Anfassen erlaubt : Museumsbus startet in Lübz

Enthalten mehr Informationen als gedacht: die roten Museumswürfel. Fotos: Monika Maria Degner
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Enthalten mehr Informationen als gedacht: die roten Museumswürfel. Fotos: Monika Maria Degner

Jüdisches Museum Berlin tourt durch Mecklenburg / Erste Station war in dieser Woche das Eldenburg-Gymnasium Lübz

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06. März 2015, 22:00 Uhr

Die erste Station des bunten Museumsbusses in diesem Jahr war Lübz. Jede weiterführende Schule kann sich um die Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin bewerben und Geschichtslehrer Gerd Vorhauer vom Eldenburg Gymnasium hatte die Initiative ergriffen. Nach der Lübzer Station wird das mobile Museum weiter zu Schulen in Wismar, Sanitz, Torgelow und Neustrelitz rollen.

„On Tour. Das Jüdische Museum macht Schule“: Der großzügige Raum im Eldenburg-Gymnasium sieht ein bisschen so aus wie ein Abenteuerspielplatz für Inhalte. Fünf knallrote Würfel, auf denen es sich auch gut sitzen lässt, ziehen sofort die Blicke an. Auf einem langen Tisch sind einzelne Exponate aufgebaut, ein siebenarmiger Leuchter signalisiert schon bei Eintritt, dass es sich hier um eine Ausstellung zum Thema Judentum handelt. Einige der Objekte scheinen auch aus der Reihe zu tanzen, warum zum Beispiel liegt neben Tora-Rollen eine Barbie-Puppe?

Fragen über Fragen, die zu klären sind. Schüler der Zehnten sind bereits zum Workshop über deutsch-jüdisches Zusammenleben nach 1945 in der Schulbibliothek verschwunden, die Klasse 9a strömt gerade herein. Der Historiker und Museumspädagoge Johannes Schwarz leitet das Schülerseminar einfühlsam-offen und sehr engagiert. Bevor sich die Klasse entsprechend der - durch die Würfel - vorgegebenen fünf Themen aufteilt, stehen alle im großen Kreis beieinander. Eine Einführung ist zu geben. Schwarz stellt das Mutterhaus, das Jüdische Museum in Berlin Kreuzberg vor, sicher auch in eigener Sache. „Besucht uns einmal“, sagt er. Der Neubau des Museums, entworfen von Daniel Liebeskind, zeigt im Grundriss nicht etwa die von Friedrich Schiller so geliebte gerundet-organische Schlangenlinie, sondern eine unregelmäßige, hart anmutende Zickzacklinie. Bild für den Weg des Judentums durch die Geschichte? Eine mögliche Deutung.

Der Begriff „koscher“, Bezeichnung eines Grundbegriffs jüdischer Speisevorschriften, ist allgemein bekannt, aber Genaueres wissen die wenigsten. Schwarz setzt hier an, hält eine Tüte mit Gummibärchen hoch. „Die sind koscher. Weiß jemand, was das heißt?“ Was nun koscher ist, was nicht, wissen die Schüler natürlich nicht präzise, sie werden ihr Wissen später noch anhand eines der Würfel vertiefen. Die Gelatine der koscheren Gummibärchen jedenfalls, lernen sie, ist nicht aus den Knochen von Schweinen oder Rindern gewonnen, sondern aus Fischgräten. Über die ungewöhnlichen Gummibärchen, die, oh Wunder, wie alle anderen schmecken, führt dann der didaktische Pfad zu einer Art Spiel um die Frage, was Diskriminierung sei. Jetzt steht eine Schüssel mit bunten Bärchen in der Mitte des Kreises und Schwarz fragt: „Wer ist Vegetarier?“ Wenig später: „Wer würde Pferd essen?“ Oder: „Wer von euch ist gläubig?“ Schüler, die sich zu der einen oder anderen Frage outen, gehen jeweils in den Kreis und dürfen dort von den Gummibärchen naschen. Die Umstehenden spenden Beifall. „Jetzt erkennt ihr, wie selbstverständlich es ist, dass der einzelne Mensch Kategorien bildet und sich dadurch abgrenzt“, erläutert Schwarz. Diesem Vorgang entspricht auch die wertfreie ursprüngliche Bedeutung von „diskriminieren“, nämlich „trennen“, „abgrenzen“. Das Fremdwort aus dem Lateinischen erhielt erst im 19. Jahrhundert die negative Bedeutung von „herabsetzen“, „ausgrenzen“.

Schließlich werden die roten Themenwürfel bearbeitet. In die multifunktionalen Objekte sind Schaubilder und erläuternde Texte eingelassen, sie bilden das Material. Von Anfang an hat diese Klasse gut mitgearbeitet, so lassen sie sich auch jetzt spontan auf das Erarbeiten kurzer mündlicher Gruppenvorträge ein. Ihre Themen lauten beispielsweise Shabbat, jüdische Lebenswege, Leben und Überleben oder auch Tod im Judentum. Das letzte Thema übernahm Philip. Er bezeichnet sich selbst als nicht gläubig und hat einen jüdischen Großvater. Philip berichtet vor der Klasse über den jüdischen Friedhof in Lübz.

Unisono sind alle Schüler sich sicher, dass diese Aufklärung über das Judentum notwendig und interessant ist. Dann geht es in Philips Gruppe spontan darum, dass einer von ihnen katholisch sei. Komisch, wer sich von einer Mehrheit unterscheidet, erregt immer mindestens Aufsehen. Bleiben wir mutig.






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