Freunde des Niederdeutschen : Platt is ok hüt noch wat!

Bei den Passower Plattsnackern werden regelmäßig niederdeutsche Texte vorgelesen. Fotos: Monika Maria Degner
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Bei den Passower Plattsnackern werden regelmäßig niederdeutsche Texte vorgelesen. Fotos: Monika Maria Degner

Seit sechs Jahren treffen sich die „Plattsnacker“ aus Passow. Einmal im Monat wird hier Platt geredet, gelesen und eventuell gratuliert.

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29. Januar 2016, 12:00 Uhr

Das eine oder andere Auto zieht seine Spur über den beschneiten Parkplatz vor der alten Schule in Passow. Es ist Mittwoch Nachmittag und jetzt wird dieser Ort zur Bastion einer vielleicht aussterbenden Sprache, zu einem Nest des Widerstands gegen das Hochdeutsche. Hier wird einmal im Monat noch Platt geredet, Platt gelesen und eventuell auf Platt gratuliert. Die Rede ist vom Treffen der „Plattsnacker“ aus Passow. Seit sechs Jahren nun gibt es den Zirkel der etwa zehn Getreuen. Der ehemalige Lehrer Hinnerck Dahnke aus Passow hat ihn initiiert.

Es ist gemütlich, gibt belegte Brötchen und kalten Hund. Das eine ist so deftig, wie das andere kräftig süß. Irgendwie hat das einen bestimmten Stil. Deftig und süß klingt auch die Laudatio, die Henning Stibe seiner Tischnachbarin Lotti Hannemann auf Platt darbringt. Anschließend wird gesungen, unter anderem das „Mäckelbörger Land“, ins Niederdeutsche übertragen vom Lehrer und Heimatforscher Johannes Pabst. „Pabst war übrigens so etwas wie ein Vorgänger hier“, sagt Hinnerck Dahnke. „In Benthen hat Pabst die Plattdeutsch-Gruppe ,Poggenstäuhl‘ geleitet.“ Außerdem hat er, der im 20. Jahrhundert lebte, unter anderem das beliebte „Eickbaum-Lied“ von Fritz Reuter (1810 - 1874) teilmodernisiert. So oder so gilt es als „Hymne“ Mecklenburgs und wird auch hier am Tisch liebevoll angestimmt.

Ob das Niederdeutsche angesichts der Standardsprache Hochdeutsch und des heftigen Ansturms von Anglizismen einen Platz wie die standhafte, trutzige Eiche des Lieds wird bewahren können, ist sicher fraglich. Noch jedenfalls wird Plattdeutsch im alten Landkreis vielerorten gepflegt. Nur ein paar Kilometer von Passow entfernt haben sich Freunde des Niederdeutschen zu den Goldberger „Plattsnackern“ zusammengetan. Seit zehn Jahren existiert die Gruppe und ist, laut Aussage des Lübzer Aktivisten in Sachen Platt, Wolfgang Ohlhorst, sehr engagiert. Dafür spricht unter anderem, dass in Goldberg sogar der „Struwwelpeter“ und „Max und Moritz“ ins Niederdeutsche übersetzt wurden. Allerdings hat auch das Plattdeutsche seine regionalen und lokalen Besonderheiten, erläutert Waltraud Komorowski, Gründungsmitglied des Goldberger Treffs. Sie liebt diese Sprache, die einst die Sprache der Hanse war. Wie so viele der Plattsnacker in der Umgebung ist auch sie mit Platt aufgewachsen, obwohl ihre Eltern mit den Kindern nur Hochdeutsch sprachen. „Aber in der Umgebung wurde Platt gesprochen“, sagt sie, die genau weiß, warum sie die Volkssprache des Nordens so schätzt. Sie klinge „herzlich und zugetan“. Und: „Wenn Sie eine halbe Stunde Platt geredet haben, dann empfinden Sie Hochdeutsch als gestelzt.“

Und damit nicht genug: Noch mehr Initiativen im Umkreis halten das Niederdeutsche lebendig, jedenfalls so weit als möglich. In Lübz existiert der „Plattdütschkring“ mit sogar wöchentlichen Treffs und in Plau tagen regelmäßig die „Plappermoehler“. Auf Festen und Seniorentreffs wird häufig Plattdeutsches zum Besten gegeben und Hannelore Weiland vom Verein Kirche Kuppentin ist es sogar gelungen, Wolfgang Mahnke zu einer Lesung am 27. April 2016 in das Museum Kuppentin einzuladen. Der Reuter-Preisträger ist Ehrenvorsitzender des Bundes niederdeutscher Autoren.

Die alles entscheidende Frage aber ist, ob das Niederdeutsche auch von den jeweils jüngeren Generationen weitergetragen wird. Seit die Sprache 1999 in die Charta der Minderheitssprachen aufgenommen wurde, wird im Land staatlicherseits einiges für ihren Fortbestand getan, so mit einem jährlichen Plattdeutsch Wettbewerb für Schüler oder auch mit einem Erlass von 2004, das Niederdeutsche in die Fachunterrichte zu integrieren. Das aber klappt nicht überall so gut wie am Crivitzer Gymnasium, wo gleich drei Deutschlehrer Niederdeutsch als Bei- oder Schwerpunktfach studiert haben. „Man muss auch Kollegen haben, die das sprechen können“, sagt Bierger Zimmermann, Leiter der Schule am Klüschenberg in Plau. Aber die Plauer strecken gerade die Fühler aus, um entsprechende Nachmittagskurse anbieten zu können, in denen Gastdozenten dann die Lehrerrolle übernehmen. An der Regionalen Schule in Goldberg laufen für die Fünftklässler gleich zwei Niederdeutsch-Kurse. Zu überlegen wäre sicher auch eine Zusammenarbeit der Schulen mit „ehrenamtlichen“ Plattsnackern, die ihr Niederdeutsch gerne in die Schulen tragen würden.

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