seminar : Obstbäume in Pyramidenform

Gartenbaumeister Thomas Franiel beim Schnitt der Quitte.  Fotos: monika maria degner
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Gartenbaumeister Thomas Franiel beim Schnitt der Quitte. Fotos: monika maria degner

Die vermittelte Thomas Franiel, Gartenbaumeister und Baum-Sachverständiger, einigen Seminarteilnehmern im Wangeliner Garten

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12. November 2014, 22:00 Uhr

Ein Baum strebt zum Licht, sollte man meinen. Dennoch entwickelt er unter Umständen ein so dichtes Gestrüpp aus Ästen und Ästchen, dass das Licht nicht mehr ausreichend in das Gezweig einfallen kann. Jetzt muss der Gartenfreund tätig werden und den Baum im Wortsinn wieder lichten. Nur, wie schneidet man richtig? Um die Besitzer von Hausgärten in dieser Frage zu unterstützen, veranstaltet der Wangeliner Garten in jedem Jahr wieder ein mehrstündiges Seminar zum Thema Baumschnitt.

Es lag garantiert nicht am trüben Novembertag, dass die Seminarteilnehmer fast durchweg ernste Mienen zeigten. Es lag am komplizierten Thema und sicher auch daran, dass kein Hobbygärtner seine Bäume unsachgemäß verstümmeln möchte. Freund Baum liegt uns am Herzen, also galt es, hochkonzentriert zuzuhören, denn Seminarleiter Thomas Franiel servierte zwar nicht unbedingt schwere Kost, aber eben sehr reichliche. Kein Thema, zu dem der Gartenbaumeister und ministeriell bestellte Baum-Sachverständige nicht faktenreich ausholte.

Wera Bluhm, seit 1998 Leiterin des Wangeliner Gartens und heute noch begleitend hier tätig, weiß auch, wie viele Fehler beim gut gemeinten Baumschnitt im Hausgarten gemacht werden. „Wenn man einen Baum neu kauft“, sagte sie, „wird einem der Pflanzschnitt gezeigt, später dann wird der Baum häufig verschnitten.“ Äste, die man kappt, müssten sehr sorgfältig gewählt werden. Gerade den kleinen Ast oben am Baum sollte man nicht wegschneiden, erklärte sie. Hauptgrundsatz aber ist, dass der Baum schließlich eine Pyramidenform erhält. Neigt sich Astlage über Astlage, hängen wohlmöglich die Früchte eng aufeinander, kann dies nicht gedeihlich sein. Außerdem sollte der Hobbygärtner nicht allzu eifrig darauf warten, dass sein junges Bäumchen nach Pflanzung bald viele Früchte trägt. Allerfrühestens vom dritten Jahr an, mahnt Bluhm, sollte man Äpfel zum Beispiel reifen lassen, sonst zögen die Früchte zu viel Kraft aus dem Baum.

Und wo sollte man seine Bäume kaufen? Kann man sie zum Beispiel einfach im Gartencenter eines Baumarkts erstehen? „Egal“, meint Wera Bluhm. „Aber man sollte sie besser nicht in Töpfen kaufen.“ Darin haben sie oft schon zu lange gestanden und die Wurzeln konnten sich nicht recht entwickeln. In der Tat sind Bäume in vielerlei Hinsicht Sorgenkinder. Der unsachgemäße Schnitt ist da vielleicht noch ein geringeres Übel. Bäume werden unter anderem von Pilzen, Bakterien, Viren befallen, weiß Thomas Franiel. In Mecklenburg ist vor allem die Kastanie schwer erkrankt, sogar so sehr, dass ein Anbaustopp verhängt wurde. „Hier gibt es nur die Hoffnung, dass Bäume Toleranzen entwickeln.“ Ein schnell wirkendes Heilmittel aus der Sprühpistole gibt es offenbar nicht.

Aber auch Erstaunliches wurde an diesem Tag vermittelt. Man ist zum Beispiel nicht zu spät dran oder gar nachlässig, wenn man seine Bäume erst im April oder Mai schneidet. Der Frühjahrsschnitt hat sogar Vorteile, so Franiel, und man darf ihn auch während der Blüte durchführen. Ohnehin, verrät der Baumprofi zum Erstaunen des Publikums, müssen für einen guten Ertrag lediglich 5 Prozent der Blüten am Baum bleiben. Welcher Gartenlaie hätte angesichts seines mit Blüten weiß beschneiten Kirschbaums mit einer solchen Quote gerechnet?

Naturgemäß bietet das Wangeliner Gelände genügend Objekte für den anschaulichen Unterricht und so folgte einem theoretischen Teil bei gemütlichem Lehmofenfeuer der Rundgang über das Grundstück. Auf dem rückwärtigen Wiesenareal kamen nun jene ein halbes Dutzend zählenden „Instrumente“ zum Einsatz, die einer mittelalterlichen Bewaffnung mit Lanzen und Speeren ähnlicher sahen als Obstbau-Werkzeugen. Mit den langstieligen Helfern allerdings gelang es Franiel vorzüglich, einer verstrüppten Quitte bis in die Spitze wieder zur Pyramidenform zu verhelfen, „Immer wieder“, lehrte der Meister, „muss man den Baum umrunden, um die Übersicht zu behalten und nicht zu viel zu kappen.“ Also umkreiste er den Baum mit prüfendem Blick, schnippte hier und dort, bis die Quitte, ertüchtigt für das kommende Jahr, zurückblieb und die Gruppe um Franiel ein paar Bäume weiter ging. Zum nächsten Anschauungsobjekt…


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