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Die Berufung gefunden : Nathalie - geliebt und voll akzeptiert

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Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Heilerzieherpflegerin statt Tierärztin: 18-jährige Krakowerin beweist sich bei Ausbildungspraktikum in der Förderschule Dobbertin

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erstellt am 28.Jan.2017 | 12:00 Uhr

„Brian, das ist ein großer Ring. Wo kommt der hin?“ Der Junge, mehrfach schwerst körperlich und geistig behindert, hat die Übung mit den farbigen Kullern und unterschiedlich dicken Röhren schon oft gemacht. Jetzt gerade hat er dazu keine Lust. „Du hast sicher Durst?“, räumt Nathalie Seier dem kleinen Kerl ein kleines Päuschen ein. Brian antwortet nicht. Weil er es nicht kann. Doch seine Augen sagen „ja“. Er bekommt ein wenig Saft und macht sich mit viel mehr Lust an seine Übung mit den Ringen. Was für Gleichaltrige Sekundensache wäre, fällt Brian schwer. Nathalie Seier weiß das. Sachte führt sie darum seine ungelenken Bewegungen. „Sehr gut machst du das“, lobt sie und motiviert ihn: „Und jetzt nimmst du den grünen Ring!“

In Situationen wie dieser findet sich Nathalie Seier seit gut drei Monaten häufig. Die 18-Jährige macht an der Beruflichen Schule Güstrow eine zweijährige Ausbildung zur „Heilerzieherpflegerin“. Die schließt drei Praktika ein. Gerade geht ihr erstes zu Ende, das sie an der Theodor-Fontane-Schule des Diakoniewerkes Kloster Dobbertin absolviert. Wie andere Schüler schon vor ihr. Mit einem Unterschied, wie Schulleiterin Svea Krause sagt: „Wir haben schon viele Praktikanten gehabt. So jemanden wie Nathalie noch nicht. Sie hat einfach ein gutes Gespür für unsere Kinder, sieht, was zu tun ist, und wir merken ganz einfach, dass ihr die Arbeit Spaß macht.“

Im Fachjargon nennt man sowas wohl Berufung. Dabei träumte die 18-Jährige immer davon, Tierärztin zu werden. Weil sie Tiere liebt, gern mit ihnen arbeitet, körperliche Anstrengungen nicht scheut und sich auch nichts aus gelegentlichem „Dreck unter den Nägeln“ macht. „Bei einem Praktikum vor wenigen Jahren habe ich dann aber gemerkt, dass mir etwas ganz Wichtiges fehlt. Tiere sind ganz bestimmt sehr dankbar und zeigen das auch. Aber sie können nicht sprechen. In meinem Beruf möchte ich kommunizieren“, war Nathalie klar. Glücklich, die Erfahrung im Praktikum gemacht zu haben, hing sie ihren Traum an den Nagel und sattelte auf Erzieher um. Auch diese Ausbildung erforderte Praktika und eines verschlug die Krakowerin in eine Wohnstätte mit körperlich und geistig Behinderten. Vielleicht sei es die (hoffnungsvolle) Frage eines Bewohners gewesen, ob sie irgendwann wiederkäme, die den Ausschlag für ihre endgültige Berufswahl gab. „Von da an wusste ich jedenfalls, dass ich Heilerzieher werden möchte“, sagt Nathalie. Und schickt hinterher: „Die richtige Bezeichnung ist heute Heilerzieherpfleger.“

Voraussetzung für den Heilerzieher ist die Ausbildung zum Sozialassistenten. Die hatte 18-Jährige 2016 abgeschlossen. Im September begann sie nun die finale Ausbildung. Und in der Dobbertiner Einrichtung sind alle begeistert von der jungen Praktikantin. Die Schule mit Schwerpunkt geistiger Entwicklung hat Nathalie Karina Reisenberg, Klassenlehrerin einer Mittelstufenklasse, zur Seite gestellt. Hier läuft sie nicht mit. Sie macht mit. Egal, ob Hilfestellung beim Lernen oder Füttern, bei Toilettengängen, Streicheleinheiten und den vielen kleinen Dingen, die wichtig für einen reibungslosen Tagesablauf sind. Und sie überlegt sich Angebote für ihre Schützlinge. „Nathalie bewies von Anfang an ein Einfühlungsvermögen und ein Engagement, das man bei Praktikanten so ganz bestimmt nicht voraussetzen kann“, stellt Karina Reisenberg ihr nach zwölf Wochen ein Zeugnis aus, das besser nicht sein könnte. „Sie hat einen tollen Draht zu den Kindern, spricht ganz viel mit ihnen und zeigt dabei genau das Maß an Konsequenz, das unsere Kinder brauchen.“ „Und die mögen sie und akzeptieren das“, fügt Schulleiterin Svea Krause hinzu und weiß, wie wichtig das Vertrauen zwischen Schülern, Lehrern, Erziehern und Therapeutin gerade in ihrer Schule ist.

Und Nathalie? Vorerst will sie zum dritten Praktikum im zweiten Ausbildungsjahr wieder nach Dobbertin kommen. „Ich fühle mich hier gebraucht und anerkannt, lerne so wahnsinnig viel“, sagt sie dankbar. „Aber ich bin auch anders als viele meiner Mitschüler, die alle ihre Praktika an ein und derselben Stelle absolvieren. Ich habe bei der Berufswahl schon zweimal nachjustiert. Bevor ich mich also festlege, möchte mich ausprobieren, noch ganz viel anderes kennenlernen und Erfahrungen sammeln.“

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