Parchim : Muhamads zweite Heimat

Wenn es irgendwie ginge, würde Muhamad gerne im sozialen Bereich arbeiten.
Wenn es irgendwie ginge, würde Muhamad gerne im sozialen Bereich arbeiten.

Der Syrer floh 2015 aus dem Kriegsgebiet und möchte sich in Parchim ein Leben aufbauen.

svz.de von
08. März 2018, 12:00 Uhr

Ihren Namen will sie an dieser Stelle nicht lesen. Ungern stehe sie bei dem Thema im Mittelpunkt, sagt sie. Dabei war sie es, die sich bei der Zeitung meldete. Die aufzeigen möchte, dass es gute Beispiele zu erzählen gibt. Durch Zufall auch noch in den Tagen, in denen Politik und Gesellschaft die verstörende Diskussion führen, wer denn bedürftiger sei: Deutsche oder Ausländer, die nur wenig oder gar überhaupt kein Geld für Nahrung haben.

Das gute Beispiel heißt Muhamad Aljasem. Ein Syrer, der im Oktober 2015 nach Deutschland geflüchtet ist. Bis zum Krieg lebte er in Qamischli, einer Stadt im Nordosten des Landes, direkt an der Grenze zur Türkei. Er führte das geregelte Leben eines jungen Menschen, sofern man das aus 3941 Kilometern Entfernung sagen kann: ein studierter Rechtswissenschaftler, Jahrgang 1984. Jetzt sitzt er wegen eines kriegerischen Konfliktes, den kaum noch jemand versteht, am Wohnzimmertisch der Dame, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er nennt sie Mutti. Er sagt sogar: „Meine Mutti“.

Kennengelernt haben sich die beiden Ende des Jahres 2015 in der Parchimer Tennishalle, die damals als Notunterkunft genutzt wurde. Zusammen mit einer Freundin sei ihr die Idee gekommen, etwas zurückzugeben. „Ich habe noch nie gespendet in meinem Leben. Das ist meine Spende“, sagt sie, die ehemalige Grundschullehrerin. Sie fingen an, den Flüchtlingen Deutsch beizubringen. Die von den Kommunen gestellten Kurse gab es noch nicht oder waren schlecht organisiert. Sie zogen den Unterricht auf wie bei den Knirpsen in der Grundschule: zuerst das Alphabet mit seinen Lauten und danach die Buchstaben. Ein junger Mann sei dabei besonders aufgefallen, wegen seiner Offenheit, seines Ehrgeizes und seiner Fortschritte: Muhamad. „Er hat sich bemüht, Fuß zu fassen“, sagt sie. Es klingt bewundernd und anerkennend, fast wie bei einer Lobrede. Genau diese Gegenseitigkeit, das Geben des Einen und der Einsatz und Willen des Anderen – das sei für sie Integration.

Angesprochen auf die Kehrseite, die negativen Beispiele, winkt sie ab. Sie hätte versucht, mit Leuten zu reden, die nicht ihrer Meinung seien; sie von ihrer Art der Willkommenskultur zu überzeugen. Ihrer Ansicht nach ohne Erfolg. Deshalb wolle sie sich mit denen nicht beschäftigen.

Muhamad sitzt ihr gegenüber, die Hände gefaltet, der Blick konzentriert auf ihren Mund gerichtet. Deutsch spricht er mittlerweile ohne großes Holpern, den B1- und B2-Kurs, zwei Sprachdiplome, hat er lange bestanden. Sie erzählt, wie die beiden begannen, sich über den Unterricht in der Tennishalle hinaus zu treffen. Drei- oder viermal die Woche für eine bis zwei Stunden Grammatik oder Vokabeln lernen. Sie machen das bis heute. „Unterstützt hat sie mich und geholfen“, sagt Muhamad, der vor jeder Antwort eine kurze Pause einlegt, jedes Wort mit Bedacht wählt. Die spezifische Sprache machte ihm noch zu schaffen. Gerade lernt er für eine Prüfung, hängt jeden Tag über zwei Büchern des Deutschen Roten Kreuzes. Er lässt sich zum ehrenamtlichen Sanitätshelfer ausbilden. Rettungsschwimmer ist er schon, auch beim DRK. Im letzten Jahr schaffte er die Prüfung nach einem Monat. Ein Fernsehteam besuchte ihn beim Training. Das Video davon hat er auf seinem Handy. Darin sagt er am Strand des Sees in die Kamera, der Körper noch nass vom Schwimmen: Er wolle helfen und etwas zurückgeben. Und wenn es eben in der Form ist, Menschen vor dem Ertrinken zu retten.

Allein: Von dem Druck, die mittlerweile vierköpfige Familie mit den beiden Kleinkindern zu ernähren, befreit das nicht. Er würde gerne eine Ausbildung machen. Vielleicht im sozialen Bereich? Irgendetwas, wo er Menschen unterstützen kann. Seine „Mutti“ begleitet ihn dieser Tage zur Berufsberatung im Arbeitsamt. „Ich werde ihm und seiner Familie helfen bis zum Schluss“.



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