zur Navigation springen

Chronik eins bewegten Lebens : Parchim-Geschichte persönlich erzählt

vom

14 Jahre ist es her, dass der wohl bekannteste und heute immer noch vielen bekannte Kohlenmann von Parchim seine letzte Fuhre ausgetragen hat. Klaus-Dieter Micheel lebte seinen Job 30 Jahre mit vollem Einsatz.

Parchim | 14 Jahre ist es mittlerweile her, dass der wohl bekannteste und heute immer noch vielen bekannte Kohlenmann von Parchim seine letzte Fuhre ausgetragen hat. Klaus-Dieter Micheel lebte seinen Job in dem traditionsreichen Familienbetrieb der Firma Christian Ahrendt 30 Jahre mit vollem Einsatz. Zum treuen Kundenstamm gehörte ebenfalls die Familie Tamke, drei Generationen lang: "Für mich war Herr Micheel über Jahrzehnte der freundliche und zuverlässige Kohlenmann", erinnert sich Regina Tamke. In den zurückliegenden Monaten lernte sie den gebürtigen Parchimer aber auch als humorvollen Erzähler kennen, nachdem sie im Sommermuseum 2010 zufälligerweise miteinander ins Gespräch kamen. Wie nebenbei ließ Klaus-Dieter Micheel damals eine von ihm geschilderte Episode mit der Bemerkung "Das müsste man eigentlich aufschreiben" enden, ohne zu ahnen, dass Regina Tamke ihn schon wenig später beim Wort nehmen würde.

Das Ergebnis liegt jetzt als Manuskript vor. Es trägt den Titel "Mutter die Kohlen sind da! - Randnotizen eines Parchimer Bürgers aus sieben Jahrzehnten". Sie sollen 2012 in der Schriftenreihe des Museums der Stadt Parchim veröffentlicht werden, stellt Museumsleiter Wolfgang Kaelcke in Aussicht.

Beeindruckt vom exakten Erinnerungsvermögen

Ein Jahr lang trafen sich Regina Tamke und der Kohlenmann regelmäßig einmal in der Woche zu jeweils zwei- bis dreistündigen Gesprächen. Dabei vermochte Klaus-Dieter Micheel, der im März 2011 seinen 70. Geburtstag beging, die aufmerksame Zuhörerin immer wieder aufs Neue mit seinem bemerkenswerten Erinnerungsvermögen, seinem Gespür für Details sowie seinem fotografischen Gedächtnis zu beeindrucken. Dafür stehen u. a. die Schilderungen Micheels, wie er um Haaresbreite durch einen Flugzeugabsturz ums Leben gekommen wäre: Nicht als Passagier, sondern, weil er sich Sekunden vorher in dem Haus am Badstaven aufhielt, in das am 10. Januar 1944 um 16.02 Uhr ein Flieger stürzte, explodierte und zwei Menschen mit in den Tod riss. Klaus-Dieter Micheel war damals knapp drei Jahre alt…

"Jeder Gesprächsnachmittag war für mich ein großes Geschenk, weil diese Unterhaltungen meine Kenntnisse über die Stadt und ihre Geschichte sehr erweiterten", behält Regina Tamke die zurückliegenden Monate in bester Erinnerung. Für sie sei es ein großer Vertrauensbeweis gewesen, mit so viel Offenheit begegnet worden zu sein. In Episoden und illustriert mit zahlreichen Aufnahmen aus den Familienalben der Micheels zeichnet die Chronistin das Leben eines waschechten Parchimers nach, der - behütet von Mutter, Großmutter und Tante - im wahrsten Sinne des Wortes durch die Kindheit ströperte und sich die Stadt als seinen Abenteuerspielplatz eroberte.

Legendärer Traktor parkt heute auf dem Museumshof

Mehrere Kapitel erinnern an die Kriegs- und Nachkriegszeit in der Eldestadt, geben Auskunft über Schul- und Lehrjahre von Klaus-Dieter Micheel. Und sie beschreiben, wie er in das traditionsreiche Familienunternehmen hineinwuchs, das am 19. November 1899 von Micheels Großonkel Christian Ahrendt gegründet wurde. Genau 99 Jahre war die älteste Kohlenhandlung Parchims im Dienste ihrer Kunden tätig, bevor der letzte Inhaber das Gewerbe zum 12. Dezember 1997 abmeldete. Ein Lesevergnügen ist u. a. die Geschichte jenes legendären blauen Traktors aus dem Baujahr 1938, der einen Krieg, 40 Jahre Sozialismus und drei Jahre Marktwirtschaft überlebte, dann am fälligen TÜV scheiterte. Dieser unzählige Male von Klaus-Dieter Micheel auseinander- und wieder zusammengebaute Schlepper, der Jahrzehnte zum vertrauten Stadtbild gehörte, wurde am 8. März 1993 außer Dienst gestellt. Das Gefährt hat heute seinen verdienten Platz auf dem Museumshof in der Lindenstraße.

"Ja, das ist meine gesamte Lebensgeschichte", fühlt sich Klaus-Dieter Micheel von Regina Tamke authentisch dargestellt. Die Autorin aus Grebbin fand durch ihre dreijährige ABM-Tätigkeit im Museum zur Heimatgeschichte. "Das war damals wie eine Initialzündung und ich begann, viele Dinge auch aus einer anderen Perspektive zu sehen", erzählt die gebürtige Parchimerin, Jahrgang 1951.

Doch die eigentliche Liebe zu ihrer kleinen Stadt habe ihr Vater geprägt. Regina Tamke ist es in einer enormen Fleißarbeit und mit sehr viel Akribie gelungen, Parchimer Geschichte mit einem persönlichen Beispiel zu verknüpfen und dadurch lebendig werden zu lassen. Jungen Leuten möchte sie mit auf den Weg geben: "Fragt eure Eltern und Großeltern rechtzeitig nach der Vergangenheit. Wenn ihr das zu lange vor euch herschiebt, ist es irgendwann zu spät, Antworten zu erhalten!"

Am Donnerstag dieser Woche machte sich die Chronistin bereits neue Notizen: Ab und an treffen sich Klaus-Dieter Micheel und Regina Tamke noch zu einer Plauderstunde. Überhaupt könnte Regina Tamke schon wieder ganz von vorn anfangen: Museumsleiter Wolfgang Kaelcke ließ nämlich den Namen eines weiteren Parchimer Bürgers anklingen, der ebenfalls viel zu erzählen hat…

zur Startseite

von
erstellt am 23.Dez.2011 | 06:12 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen