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Begegnung mit Neu-Lübzerin : Niemals in Traurigkeit versunken

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Diana Holm ist blind, strahlt dessen ungeachtet aber Kraft und Freude am Leben aus . Nach ihrem Wohnortwechsel nach Lübz hofft sie auf Kontakte.

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erstellt am 29.Okt.2015 | 18:00 Uhr

Dianas Welt ist dunkel. Die heute 27-Jährige kann sich an keine einzige  Stunde, keine Minute, keine Sekunde erinnern, in der es ihr vergönnt war, zu sehen. Seit dem Alter von zwei Jahren ist sie blind. Und deshalb schon die Frage: Was ist dunkel, was ist hell? Diana weiß nicht, was beides bedeutet. Bereits dies steht viele Kilometer vor Farben und  erst recht Kompositionen mit komplizierter Gestaltung.  Hat die junge Frau Bilder im Kopf? „Durchaus, aber beschreiben kann ich sie nicht, weil ich nicht weiß, wie ich sie beschreiben soll. Ich kenne die richtigen Begriffe dafür ja nicht.“

Dianas Mutter beschreibt ihre Tochter als von Anfang an agil, so dass sie zunächst nicht besonders misstrauisch ist, wenn das Kind hin und wieder zum Beispiel gegen einen Schrank läuft. Erst als ihre Schwester dem Mädchen länger ein Auge zuhält und sagt, dass es etwas aufheben soll, was nicht funktioniert, kommen Bedenken auf.  „Kurz darauf wurden ihre Pupillen weiß, was uns veranlasste, sofort zum Augenarzt nach Parchim zu fahren“, berichtet Kati Holm. „Der schickte uns nach Rostock, wo wir noch einmal 14 Tage warten mussten, obwohl wir in einer Klinik waren.“

Krebstumore zerstören beide Augen

Die Ärzte unternehmen zunächst nichts. Als Mutter und Tochter zurück nach Hause in Domsühl kommen, hängt ein Telegramm an der Tür (kaum jemand in dem Ort hat 1990 ein Telefon). Beide sollen sofort in eine Spezialklinik nach Leipzig kommen. Die dortige Diagnose: Netzhauttumore. Ein Auge wird sofort entfernt, das andere zunächst noch ein halbes Jahr lang viermal in der Woche bestrahlt – so stark, dass es unter Narkose geschehen muss, doch selbst dies hilft nicht. Auch das zweite Auge geht verloren. Mehr noch: Die Knochen auf der rechten Gesichtshälfte werden durch die Strahlen so stark verformt, dass die  Augenprothese später keinen Halt mehr hat. „Ich war insgesamt schockiert, konnte es kaum fassen“, sagt Kati Holm. „Gut ist, dass wir in der Familie von Anfang an nicht alles hingeschmissen haben.“

Diana besucht später bis zur zehnten Klasse die Schule in Neukloster, wohnt dort im Internat und ist nur am Wochenende zuhause. Dieser Zeit folgt ein berufsvorbereitendes Jahr in Chemnitz, dem sich eine dreijährige Ausbildung zur Masseurin und Bademeisterin anschließt.

Nach weiterer OP auch Geruchssinn verloren

Diana hat Ehrgeiz, macht ihren Weg – dann ein neuer Schlag: Wegen eines neuen, großen Tumors am Siebbein muss sie für ein Jahr ins Krankenhaus. Dessen Entfernung führt dazu, dass die Domsühlerin seit 2007 auch nicht mehr riechen kann. „Mit der Gesundheitsreform legte man einfach fest: Jetzt war schon so lange nichts mehr bei Ihnen, Vorsorgeuntersuchungen sind nicht mehr notwendig“, sagt sie. „Als man dann etwas feststellte, war es zu spät.“

Ein halbjähriges Anerkennungspraktikum leistet Diana bis März 2010 an der Reha-Klinik in Lomen. Von deren Offenheit zeigt  sie sich begeistert. Mit der Domsühlerin ist die Arbeit mit einem blinden Menschen hier eine Premiere.

