Karow : Mütter kämpfen um ihre Kita "Pusteblume"

<strong>Sie kämpfen für ihre Kita: </strong>Mit dem Aus für die VS-Einrichtung wollen sich Eltern und Kinder aus Karow nicht abfinden. Sie fordern den Erhalt des Kindergartens. <foto>Antje Bernstein</foto>
Sie kämpfen für ihre Kita: Mit dem Aus für die VS-Einrichtung wollen sich Eltern und Kinder aus Karow nicht abfinden. Sie fordern den Erhalt des Kindergartens. Antje Bernstein

Die Kita "Pusteblume" in Karow wird zum Monatsende geschlossen. Der VS-Kreisverbandes Parchim zieht die Reißleine. Niedrige Kinderzahlen besiegeln das Aus der Einrichtung. Damit wollen sich die Eltern nicht abfinden.

svz.de von
19. Juni 2012, 09:46 Uhr

Karow | Lauter Jubel schallt über den Hof der Karower Kita. Auf der Wiese spielen ein paar Kinder Fußball. Ausgelassen toben zwei Jungs auf dem Klettergerüst. Doch das Kinderlachen von heute wird schon bald Geschichte sein - zumindest an diesem Ort. Die Kita "Pusteblume" wird zum Monatsende geschlossen. Der Kita-Träger - der Kreisverband Parchim der Volkssolidarität - zieht die Reißleine. Anhaltend niedrige Kinderzahlen besiegeln das Aus der Einrichtung. 160 Kindergarten-, Krippen- und Hortkinder wurden zu Bestzeiten in der Karower Kita betreut. Doch das ist Jahre her. Im vergangenen Schuljahr waren es um die 20 Mädchen und Jungen. Heute sind es nur noch acht. Zu wenig, um die Kita aufrecht zu erhalten, sagt der Träger. "Nach den Sommerferien wären es nur sieben Kinder. 17 müssten es sein", erklärt Ruth Tietz, stellvertretende Geschäftsführerin des VS-Kreisverbandes Parchim.

Acht Kinder - das jüngste noch kein Jahr alt, das Älteste sieben - betreut Kita-Chefin Christine Pollee alleinverantwortlich. "Es ist wie eine Familie. Warum muss man so etwas kaputt machen?", fragt Elke Wahls. Ihr Enkelkind besucht die Kita und fühlt sich hier rundum wohl. Auch die Mütter Cindy Wilken, Sandra Wendt, Stefanie Altenburg, Andrea Schütte und Annett Karsten lassen ihre Kinder von Christine Pollee betreuen und sind mit der Kita mehr als zufrieden. Die Schließung der Einrichtung wollen sie nicht hinnehmen. Doch ihr Wunsch auf eine Zukunft in der kleinen Dorf-Kita bleibt unerhört - des Geldes wegen. Auch wenn das Kindeswohl an erster Stelle stehe, eine Kita müsse sich eben auch finanziell rechnen. Großen Spielraum gebe es nicht. "Wir sind eben nur ein kleiner Träger", sagt Ruth Tietz. Dass es am Geld scheitern soll, können Eltern und Kita-Leiterin nicht recht glauben. Schließlich bestehe die Einrichtung lediglich aus zwei Räumen. "Hohe Kosten für Miete und Heizung kann ich mir nicht vorstellen", sagt Elke Wahls. Sie sorgt sich, weil ihr Enkelkind nun nach Plau soll. "Die Kita dort ist doch schon vollends ausgelastet", sagt Elke Wahls. Schon seit Jahren müssten Kinder im Gebäude auf dem benachbarten Burghof untergebracht werden. Kämen jetzt auch noch die Karower hinzu, würde sich die Situation nur verschärfen, mutmaßt Wahls. Sie spricht sich dafür aus, dass die Karower Kita zur Außenstelle des Plauer VS-Kindergartens wird und somit bestehen bleibt. Dem Vorschlag pflichtet auch Kita-Leiterin Christine Pollee bei. "Wenn das nicht geht, könnten wir auch die Öffnungszeiten reduzieren", sagt sie.

Möglichkeiten, die Kita zu retten, sieht Ruth Tietz hingegen nicht. Man habe in Zusammenarbeit mit der Stadt Plau und dem Jugendamt alle Möglichkeiten abgewägt, den Fortbestand vielleicht doch noch zu sichern - vergebens. Die Schließung ist unabwendbar. "Wir haben wirklich alles versucht. Es tut uns selbst sehr weh, dass wir diesen Schritt gehen müssen. Wir haben uns damit sehr schwer getan", sagt Ruth Tietz. Die Eltern aber wollen das nicht glauben und fühlen sich von Behörden und Träger im Stich gelassen. Die große Politik spreche immer von der Schaffung neuer Kita-Plätze, in Karow wird einen Einrichtung geschlossen. Ein Unding, moniert Elke Wahls.

Die Mütter trifft es noch härter: Nicht nur, dass sie ihre Kinder fortan nach Plau schicken müssen. Die Beförderung dahin müssen sie selbst absichern. Das ist längst nicht für jede Mutter machbar. Sandra Wendt etwa hat kein Auto, wäre auf den Bus angewiesen. "Ich hab mir das mal durchgerechnet. Das wären 200 Euro im Monat. Das kann ich mir nicht leisten", sagt sie. Auf Hilfe von der Volkssolidarität kann sie aber nicht hoffen. "Wir haben die Beförderungsmöglichkeiten gecheckt", sagt Ruth Tietz. Doch auch hier habe sich keine finanzierbare Lösung gefunden. Die Eltern müssen ihre Kinder auf eigene Rechnung nach Plau bringen. "Es ist für alle eine Zumutung", sagt Elke Wahls. Auch für den Ortsteil habe die Entscheidung der Volkssolidarität Konsequenzen. "Wenn man die Kita schließt, haben wir hier gar nichts mehr", sagt Elke Wahls. Dabei seien es doch gerade Einrichtungen wie eine Kita, die junge Familien auf dem Lande halten oder überhaupt erst hierher bringen. Schließt man sie, begünstige man nur die Abwanderung aus der Region, so die Karowerin. "So macht man die Dörfer kaputt", sagt Wahls.

Es ist nicht das erste Mal, dass Karows Kita die Schließung bevorsteht. "Sie stand schon öfter im Raum. Aber wir konnten uns immer wieder sanieren", sagt Christine Pollee. Darauf hatte sie auch diesmal gehofft. Immerhin: vier Anfragen für einen Kita-Platz und eine für die Krippe hat sie bekommen. Aufnehmen habe sie die Kinder aber nicht dürfen - weil die Schließung zum Schuljahresende beschlossene Sache ist. "Wir haben schon manche Durststrecken mit der Kita überstanden. Auch diesmal haben wir gehofft, dass doch noch mehr Kinder zusammen kommen", sagt Ruth Tietz. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. "Das geht über unsere Grenzen."

Betriebe, Konsum, Bahnhof, Arzt - das alles ist im Plauer Ortsteil Karow längst Geschichte. "Das ist ein totes Dorf geworden", sagt Christine Pollee. Dabei war das einmal ganz anders. Als sie 1976 in den kleinen Ort zog, habe Karow nahezu Kleinstadtflair gehabt. Heute ist davon nichts mehr übrig. "Es ist ein sozialer Brennpunkt", sagt sie. Und nun steht eines der letzten Dorfinstitutionen vor dem Aus. Christine Pollee fällt der nahende Abschied schwer. 28 Jahre war sie in der Kita Chefin. Nun soll sie andernorts für die Volkssolidarität arbeiten. Aber ihr Herz hängt am Karower Kindergarten. "Ich möchte die Betreuung der Kinder nicht so ohne Weiteres aufgeben. Das hier ist wie ein zweites Zuhause für mich. Die Kinder sind mir ans Herz gewachsen", sagt sie. Doch um ihre Schützlinge werden sich wohl künftig andere Erzieherinnen kümmern.

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