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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

16. Dezember 2017 | 18:00 Uhr

Gesundheit : Pflegenotstand? Noch nicht!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Experten beleuchteten im Ludwigsluster Rathaus die Pflegelage im Kreis, aber auch im Bund / Vor allem fehlt es an Personal

von
erstellt am 08.Jul.2015 | 15:06 Uhr

Großen Respekt, den werden die Besucher des Forums zur Zukunft der Pflege im Landkreis in jedem Fall an dem Abend bekommen haben. Gibt es einen Pflegenotstand? Antwort der Experten auf diese Frage des Abends: Nein, aber er kann schnell kommen. Obwohl beim Gesetzgeber im Bund sehr viel passiert, obwohl viele über die Pflege reden, obwohl die Anbieter gerade im Landkreis auf den Ansturm eigentlich eingerichtet sind – rollen gleich mehrere Wellen auf die Pflegefront zu. Zum einen ist da die steigende Überalterung. Schon im Jahr 2012 waren 21 Prozent der Bevölkerung im Landkreis 65 Jahre oder älter. Im Jahre 2030 werden es 32,4 Prozent sein. Die Mehrheit davon wird lange selbstbestimmt leben können, viele werden aber der Pflege bedürfen.

Das zweite Problem ist die Alterung beim Pflegepersonal. Gerade in den nächsten Jahren werden sehr viele erfahrene Schwestern mit solider Ausbildung in der DDR in Rente gehen. Ob sie ersetzt werden können, ist unklar. Denn schon jetzt fehlen tausende Pflegekräfte in Krankenhäusern und in den Pflegeeinrichtungen. Zudem, das kam an dem Abend klar heraus, ist der Beruf des Altenpflegers alles andere als attraktiv, weder moralisch noch finanziell.

Doch die größte Gefahr, die niemand richtig in Zahlen ausdrücken kann, kommt von den Familien. Denn 80 Prozent aller Pflegebedürftigen werden nach wie vor in den Familien gepflegt. Es ist aber alles andere als sicher, dass dies in den kommenden Jahren auch so bleibt.

Es ist das Verdienst der Konrad-Adenauer-Stiftung gewesen, sich mit diesem von Experten getragenen Forum diesem wichtigen Thema genähert zu haben.

Auch wenn der Abend deutlich mehr Besucher im Lichthof des Ludwigsluster Rathauses verdient gehabt hätte, hielt das die Fachleute nicht davon ab, Klartext zu reden.

Prof. Dr. Hans-Joachim Goetze von der Hochschule Neubrandenburg wies z. B. darauf hin, dass man mit den jetzt neu bewilligten 660 Millionen Euro bis 2018 zwar 7000 Pflegekräfte neu einstellen könne. Doch schon jetzt würde deutlich mehr Personal fehlen. Nur um den Zustand von 2007 zu erreichen, müsste man schon jetzt 50 000 Pflegekräfte in Krankenhäusern einstellen. Die Folge des Mangels seien eine ständige Auszehrung des Personals und demzufolge hohe Krankenstände. Zudem würden die Anforderungen steigen, eine Akademisierung der Pflegekräfte sei dringend geboten. Zudem müssten die Kräfte mehr Spielraum bekommen, um sich von den „Göttern in Weiß“ unabhängiger machen zu können.

Dietrich Monstadt, als CDU-Bundestagsmitglied schon seit Jahren u. a. im Gesundheitsausschuss tätig, leistete Aufklärungsarbeit in puncto neuer Gesetze des Bundes zu diesem Thema. Sein Fazit: So viel wie in den vergangenen Jahren sei noch nie passiert. Dennoch räumte auch Monstadt ein, dass der demografische Wandel stärker als gedacht greife. Besondere Sorgen machen sich die Gesundheitspolitiker über die Zunahme demenzieller Erkrankungen, jährlich kämen 300 000 Fälle dazu. Dennoch sei der Landkreis, sei Mecklenburg-Vorpommern im Vergleich zu anderen Regionen ganz gut aufgestellt. Ziel der Politik bleibe aber, den Menschen so lange wie möglich den Verbleib in der vertrauten häuslichen und familiären Umgebung zu ermöglichen. Das wollen auch die Mitarbeiter von Norbert Zobel, dem dritten Experten. Zobel ist Geschäftsführer des Pflegezentrums Lobetal in Lübtheen.

Und er goss Wasser in den Wein. Zwar sei wirklich viel passiert und er hätte nie geglaubt, dass er die CDU einmal loben würde, dennoch würden viele ältere Menschen im Fall der Fälle hilflos dasitzen und die Angebote nicht verstehen. „Die Gesetze sind zu kompliziert, kaum einer versteht die Vielfalt der Angebote, die Sprache in den Anträgen. Das muss verständlicher werden, auch wir Experten sehen oft nicht durch.“ Die Finanzierung stimme in vielen Fällen nicht, besonders die ambulante Tagespflege sei kaum noch zu finanzieren. Es sei zwar viel Geld im System, doch es werde oft falsch verteilt. Zudem greife durch die gebrochenen Erwerbsbiografien die Altersarmut immer mehr um sich. Menschen in Pflege würden so sehr schnell zu Sozialfällen.

Fazit am Abend: Dieses hoch komplizierte Thema hat weitere Informationsabende dieser Art verdient.

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