Lübzer geschichtsunterricht einmal anders : Recherche an unheimlichem Ort

Eines der „Führerhäuser“, in dem die Familien der obersten Offiziere des KZs wohnten.
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Eines der „Führerhäuser“, in dem die Familien der obersten Offiziere des KZs wohnten.

Zwei zehnte Klassen des Lübzer Eldenburg-Gymnasiums besuchten kürzlich das KZ Ravensbrück bei Fürstenberg.

svz.de von
02. März 2016, 12:00 Uhr

Inmitten eines Waldes, außerhalb der Kleinstadt Fürstenberg, erinnern die alten, zum Teil schon zerfallenen Gebäude des Konzentrationslagers Ravenbrücks an die grausamen Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkrieges. Jenes sehr wichtige, aber auch erschreckende Thema wird in Schulen den Schülern meist in der zehnten Jahrgangsstufe nähergebracht. Daher bietet es sich für viele Schulen in Mecklenburg-Vorpommern an, eine geschichtliche Exkursion zu diesem Ort zu machen – darunter auch die Klassen 10a und 10c des Eldenburg-Gymnasiums Lübz. Zusammen mit Lehrern, die das Fach Geschichte bzw. Sozialkunde unterrichten, ging es kürzlich zu besagter Gedenkstätte, um den im Geschichtsunterricht vermittelten Lehrstoff dort noch besser verstehen und vertiefen zu können.

Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück beinhaltet eine sehr moderne Ausstellung zum ehemaligen Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, das 1939 – ursprünglich nur für Frauen – erbaut wurde, aber später auch für männliche Inhaftierte und weibliche Jugendliche umgebaut wurde. Diese Ausstellung übermittelt die Informationen von früheren Zeiten nicht nur durch Texte, sondern auch mit vielen Originalgegenständen und Audiospuren sowie Filmen zum Anhören und Ansehen, die zum Nachdenken anregen.

Die Hauptausstellung befindet sich im Haus der ehemaligen SS-Kommandantur, das saniert und mit Ausstellungsstücken aller Art eingerichtet wurde. Hier befinden sich unter anderem nachgefertigte Kleidung der Häftlinge, Zeichnungen vieler Frauen und wertvoller Schmuck, den eine Frau bei ihrer Ankunft in einem Lüftungsschacht versteckte, damit er nicht eingezogen wurde.

Ein paar Meter weiter gibt es einen Raum, in dem einige Biografien von ehemaligen Häftlingsfrauen gezeigt werden. Eine der Biografien handelt von Irma Eckler, die sich in das NSDAP-Mitglied August Landmesser verliebte und vom selbigen Nachwuchs bekam. Als Landmesser seiner Familie zu liebe aus der Partei austreten wollte, wurde Irma Eckler genauer von den Nationalsozialisten untersucht und man unterstellte ihr, jüdischer Abstammung zu sein. Demnach beging Landmesser „Rassenschande“ und wurde verhaftet, während Irma Eckler ins Frauen-KZ Ravensbrück deportiert wurde. Diese Biografie blieb den meisten Schülern aufgrund des traurigen Missverständnisses im Gedächtnis.

Des Weiteren wurden die Häuser der Aufseher, die ebenfalls alle Frauen waren, restauriert und mit Ausstellungsstücken versehen. Genau wie das sogenannte „Führerhaus“ stehen sie etwas abseits des Lagers, in dem die Häftlinge in einfachen Baracken unter menschenunwürdigen Bedingungen lebten und arbeiten mussten. Erledigten sie ihre Arbeiten – die meist aus Straßenbau, Arbeit in einer Textilfabrik oder Anfertigung von Kriegsmaterial in der Firma Siemens bestand – nicht ordnungsgemäß, wurden sie grausam bestraft. Beleidigungen, Stockschläge und Einzelhaft in einer dunklen Kammer ohne Essen im Zellenbau waren dort in den Jahren 1939 bis 1945 an der Tagesordnung. Eine Krankenstation war zwar vorhanden, doch wurden verletzte Häftlinge nur notdürftig behandelt. Viele Schülerinnen und Schüler waren darüber erschrocken, da so etwas in der heutigen Zeit nicht mehr vorstellbar ist.

Ein Fakt, der bei dem eineinhalbstündigen Rundgang vom Personal der Gedenkstätte mehrmals angesprochen wurde, war das stundenlange Stehen, das morgens, abends und als Kollektivstrafe stattfand. Dabei mussten alle 100  000  Häftlinge auf einem großen Platz meist stundenlang stehen. Fast alle Frauen waren barfuß und sogar das „vor-Kälte-von-einem-Fuß-auf-den-anderen-Treten“ wurde wiederum hart bestraft.

Nach dem Rundgang in der Gedenkstätte hatten die Schüler Zeit, ihre Projektaufgaben für die Schule zu erledigen und die Umgebung selbstständig zu erkunden, da noch viele weitere gut erhaltene Gebäude und Denkmäler, wie z.  B. das Krematorium erforscht werden wollten. Auch hier kamen wieder die grausamen Taten der Nazis zum Vorschein.

Am Rande der Gedenkstätte befindet sich eine Jugendherberge, die es Schülern von weiter weg ermöglicht, sich mehrere Tage mit dem KZ auseinanderzusetzen. Dort werden in den diesjährigen Sommerferien wieder Gespräche mit Zeitzeugen stattfinden. Wer Interesse hat, muss sich vorher nur auf der Internetseite der Gedenkstätte anmelden.

Andererseits wurde nach einiger Zeit die Stimmung unter ein paar Schülern etwas angespannter. „Umso länger man die Umgebung auf sich wirken lässt, desto erdrückender erscheint sie einem“, sagte Carolin Seedorf, Schülerin der Klasse 10c, womit sie natürlich völlig recht hat. So interessant dieser Ort auch sein mag, unheimlich ist er ebenfalls.

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