Integration oder Überforderung? : Neue Regelung sorgt für Zündstoff

Geänderte Einschulungspraxis für Förderschüler erhitzt zunehmend die Gemüter besorgter Eltern.
Geänderte Einschulungspraxis für Förderschüler erhitzt zunehmend die Gemüter besorgter Eltern.

Die Kritik an der Einschulungspraxis für Förderschulkinder wird lauter. Nachdem bereits zwei betroffene Mütter ihrem Ärger um die Neuerung Luft gemacht hatten, meldet sich nun auch ein besorgter Vater zu Wort.

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15. Dezember 2010, 10:01 Uhr

Lübz | Die Kritik an der Einschulungspraxis für Förderschulkinder wird lauter. Nachdem bereits zwei betroffene Mütter ihrem Ärger um die Neuerung Luft gemacht hatten, schaltet sich nun auch ein besorgter Vater in die Diskussion ein. Thomas S. (richtiger Name ist der Redaktion bekannt) ist die Neuregelung ein Dorn im Auge. Demnach müssen seit Sommer dieses Jahres alle Kinder - unabhängig von ihren Voraussetzungen - in einer regulären Grundschule ihre schulische Laufbahn beginnen (wir berichteten).

Dies sei kein Problem, heißt es seitens der Lübzer Grundschule. Ihr Kollegium sei mit der Integration von Lernschwächen vertraut, hatte Schulleiterin Gisela Wabinski vermeldet. "Das hat nicht mit Integration zu tun, sondern bewirkt höchstens eine noch frühzeitigere Resignation der Kinder, die wirkliche individuelle Förderung benötigen", meint hingegen Thomas S. In einem Klassenverband von bis zu 30 Kindern sei eine individuelle Förderung lernschwacher Kinder gar nicht umsetzbar. "Da hilft die geringe Zahl von Förderstunden, die angeboten wird, überhaupt nicht", sagt Thomas S. Auch er hat eine Tochter im Grundschulalter. "Sie muss das kommende Bildungsdilemma aber nicht mehr lange mitmachen", sagt er. Dennoch: seinen Namen möchte er lieber nicht veröffentlicht sehen. "Heutzutage reagieren einige Politiker und Bildungsbeamte sehr negativ auf Kritik und dies muss ich meinen Familienangehörigen ersparen können", erklärt er. In die Diskussion um die Neuerung einbringen will er sich aber trotzdem. Seiner Ansicht nach werden politische Entscheidungen einmal mehr auf dem Rücken von Kindern ausgetragen. "Die Umsetzung einer EU-Richtlinie wird doch nur als Vorwand genutzt, um weiter Geld in der Bildung sparen zu können. Mecklenburg ist doch schon als Schlusslicht bei den Bildungsausgaben bekannt, da musste man wohl noch einen draufsetzen" moniert Thomas S. Ihm täten besonders die Kinder leid, die bis vor kurzem in den Diagnose-Förderklassen "wirkliche Förderung erleben hätten können, nun aber von Anfang an überfordert werden". Die Kinder bräuchten spezielle Betreuung, bei den an Schulen derzeitig gängigen Klasssenstärken sei dies aber kaum möglich. "Heute sind wir bei 29 bis 30 Kindern pro Klasse, und das mit meistens nur einem Lehrer. Ein Schelm, wer da von Förderung redet" so der Vater. Wären seine Kinder von der jetzigen Einschulungspraxis betroffen gewesen, hätte er "unter Aufbringung aller finanziellen Mittel dafür gesorgt, dass sie diese Tortur nicht erleben müssen", verdeutlicht S. Dass sich betroffenen Eltern nun zur Wehr setzen und Nachbesserung zugunsten ihrer Kinder verlangen, hält er für nur allzu verständlich. "Ich hoffe, dass die Eltern der ersten Klassen in Lübz mit ihrem Protest etwas erreichen können, nur der Glaube an die Einsicht der Bildungspolitik fehlt mir", sagt Thomas S.

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