zur Navigation springen

Selbsthilfegruppe "Depression, Ängste, Burnout" in Lübz : Nach Absturz zurück zum Leben

vom

Berta Kiel ist ehrgeizig, will alles perfekt machen und akzeptiert sich selbst gegenüber nur sehr gute Leistungen. Sie fährt ohne Unterbrechung auf 120 Prozent, was lange gut geht, aber plötzlich sind sie da: Die Ängste.

svz.de von
erstellt am 27.Jan.2012 | 10:56 Uhr

lübz | Berta Kiel (Name geändert) ist privat wie beruflich sehr ehrgeizig, will alles perfekt machen und akzeptiert sich selbst gegenüber nur sehr gute Leistungen. Sie fährt ohne Unterbrechung auf 120 Prozent, was eine Zeit lang gut geht, aber plötzlich sind sie da: Die massiven Ängste, die Anforderungen des täglichen Lebens nicht mehr bewältigen zu können. "Ich hatte meine Grenzen nicht erkannt und die eigene Latte viel zu hoch gelegt, was gar nicht nötig gewesen wäre", berichtet die Lübzerin. Dessen ist sie sich damals jedoch nicht einmal ansatzweise bewusst und bekommt durch die weiter anhaltende Überforderung Herzrasen, Magenbeschwerden, leidet unter Schlaflosigkeit und nimmt massiv ab. Materielle Verpflichtungen verstärken die Folgen. Berta Kiel verzettelt sich bei der Suche nach Auswegen, weil sie die richtige Ursache nicht erkennt: "Und das als ausgebildete als Therapeut für andere - mehrere Jahrzehnte lang. Ich konnte nicht mehr, war vollkommen ausgebrannt. Das äußerte sich auch darin, wie es bei mir zuhause aussah. Es war nicht dreckig, aber mein Sinn für Ästhetik, für eine schöne Wohnung ging verloren."

Zu Pfingsten dann der endgültige Zusammenbruch. Berta Kiel weint nur noch, ist nicht mehr in der Lage, Auto zu fahren, hat kaum noch Energie für den nächsten Schritt. "Ich mache Schluss mit meinem Leben, dann sind alle Probleme gelöst - diesem Gedanken bin ich fast gefolgt", berichtet sie.

Dank eines Bereitschaftsarztes und nach eigener Einschätzung sehr guter psychologischer Betreuung kommt die Lübzerin wieder aus dem Loch heraus, in das sie gefallen ist. Aber es ist noch da, wie sich schon bald herausstellt. Die mittlerweile beruflich selbstständige Berta Kiel stürzt erneut ab, als binnen vier Jahren nacheinander ihr Mann, Bruder und ihre Eltern sterben: "Wenn man in die Knie gezwungen wird, ist es erst recht als Geschwächter überaus schwer, wieder aufzustehen."

Trotz dieses Rückschlages versucht die Pädagogin, ihr Leben wieder zu ordnen und geht eine neue, bis heute haltende Partnerschaft ein - ab jetzt durchweg mit psychologischer und medikamentöser Hilfe. Sie wollte immer gern Menschen treffen, denen es ähnlich geht, hatte zunächst aber Schwierigkeiten, sich zu öffnen, weil dies ihr Ego nicht zuließ und weil psychische Erkrankungen noch immer ein Tabu-Thema in der Öffentlichkeit seien. "Wir sind keine Irren, die hinter Schloss und Riegel gehören, was auch ich schon zu hören bekommen habe, sondern zum Beispiel Menschen, die viel arbeiten, oft noch Energie für andere aufbringen, letztlich für sich selbst aber nicht mehr genug Kraft haben und körperlich nicht mehr versorgt sind", sagt Berta Kiel. "Bekannt wird dies meistens nicht, weshalb sich so mancher wundern würde, wie viele Menschen davon betroffen sind." Um den Absturz zu verhindern, sei zum Beispiel auch wichtig, sich nach der Arbeit zuhause "herunterfahren" zu können, zu lernen, auch einmal nichts zu tun.

Überforderung gerade im Zusammenhang mit der Arbeit und folgendem Burnout (das englische Wort für ausgebrannt) nimmt stark zu. Gleichzeitig liegen die Wartezeiten beim Psychologen bei bis zu einem Jahr. Mittlerweile haben einige von Burnout, Angst und Depressionen Geplagte - oft geht alles ineinander über - Berta Kiel von ihrem Schicksal berichtet. So entstand die neue Selbsthilfegruppe, die sich jeden Mittwoch um 18.30 Uhr in der Praxis für Ergotherapie und Logopädie im Lübzer Einkaufszentrum trifft. Jeder, der einfach nur zuhören oder seine Sorgen loswerden möchte, ist willkommen und jeder entscheidet, wie oft er hingeht. "Bei uns können Menschen frei reden, sagen, was sie bedrückt", so die Mitinitiatorin. "Alles mit dem guten Gefühl, dass ihre Sorgen hier ernst genommen werden, was draußen oft nicht der Fall ist. Dort heißt es dann zum Beispiel ,Stell Dich nicht so an’, weil derjenige, der so etwas sagt, nicht weiß, dass Angst nicht gleich Angst ist. Die Umwelt ist oft unsensibel. Bei uns geht es nicht darum, beim Anblick einer Spinne zu erschrecken, sondern um möglicherweise lebensbedrohliche Erscheinungen. Selbst Ärzte verkennen vielfach das wahre Problem und für tiefergehende psychologische Gespräche fehlt in der Regel die Zeit."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen