ein Champion : Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

Peter-Michael Diestel in seinem Büro, das eine stilvolle Eleganz ausstrahlt.
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Peter-Michael Diestel in seinem Büro, das eine stilvolle Eleganz ausstrahlt.

Heute: Ein Porträt von Peter-Michael Diestel – Politiker in der Wendezeit und heute „Staranwalt“

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29. April 2017, 12:00 Uhr

Er kommt ein paar Minuten zu spät zu unserer Verabredung in sein Büro, entschuldigt sich, nimmt hinter dem eleganten Schreibtisch Platz. Die Platte ist perfekt aufgeräumt, an den Wänden Ölgemälde in barocken Goldrahmen. Akten sucht man hier vergeblich. Alles in diesem Raum ist stilvoll, wirkt traditionell bürgerlich, Kanzleiromantik mit einem Quäntchen Strenge. Nichts ist „in“, nichts Mainstream.

Dr. jur. Peter-Michael Diestel, dieses Fazit unseres Gesprächs sei vorweggenommen, ist ein Mensch in Bewegung, geistig, körperlich, auch wenn er heute wegen einer OP noch auf Krücken gestützt in sein Büro gekommen ist, schnell übrigens trotzdem. Und er ist ein Mensch der Kraft, ebenfalls in doppelter Hinsicht, zunächst aber einmal in körperlicher. Der athletische Körper sei immer auch Mittel gewesen, die persönliche Bewegungsfreiheit zu erhalten, sagt er. Bezeichnenderweise ist Diestel zu unserem Gespräch aus seinem „Kraftraum“ gekommen, wo er gerade noch wegen seiner Hüftoperation vom Physiotherapeuten behandelt wurde. Diesen Raum wird er während des Gesprächs immer wieder einmal erwähnen, so dass sich die Phantasie eines Kraftzentrums innerhalb seines weitläufigen romantischen Anwesens in Zislow bei Plau fast schon zwangsläufig einstellt. „Ich bin stolz darauf“, sagt der 65-Jährige, „dass ich in der Bank immer noch drei Zentner stemmen kann.“ Berechtigter Sportlerleistungsstolz klingt genau so und der Hausherr weiß, was er der sportlichen Tüchtigkeit verdankt. Schon zu DDR-Zeiten habe man ihn, der christlich-konservativ geprägt war, nicht ausgrenzen können oder wollen, berichtet er, weil er ein hervorragender Sportler gewesen sei. Und heute noch schöpfe er einen großen Teil seines Selbstbewusstseins aus seiner guten körperlichen Verfassung. Dass er deswegen nun eine Hüft-OP durchstehen musste, scheint er in Kauf zu nehmen. „Jahrzehnte Kraftsport fordern eben ihren Tribut“, sagt er. Widersprüche bringen Diestels Selbstverständnis so schnell nicht aus der Fasson.

Der Anwalt, der Politiker Diestel, über den schon viel geschrieben wurde, oft unter dem Markenattribut „schillernd“, ist ein Champion, so sieht er sich wohl auch selbst. Sein Lebensweg führte häufig über einen Grat von beträchtlicher Höhe und er ging ihn ziemlich schwindelfrei. Während die meisten Erfolgreichen sich mit Selbstlob eher zurückhalten, spricht Diestel offensiv über seine Erfolge. „Schreiben Sie“, sagt er, „Diestel ist der Allereitelste, aber er war auch immer der Beste.“ Der beste Melker, der beste Schüler, Sportler, das Staatsexamen hat er mit Summa cum laude gemacht. Er war der zweite Mann unter der Regierung de Maizière, als Innenminister entwaffnete er s e i n Land, das ihm vielleicht nie näher war als in diesen Monaten, mit Erfolg. Heute ist er der „Staranwalt“, der sich seine Mandate aussuchen kann und gelegentlich so querköpfig wie hochqualifiziert Fälle übernimmt, die der Common Sense (gesunde Menschenverstand, d. Red.) längst verurteilt hat. „Ich bin ein freundlicher Anarchist“, sagt Diestel und meint, er unterwerfe sich nicht, nicht dem Zeitgeist, nicht Fraktionszwängen. Unter dem Strich aber, und da ist er in sich selbst sehr geordnet, scheint Qualität sein Leitstern zu sein. Immer wieder kommt er in den verschiedenen Abschnitten unseres Gesprächs auf Dummheit und gute Leistung zu sprechen, lobt hier, tadelt da. „Das politische Geschäft in Deutschland“, sagt er beispielsweise, „ist heute durchsetzt von Dummköpfen.“ Man müsse auch die Guten aus Wirtschaft, Kanzleien und der Kunst herbeiziehen. Und so relativiert sich denn auch sein Selbstlob. Wer auch immer seine Sache gut gemacht hat, erhält von Diestel hohes Lob.

Über seine Einstellung zur deutschen Frage und zur Wiedervereinigung aber müsste man sein Buch lesen (Diestel. Aus dem Leben eines Taugenichts?), so vielschichtig kommen hier und jetzt seine Kommentare rüber. Einerseits schien ihm die „graue DDR tragisch lebensfremd regiert“ und an „Unterformatigkeit“ schließlich gescheitert zu sein, andererseits sei auch sein Land, sagt er, lebens- und liebenswert gewesen. Und die Wiedervereinigung sei für ihn, der kräftig daran mitwirkte, von „beispielloser Schönheit“ gewesen. Und was glaubt Herr Diestel am besten zu können? frage ich wie immer zum guten Schluss. „Menschen analysieren“, sagt er, „Menschen sind für mich Abenteuer. Sie zu analysieren..., da macht mir keiner was vor.“
























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