Nur noch Busse : Nie mehr Bahnverkehr in Lübz?

Rainer Raeschke rief am Freitag dazu auf, jetzt bis Jahresende verstärkt Unterschriften für eine Volksinitiative zu sammeln.
2 von 4
Rainer Raeschke rief am Freitag dazu auf, jetzt bis Jahresende verstärkt Unterschriften für eine Volksinitiative zu sammeln.

Landrat legt Studie vor, die für die Zukunft ÖPNV zwischen Parchim und Malchow mit Bussen favorisiert - Lob und Kritik von Bürgerinitiative

23-11367808_23-66109656_1416396395.JPG von
01. November 2015, 21:00 Uhr

Zwischen Parchim und Malchow soll auch in Zukunft kein Zug mehr fahren. Nach Vorlage der seit Juni erarbeiteten Machbarkeitsstudie „Konzeptevaluation Südbahn“ schlägt der Landkreis dem am 10. Dezember tagenden Kreistag jetzt vor, den Bahnersatzverkehr mit Linienbussen fortzusetzen und darüber hinaus den Raum zwischen Parchim und Karow/Plau am See mit regelmäßigem Rufbusverkehr zusätzlich zu erschließen, so Landrat Rolf Christiansen in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Davon profitierten seiner Aussage zufolge nicht nur die direkt an der Bahnlinie liegenden Orte, sondern die Verfügbarkeit des Öffentlichen Personennahverkehrs würde sich für etwa 16 000 Menschen im gesamten Einzugsbereich deutlich verbessern.

Beschriebene Variante sei das Pilotprojekt für die Neuausrichtung des ÖPNV im gesamten Landkreis. Durch die Rufbusse könne man den ländlichen Raum rechts und links der Hauptstrecke an sieben Tagen in der Woche zuverlässig anbinden: „Ein echter Fortschritt für die gesamte Region, der aber nicht zum Nulltarif zu haben ist.“ Für die Neuausrichtung im gesamten Landkreis rechne der Verwaltungs-Chef mit einem zusätzlichen Finanzbedarf in Höhe von 700000 bis eine Million Euro.

Bei einer Kombination von täglich jeweils vier Bus- und Bahnfahrten zwischen Parchim und Malchow (die Untersuchung ihrer Machbarkeit war Grundlage für die Tätigkeit der Arbeitsgruppe)wäre die Bahn den Unterschungen zufolge 425 000 Euro teurer. Dies ist die Summe, die der Landkreis bei dieser Variante als Zuschuss leisten müsste, der gesamte Mehrbedarf liegt bei gut einer Million Euro. „Da erschließt sich mir nicht, warum die Bahn fahren soll, wenn sie eindeutig weniger Vorteile bringt“, sagt Christiansen. „Wenn ich die Situation für alle verbessern möchte, kann ich nicht soviel Geld für einen kleinen Teilbereich ausgeben.“ Außerdem würde ein kombiniertes Konzept das Angebot verkomplizieren, weil Bus und Bahn unterschiedlich schnell unterwegs seien und es somit zu unterschiedlichen Abfahrtzeiten komme. Eine Einbindung von Plau am See wäre ebenfalls nicht gegeben.

Bei der Variante „0+“ mit einem Zuschussbedarf von 150000 Euro, für die sich der Kreis jetzt ausspricht, sollen Linienbusse ab Mitte Dezember im Zwei-Stunden-Takt (in Spitzenzeiten auch jede Stunde) auf der Hauptstrecke zwischen Parchim und Malchow verkehren. Der Schülerverkehr ist extra zu betrachten und bleibt unberührt. Der bisherige Schwachpunkt, auf dem Parchimer Bahnhof auf einen Anschlusszug warten zu müssen, würde durch Umstellung der Fahrpläne der Vergangenheit angehören.

Das Gebiet rechts und links der Hauptstrecke wurde in sechs kleine Räume aufgeteilt. Wer zum Beispiel in Grambow oder Wahlstorf wohnt und nach Parchim möchte, muss dies spätestens eine Stunde vor Abfahrt des Busses über eine feststehende Telefonnummer mitteilen. Abhängig davon, wie viele Fahrgäste in einem der sechs kleinen Räume, in denen es jeweils eine Rundstrecke gibt, angemeldet sind, wird die Größe des Fahrzeuges ausgewählt – Bus, Kleinbus oder auch Taxi, alles zum Bustarif. Es bringt die Fahrgäste zur Hauptstrecke, bei genannten Orten zum ZOB nach Lübz. Auf den Hinweis, dass die verbliebenen Teilstrecken der Bahn Hagenow – Parchim und Malchow – Neustrelitz wegen der Unterbrechung stärker von Schließung bedroht sein könnten, als wenn die Bahn durchgängig verkehren würde, sagt Christiansen, dass der Verkehrsminister auf jeden Fall den Erhalt des erstgenannten Abschnitts zugesagt habe. Der andere liege in einem anderen Landkreis, so dass er nicht für ihn verantwortlich sei: „Die vom Bund an die Länder ausgezahlten Regionalisierungsmittel steigen zwar, aber Mecklenburg-Vorpommern soll weniger bekommen. Und wie das Land dies kompensieren wird, weiß ich nicht.“

Am Freitagabend hat sich die seit mehreren Jahren für einen durchgehenden Erhalt der Südbahn kämpfende Bürgerinitiative (BI) „ProSchiene“ zum 25. Mal zu ihrer an jedem letzten Freitag im Monat veranstalteten Aktion „Rote Laterne“ getroffen. Ihr Sprecher Clemens Russell sagt, dass die BI die Erschließung mit Rufbussen wie eingangs beschrieben „sehr gut“ finde. Strittiger Punkt bleibe jedoch, dass die Bahn weiterhin entfallen soll, und die Studie enthalte Tendenzen gegen sie: „Solch eine Untersuchung darf keinerlei Tendenzen für eine Lösung enthalten, sondern sollte nur verschiedene Varianten auflisten. Die letztliche Entscheidung trifft der Kreistag. Was mich deshalb empört, ist, dass der Landrat die auf den Druck der politischen Parteien zustande gekommene Studie benutzt, um die reine Buslösung zu favorisieren. Und plötzlich stellt er 150 000 Euro zur Verfügung – früher hieß es immer, vom Landkreis gibt gar kein Geld. Da schluckt man!“

Zu bemängeln sei ebenfalls, dass weder Fahrkarteneinnahmen noch die Meinung von Touristikern einbezogen wurden und niemand sage, wie die Resonanz auf die Buslinie 77 ausfalle. Wenn sie gut sei, solle man es offen sagen. Da Christiansen bereit sei, 150 000 Euro auszugeben, bliebe mit Erhalt des Zuges ein Bedarf von 375 000 Euro übrig. Um sie zu decken, müsse man noch einmal ans Wirtschaftsministerium herantreten, wo 41 Millionen Euro Reserve lägen, und selbst unternehmerisch geplante Sonderfahrten mit der Bahn ab Lübz organisieren, die möglich seien.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen