30 Angehörige verloren. Nicht gefragt sei nach seiner Meinung die Verurteilung nachfolgender Generationen und damit auch heutiger Schüler, sondern Geschichte richtig darzustellen und so mit dazu beizutragen, eventuelle Wiederholungen schon im Keim zu ersticken. Der Wahn der Nationalsozialisten zeige sich unter anderem in dem von ihnen erklärten Ziel, mehrere Völker ausrotten zu wollen, während sich die Deutschen "wie Kaninchen vermehren sollten". Pawel selbst sei in einer Zeit geboren worden (1944), in der er eigentlich gar nicht hätte leben dürfen. In genanntem Jahr seien bereits rund fünf Millionen Menschen in Straflager transportiert worden. "Ich habe mich manchmal gefragt, warum meine Mutter das getan hat und lasse es einfach dabei: Ein junger Mann und eine junge Frau lieben sich und schon ist ein kleiner Schreihals wie ich damals da", sagt der Autor, ein gebürtiger Mecklenburger.

Obwohl jüdisch, durfte sein Vater Soldat sein. Als er gefallen war, dauerte es allerdings kaum zwei Tage, dass der Rest der Familie verhaftet und später im KZ umgebracht wurde. Pawels Mutter geschah dies nicht, weil sie ihren Sohn rechtzeitig in den Kinderwagen legte und mit ihm den Bombenangriffen auf große Städte hinterher fuhr. Grund: Für Ausgebombte gab es dort Sammelstellen, die provisorische Papiere ausstellten und Lebensmittel ausgaben. Angesichts dessen, dass auf die echten Papieren "Jude" gedruckt und schnelle Entdeckung damit vorprogrammiert war, seien die neuen ohne weitere Kennzeichnung fürs Überleben sehr hilfreich gewesen - auch wenn sie nur 36 Stunden Gültigkeit hatten. Aus der Praxis der Mutter ergab sich der Name von Pawels Werk "U-Boot". Eines Tages wurde die Frau jedoch erkannt und verhaftet. "Ich hatte das Glück, dass Nachbarn mich als Säugling nicht verrieten", sagt der Sohn, der damals in Perleberg lebte.

Dem Schriftsteller gehe es darum, gerade jungen Menschen ohne Einschränkung zu verdeutlichen, mit welch - so wörtlich - "unfassbarer Niedertracht und Missachtung Menschen damals behandelt wurden". Schreckensbilder aus Konzentrationslagern kenne fast jeder, doch der im Alltag ausgeübte Faschismus spiele keine Rolle mehr: "Juden durften zum Beispiel nicht auf dem Bürgersteig laufen und kein Haustier halten. Hatten sie einen Vogel, wurde diesen der Kopf abgerissen, den Hund meiner Tante hat man vor ihren Augen erschlagen." Überlebt haben viele zum Beispiel in Bombentrichtern, öffentlichen Toiletten und in Mausoleen versteckt, weil die Wahrscheinlichkeit, dort entdeckt zu werden, vergleichsweise gering war. Als höchst quälend erwiesen sich unter anderem jedoch die im Herbst und Winter eisigen Temperaturen, denen die Verfolgten weitestgehend schutzlos ausgesetzt waren.

Unvorstellbar sei deshalb, wie viele "blutbesudelte Nazis" nach dem Krieg auch wieder höchste Ämter bekleideten. Die neue Staatsführung der DDR nach 1945 sei vorher zumindest teilweise selbst inhaftiert gewesen. "Aber ich kann nicht ein ganzes Volk neu backen", so Pawel. Als bedenklich erwähnte er vor den Schülern auch den Terror etwa gegen Kurden, Armeniern und Katholiken in Nordirland. In der Türkei stehe bis heute sogar unter Strafe, über die Verbrechen an den Armeniern zu sprechen. "Ich akzeptiere Gläubige grundsätzlich, aber die katholische Kirche müsste zudem einmal erklären, wie sie heute dazu steht, dass sie Nazi-Verbrechern wie auch Dr. Mengele - bekannt unter anderem für seine grausamen Versuche an kleinen Kindern - half, nach Südamerika zu gelangen", sagt der Autor. Angesichts rund 700 000 verkaufter Bücher bejahte Pawel die von Schülern gestellte Frage, ob er glaube, die Menschen zu erreichen - unabhängig davon, mit den Werken nicht grundsätzlich Neuland zu betreten.

Rund 60 Millionen Tote (so viele Menschen, wie bis zur Wiedervereinigung in der Bundesrepublik lebten), die schönsten Städte in Schutt und Asche, das Land über Jahre verwüstet - eine unfassbare Bilanz, die auf das Handeln eines Verrückten zurückgehe: "Wenn Euch deshalb Nazi-Köppe heute dumm kommen, tut Euch zusammen und sagt ,Halt Dein dummes Maul!’"

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