zur Navigation springen
Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

18. November 2017 | 18:59 Uhr

kunst & kultur : Raus aus der Anonymität

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

DDR-Industriegestalter Jürgen Peters wuchs in Goldberg auf / Goldberggalerie zeigt Ausstellung noch bis zum 24. August

Schmied, Maler, Gestalter, all das und vor allem eines war Jürgen Peters – Goldberger. Deshalb widmet sich der Verein Goldbergkunst in der Galerie in der Langen Straße 90 in Goldberg derzeit diesem Künstler. Noch bis 24. August ist die Ausstellung zu Jürgen Peters (1931 – 2009) zu sehen, der sich erst mit der Wende zum Maler und Kunstschmied wandelte. Die Werkschau bietet zugleich Gelegenheit, seine Bedeutung für die Formgestaltung von Industrieprodukten in der DDR-Zeit zu beleuchten.

Jürgen Peters wurde in Wittstock geboren und wuchs in Goldberg auf. Von 1947 bis 1950 absolvierte er dort im örtlichen Meisterbetrieb Cords eine Lehre als Schmied. Danach studierte er sogleich an der Wismarer Fachschule für angewandte Kunst und wechselte nach drei Jahren an die Hochschule für bildende und angewandte Kunst nach Berlin-Weißensee. Bereits als Student legte er herausragende Gestaltungsentwürfe vor, beispielsweise für das Radio „Olympic“. Auch an der Gestaltung der Fernsehgeräte „Alex“ und „Weißensee“ oder der weltbekannten Spiegelreflexkamera „Pentina“ wirkte er maßgeblich mit. 1958 schloss er sein Studium als Diplom-Industriegestalter mit dem Prädikat „Sehr gut“ ab. Direkt daran anschließend tat er sich durch das Design für Lokomotiven hervor. Weitere Entwürfe wurden zwar ebenso in der Fachpresse gefeiert, gingen jedoch niemals in Produktion. Dogmatischen Parteifunktionären oder Planwirtschaftlern waren Peters’ wegweisende Entwürfe zu modern-futuristisch. Auch andere Ideen wie die 1964 für eine Rundfunk-Phono-Fernseh-Kombination wurden nicht verwirklicht. Dafür tauchte sein Entwurf als „Wega 2000“ in der Bundesrepublik schamlos als offenkundiges Plagiat auf und avancierte dort zu einem Design-Klassiker.

1981 erhielt Peters den Designpreis der DDR. Bis 1990 arbeitete er im Amt für industrielle Formgestaltung (AIF), zuletzt als Leiter der Abteilung „Design-Strategie“. In seinem Nachlass fand sich das erste Mitteilungsheft der berühmten westdeutschen Ulmer Designerhochschule von 1958. „Wir in Weißensee waren den Ulmern in Sachen Industrie-Orientierung oder Interdisziplinarität fünf Jahre voraus.“

Das AIF war als staatliche Behörde direkt dem Ministerrat der DDR unterstellt. Formgestaltung war also eine geforderte, geförderte und kontrollierte Regierungsangelegenheit. Entsprechend waren die staatlichen Vorgaben: Sparsamkeit bei der Materialauswahl und Verpackung, Produktion großer Serien, günstige Transport- und Vertriebswege. Die Produkte sollten möglichst langlebig, funktional, erschwinglich und nicht kurzlebig oder modisch sein. Daraus resultierten dann beispielsweise die stapelbaren „Superfest“-Gläser oder Stahlrohrstühle. Die aber gab es dann in derart großen Massen, dass man sich daran trotz des an sich guten Designs schnell satt gesehen hatte. Manchmal fanden schöne oder gewagte Entwürfe zwar den Weg in die großen Kunstausstellungen der DDR, hatten aber danach keine Chance, jemals produziert zu werden. Stattdessen wurden sie von Partei-Ideologen als seelenloser, kalter Formalismus verdammt, um bei der Bevölkerung keine Bedürfnisse zu wecken. Wenn dann trotzdem manche Produkte in die DDR-Läden kamen, dann zu horrend hohen Preisen. Viele Produkte gingen direkt in den Export, ohne dass sie die DDR-Bevölkerung jemals zu Gesicht bekam. Bei Marken wie „Bruhns“ (Unterhaltungselektronik), „Privileg“ oder „Hanseatic“ war ihren Nutzern im Ausland selten bewusst, dass es sich um DDR-Fabrikate handelte.

Mancher Formgestalter hat sich von den Schmähungen nie erholt. Hinzu kam, dass die Entwerfer direkt den Betrieben zugeordnet waren. Ihre Namen blieben deshalb weitgehend unbekannt. Mit der Goldberger Ausstellung wird der Name von Jürgen Peters aus dieser Anonymität hervorgeholt. Sie ist jeweils von Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen von 15 bis 18 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung (0151 – 27584744 oder 038736 – 40597) geöffnet.



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen