zur Navigation springen

Reise in die Geschichte : Post für Nachkommen hinterlassen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Gerhard Drews besitzt noch vier Seiten einer Schweriner Volkszeitung von 1959. Bei jeder größeren Baumaßnahme im eigenen Haus hat er Flasche eingemauert - ein Postbriefkasten auf Zeit sozusagen.

Die knapp 55 Jahre alte, stark vergilbte Schweriner Volkszeitung vom 1. September 1959 liegt eigener Aussage zufolge seit vielen Jahren im Schrank von Gerhard Drews. Nun hat er sich bei uns gemeldet, weil dieses Dokument von Inhalt und Aussehen zwar nichts mehr mit heute zu tun habe, für die heutigen Schreiber aber vielleicht trotzdem (oder gerade deshalb) von Interesse sei – absolut und somit richtig gedacht.

Bei jeder größeren Baumaßnahme in seinem Haus – mittlerweile also dreimal – hat der Plauer auch schon vor der Wende Post hinterlassen: Immer wurde eine Flasche unter anderem mit der SVZ, Münzen der jeweils geltenden Währung und einem kurzen Schreiben eingemauert beziehungsweise unter einer Holzverkleidung eingebaut. „Nachdem wir sie zunächst gemeinsam mit den Handwerkern ausgetrunken hatten“, sagt Drews und lacht.

Als im ländlichen Raum arbeitender Elektriker hat Gerhard Drews in seinem Leben viele Menschen kennen gelernt. „Wenn Not am Mann war“, wie der heute 73-Jährige sagt, kam er hin und wieder auch zur damals gerade gegründeten LPG in Karbow. Noch heute befindet sich dort ein großer Landwirtschaftsbetrieb.

Ganz sicher ist sich der Rentner nicht mehr, aber mit größter Wahrscheinlichkeit habe er damals wegen dieser alten Verbindung die vier Seiten von Ausgabe Nummer 204 der SVZ aufgehoben, weil in ihr auf der Titelseite nachzulesen ist, warum „Kollege Seemann“ gern Mitglied dieser Genossenschaft wurde. Es sei dem Artikel zufolge „nicht leicht, mit zwei Personen einen zehn Hektar großen Betrieb zu bewirtschaften“, doch auch in der LPG werde man „noch kräftig zupacken müssen, bis sie ein mustergültiger Betrieb ist“. Nicht nur wegen des Inhalts, auch wegen der Gestaltung ist die Beschäftigung mit dem alten Dokument eine Reise in eine andere Welt. Farbfotos gab es zwar auch noch mehrere Jahre nach der Wende nicht. Aber auf vier Seiten insgesamt nur drei kleine Bilder, eine Zeichnung und als einzige Farbe in einer (in Zeitungskreisen so genannten) „Bleiwüste“ zwei rote Überschriften – „Bändigt den deutschen Militarismus, sichert den Frieden!“ und „Warum ich Mitglied der LPG wurde“ – war auch vor gut 20 Jahren schon undenkbar.

Vieles andere klärt über Planerfüllung auf und ist Kalter Krieg pur. So gut wie alles Umstehende hätte von Karl-Eduard von Schnitzler geschrieben sein können. Während man in der DDR etwa „die Kriegsbrandstifter entmachtet“ habe und „der friedliebende Staat der Arbeiter und Bauern“ entstand, seien in der Bundesrepublik „die Kriegstreiber wieder am Werk“. Adenauer und Strauß – vor 55 Jahren nur „Kriegsminister“ genannt – betrieben die Vorbereitung eines neuen Krieges „mit einem ungeheuren inneren Terror nach dem Beispiel Hitlers“. Sie versuchten, ihren unvermeidlichen Untergang durch die Entfesselung eines neuen Weltkrieges hinauszuzögern, heißt es im Hauptartikel auf der ersten Seite. Annäherung noch ein Fremdwort – wenngleich Strauß auch im Westen zu Lebzeiten ein oft umstrittener Mann war, der über mehrere Affären stolperte.

zur Startseite

von
erstellt am 17.Jan.2014 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen