heimatliches : Plattdeutsch verbindet eben

Präsenz und eine markante Stimme: Wolfgang Ohlhorst
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Präsenz und eine markante Stimme: Wolfgang Ohlhorst

Es ist die Sprache der Heimat, nicht so hart und nicht so böse

svz.de von
17. Dezember 2014, 22:00 Uhr

„Oopenander geht ooch nich“, sagt der Herr hinter dem Rednerpult, denn der Veranstaltungsraum im Mehrgenerationenhaus (MGH) ist so bevölkert, dass sich niemand mehr zwischen Stuhllehnen und Wand hindurchquetschen könnte. Also hat Wolfgang Ohlhorst, Lübzer Spezialist für Niederdeutsch, kurzerhand einen weiteren Termin für seinen bunten Plattdeutsch-Nachmittag bei Kaffee und Kuchen eingerichtet.

Die große Nachfrage nach Läuschen, Witzen, Liedern auf Platt verdankt sich gewiss auch der Umtriebigkeit des Mannes mit der markigen Stimme und der unerschütterlichen Vortragssicherheit. Während er redet, ist Plattdeutsch vorübergehend Weltsprache. Aber er ist auch gut vernetzt. Seit 1980 schon bietet er seine Vorträge an und leitet Gruppen, in denen das Plattdeutsche gesprochen, mithin auch gepflegt wird. Ohlhorst hat Fans.

Und die Sprache eint. Man ist heuer unter Gleichgesinnten und auch jene, die einmal durch Flucht und Vertreibung im niederdeutschen Sprachgebiet ankamen – die Ehefrau Wolfgang Ohlhorsts zum Beispiel zählt dazu – verstehen mittlerweile Platt, sprechen können sie es naturgemäß nicht so gut. Dennoch – auch ein aufs Hochdeutsche reduzierter Zuhörer hätte allein am Sprachklang, an der erdig-resoluten Vortragsweise Ohlhorsts und an der gelösten Atmosphäre unter den Zuhörern seine Freude gehabt. Als das Publikum „Miene Heimat“ von Martha Müller-Grählert singt, wird geschunkelt und ansonsten gelauscht, gelacht, geklatscht. So war die besinnliche Stimmungslage des unvergänglichen „Wo de Ostseewellen trekken an den’n Strand“ von Grählert eine Ausnahme, im gesprochenen Teil des Nachmittags ging es um komische Alltagssituationen, also Verwicklungen, Missverständnisse, Situationskomik auf Platt. Ein Beispiel: Als Mecklenburg von Napoleon besetzt war, verlangten französische Soldaten von einer Bäuerin Hühnersuppe, Suppe von „le poule“. Die Bäuerin wehrte sich, schließlich, unter Tränen, bereitete sie die Suppe. Als das dritte Bein von „le poule“ aufgetischt wurde, wunderten die Franzosen sich. Wie konnte „le poule“ mehr als zwei Beine haben? Ein Sprachproblem mit Folgen: Die Bäuerin hatte anstelle des Hahns aus ihrem Pudel Suppe gemacht.

Nacherzählt, wirkt die Geschichte, die bei Schwerin tatsächlich passiert sein soll, leicht makaber. Wird die Anekdote aber als Läuschen (Autor: Rudolf Tarnow), das heißt schön umständlich und vor allem in Platt erzählt, dann scheinen norddeutsche Mentalität und bodenständiger Humor auf. So dargeboten, lässt es sich entspannt über das Missgeschick lachen. „Wir sind mit Plattdeutsch aufgewachsen“, sagt eine Zuhörerin. „Erst in der Schule haben wir Hochdeutsch gelernt.“ Platt, da ist man sich in der Gesprächsrunde einig, nimmt man nicht so ernst, „es klingt nicht so böse, so hart.“ Wird das Hochdeutsche also eher als Amts-, gar Obrigkeitssprache empfunden? Das nicht unbedingt, aber man kann sich freier ausdrücken. „Du Schieter“, erläutert einer der Gäste, „kann man zu jemandem sagen, aber auf Hochdeutsch geht das nicht.“

Plattdeutsch also löst die Zunge. Es darf auch mal ein bisschen derber sein. Zukünftig will Wolfgang Ohlhorst, der seine Dienste im Übrigen auch als weltlicher Bestattungsredner anbietet, seine Veranstaltungen regelmäßig im MGH anbieten. Termine für Juni und Dezember 2015 stehen schon fest.

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