Gnevsdorfer Lehmmuseum startet in die Saison : Öko-Baustoff zeigt seine wandelbare Seite

<strong>Schlammpackung für die Dame: </strong>Marita Kiehnscherf bessert das Kleid der Skulptur mit Lehm aus. <fotos>Fotos: Antje Bernstein</fotos>
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Schlammpackung für die Dame: Marita Kiehnscherf bessert das Kleid der Skulptur mit Lehm aus. Fotos: Antje Bernstein

Der nasse Lehm rinnt durch ihre Finger. Marita Kiehnscherf streicht die Masse über das Kleid der stummen Dame. Die steht gelassen unter einem Sonnenschirm aus Stoff und Kalk und lässt sich die Schlammpackung gefallen.

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02. Juli 2012, 09:49 Uhr

Gnevsdorf | Der nasse Lehm rinnt durch ihre Finger. Marita Kiehnscherf streicht die Masse über das Kleid der stummen Dame. Die steht gelassen unter einem Sonnenschirm aus Stoff und Kalk und lässt sich die Schlammpackung gefallen. Die Lehmfigur hat Marita Kiehnscherf zum Start des Mecklenburger Lehmbausommers gebaut. Jetzt empfängt sie die Besucher des Gnevsdorfer Lehmmuseums. "Sie soll jeden letzten Samstag im Monat ein neues Kleid bekommen. Diesmal haben wir es mit Blümchen versucht. Das nächste Mal könnten wir Steinchen oder bunten Lehm benutzen. Mal sehen, was uns da einfällt", sagt Kiehnscherf. Bevor der Garderobenwechsel ansteht, muss aber erst einmal das alte Kleid geflickt werden. "Regen und Lehm vertragen sich nicht so gut. Letzte Nacht hat es ihr den halben Rock weggespült", sagt Kiehnscherf und putzt mit dem flüssigen Lehm brüchige Stellen aus.

Wie wichtig Wasser - wenn auch in Maßen - dennoch für den Lehmbau ist, das lernen die Besucher bei Daniel Tkotsch. Anhand von Lehm-Experimenten zeigt er, welche physikalischen Kräfte zwischen Ton, Sand, Wasser und Luft wirken und wie sie Lehm zu einem stabilen Baumaterial machen. Lennox will es genau wissen. Daniel Tkotsch reicht dem Jungen einen mit Sand gefüllten Handschuh, der am Rohr eines Staubsaugers hängt. Lennox drückt zu. Daniel schaltet den Staubsauger ein. Aus der labbrigen Hand wird eine steife Kralle. "Die ist ganz hart", sagt Lennox erstaunt. "Je mehr Luft im Sand ist, desto eher verhält er sich wie Wasser", erklärt Daniel. Ähnlich verhalte es sich bei Lehm. "Je enger das Gemisch ist, desto fester wird der Baustoff", verdeutlicht der Fachmann. Das will Lennox gleich selber ausprobieren. Zusammen mit Schwester Selina, Oma Astrid und Opa Uwe versucht er sich an einem Lehmhaus im Miniformat. Lehmbauexperte Sigurd Kindel gibt den Kindern Tipps, wie sie die Bausteine zu einer Wand mauern können. "Das ist Mörtel, der wie Klebstoff wirkt", sagt er und reicht den Beiden eine Schale mit einem Lehm-Wasser-Gemisch.

Was Lehm sonst noch alles kann, wo er herkommt und wie mit ihm Häuser gebaut werden, das erfahren Besucher im Museum. In dem ehemaligen Stallgebäude zeigen Modelle, wie der Baustoff verarbeitet wird und wie mit der Masse eindrucksvolle Putze gestaltet werden können. Marita Kiehnscherf und ihre Kollegin Marina Stolte beantworten geduldig jede Frage zum Naturbaustoff. Die Beiden kümmern sich ehrenamtlich um die Einrichtung. Gerade an Aktionstagen kein leichter Job. "Wir können jede Menge Unterstützung gebrauchen", sagt Marita Kiehnscherf. Viele Mitglieder hat der Förderverein des Museums zwar, die leben jedoch zum Großteil in anderen Bundesländern. "Wir brauchen Leute aus der Region, die sich für Lehmbau interessieren", sagt Kiehnscherf. Sie hofft nicht nur auf personelle Unterstützung für das Museum, sondern auch auf mehr Platz. Noch aber ist das Museum nur im rundum erneuerten Stall eines ehemaligen Bauernhofes beheimatet. Das Hauptgebäude ist ungenutzt. "Mein Traum ist es, dass wir das Ensemble wieder zusammen kriegen. Uns fehlt nämlich noch ein Depot", sagt Kiehnscherf. Doch der Rest der Hofanlage steht zum Verkauf. "Aber träumen darf man ja", sagt Kiehnscherf. Die Hoffnung ist nicht unbegründet. Schließlich zieht die Einrichtung Lehmbauer aus ganz Europa regelmäßig zu Kursen nach Gnevsdorf und Wangelin. Die Europäische Bildungsstätte für Lehmbau um Uta Herz holt Experten aus allen Teilen der Welt nach Mecklenburg, damit diese hier ihr Fachwissen teilen. Das Lehmmuseum sucht in ganz Deutschland seines Gleichen. Doch in der Region ist es bislang ein Geheimtipp geblieben. "In Bayern oder gar im Ausland weiß man mehr über das Lehmmuseum als hier in der Region", bedauert Marita Kiehnscherf. Mit Aktionen wie dem jetzt gestarteten Mecklenburger Lehmbausommer soll das Museum auch hierzulande bekannter werden. Deshalb sind in Gnevsdorf bis August, jeweils am letzten Samstag im Monat, nicht die Lehmbauprofis, sondern interessierte Laien gefragt. Sie können mit Lehm experimentieren und so die Vielfalt des Naturbaustoffs selbst ergründen.

Das nächste Veranstaltungs-Highlight steht indes bereits vor der Tür: Am Freitag, 20. Juni, wird Dr. Ivana Zabickova ab 19.30 Uhr einen Vortrag zum Lehmbackofenbau halten. Am Sonnabend stellen Handwerker aus Deutschland, Finnland und Tschechien in der Zeit von 10 bis 18 Uhr vergessene Lehmbautechniken vor.

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