Danach bleibt Diana für rund ein Jahr zuhause, schreibt ein Unzahl an Bewerbungen, doch niemand möchte sie einstellen. Nach einem 2013 endenden Mini-Job in Domsühl fällt die Entscheidung, eine Weiterbildung zur Physiotherapeutin in Chemnitz zu absolvieren, um die Chancen zu erhöhen: „Ein Kampf, das bezahlt zu bekommen, aber es hat geklappt.“ Nicht nur das: Eine Praxis in Lübz stellt die junge Frau ein, wo sie ab Montag anfängt zu arbeiten. „Man war dort sehr offen, hat mich von Anfang an spüren lassen, dass ich willkommen bin“, sagt Diana. „Das hat mich sehr gefreut.“ Jetzt übt sie mit einem Orientierungs- und Mobilitätstrainer, vor allem den etwa einen Kilometer langen Weg zur Arbeit kennen zu lernen. „Es gibt viele Hindernisse wie zum Beispiel Aufsteller und Straßenlaternen, die oft fast mitten auf dem Weg stehen“, so die Neu-Lübzerin zu den Problemen.

Die 27-Jährige hat eine eigene Wohnung bezogen. Wie funktioniert es, sich darin allein zurecht zu finden? Alles, so die Grundregel,  müsse genau wieder an seinen Platz zurückgelegt werden, wenn man es benutzt habe: „Sonst suche ich mich dumm und dämlich, was übrigens auch in einem ständig umgeräumten Supermarkt gilt.“ Außerdem spricht in diesem Zuhause fast alles – egal, ob Uhren, Farberkennungsgerät, Küchenwaage, Messbecher, Mikrowelle oder Fieberthermometer. Telefonieren ist kein Problem, weil das i-Phone etwa nach der Ansage „Zuhause anrufen“ die Verbindung selbst herstellt und auch in diesem Wohnzimmer fehlt der Fernseher nicht. Diana informiert sich gern durch Nachrichten und hört bei Filmen zu. Neueste technische Errungenschaft, die sie jetzt nutzt, ist ein Laptop mit Braille-Zeile. Zugesandte Nachrichten werden auf ihm in Blindenschrift umgewandelt. Dreimal habe die Krankenkasse die für die Verbindung mit der Außenwelt wichtige Anschaffung abgelehnt. Letztlich half auch hier, immer wieder nachzuhaken.

Die gebürtige Domsühlerin komme „gern auf den Punkt“, habe sich schon immer behaupten müssen und hält mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Die unerwartet sympathisch selbstbewusste Art verwundert zwar viele, erleichtert die Kommunikation  aber auch enorm.

Trotz aller Schläge immer Humor bewahrt

Sie war schon Auslöser für viele Schmunzler, sogar Lacher. Ein Beispiel: Diana ist nicht zuhause und der Rauchmelder vor ihrer Wohnung heult los. Ein Fehlalarm, aber das weiß niemand sofort. Um alle Zweifel zu beseitigen, bricht die anrückende Feuerwehr die Wohnungstür auf. Der Freund einer Arbeitskollegin fragt später, wozu eine Blinde denn einen Messerblock brauche. Die Antwort: „Erzähl ihm, dass ich den brauche, wenn er solche Sachen erzählt! Dabei hätten die eher einen Schreck bekommen müssen, als sie plötzlich meinem riesigen Teddybären  gegenüberstanden.“ Vielen verschlägt es angesichts solcher Fertigkeit die Sprache. Und in der Tat: Der auf einem Stuhl im Wohnzimmer sitzende Teddy mit über einem Meter Größe und erstaunlichem Bauchumfang hat es in sich.

Das gilt auch für eine Aufgabe, die an jedem Morgen wiederholt wird. Um die Augenprothesen vor der Beschädigung durch körpereigene, in der Nacht angesammelte Säure zu bewahren, entnimmt Diana die Glaskörper aus ihrem Kopf, wäscht beide unter fließendem Wasser ab und setzt sie wieder ein. Was für einen Durchschnittsmenschen wie eine Gruselszene anmutet, ist für die junge Frau zur Normalität geworden. Weil sich die Prothesen mit der Zeit abnutzen, werden jeweils nach einem halben Jahr in einer Klinik neue eingesetzt.

Diana strahlt Freude, Aktivität, Humor und Lebensmut aus. Trotz ihrer Behinderung fährt sie Rad auf einem Tandem, schwimmt gern und kocht selbst – auf einem Herd mit hochstehenden Platten. Ein heute übliches Exemplar mit einer großen glatten Fläche ist hier unbrauchbar.  Alles Genannte könnte auch anderen Kranken Hoffnung machen. Spielt Traurigkeit eine Rolle?  „Nein. Ich kenne es ja nicht anders und mache das Beste daraus.“ Auf die Frage, was Diana als schön empfindet, antwortet sie ruhig: „Dass ich mein Leben in meinem eigenen Zuhause führen kann und jemanden finde, der seine Zeit mit mir verbringen möchte.“

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