OFFENE TÖPFEREI : Modern und doch irgendwie uralt

Bei Keramikerin Susanne König in Plau konnten Besucher Becher oder Ostereier aus Ton bemalen.  Fotos: monika maria degner
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Bei Keramikerin Susanne König in Plau konnten Besucher Becher oder Ostereier aus Ton bemalen. Fotos: monika maria degner

Am Wochenende fand auch in Mecklenburg-Vorpommern der 11. Tag der offenen Töpferei statt

svz.de von
15. März 2016, 12:05 Uhr

Es ist nicht ganz einfach, sich durch den Wald der Fachbegriffe zum Thema Keramik hindurchzufinden. Eine Grobeinteilung beruht auf der Qualität des Tons, der Hitze während des Brennens und der Art der Glasur. Susanne Koenig, Baukeramikerin aus Plau, nennt zur Orientierung drei „Warengruppen“: Terrakotta, Steingut, Steinzeug. In dieser Reihenfolge wird der gebrannte Ton jeweils dichter und haltbarer gemacht. Liebhaber der alten Handwerkskunst jedenfalls konnten dieser und anderen Fragen zur Produktion am Wochenende nachspüren oder sich von der eigentümlichen Ästhetik der Tonwaren hinreißen lassen, denn wieder einmal war bundesweit der „Tag der offenen Töpferei“ ausgerufen.

„abgelegen.de“ lautet die vielversprechende Internetadresse der Keramikwerkstatt und Galerie von Ute Dreist. Ihr Anwesen gehört zwar zu Techentin, liegt aber ganz für sich, eingebettet in Grün. Einige Gebäude, darunter die Galerie und ein kleineres, uriges Haus, das Ute Dreist als „Zentrum“ dieser Anlage bezeichnet, fügen sich zu einem Dreiseit-Ensemble, das so romantisch wie sinn- und zweckvoll erscheint. Ein kleines Reich, in dem Leben und Arbeiten räumlich vereint sind.

Hier lässt sich die Frage nach den Grundlagen des Tonbrennens anschaulich vertiefen. Auf der Spur von Dreists Brennverfahren passiert man allerdings zunächst einmal eine hinter Maschendraht arrangierte Collage aus misslungenen Werken, denn manchmal sprengt das Feuer die Ware, die es vollenden soll. Der gemauerte Brennofen dann, in jenem „Zentrum“ untergebracht, ist in seinem untechnologischen Understatement eine Überraschung, die es in sich hat. Ein Ofen wie aus Grimms Märchen. Auf der einen Seite die Öffnung für das Holzfeuer, Ute Dreist nämlich brennt ihr Steinzeug auf die ganz traditionelle Art mit einem Holzfeuer, auf der anstoßenden Wand der Eingang für die Tonware, aber jetzt – zugemauert! Sehr sorgfältig sogar wird die Zugangsöffnung vor dem Brennen vermauert und außen mit Lehm verstrichen, denn innen muss sich gleichmäßige Hitze entwickeln können. Vierundzwanzig Stunden lang ist dann regelmäßig Holz nachzufüllen, sagt die Keramikerin. Ein langer Tag also und eine schlaflose Nacht. Fünf bis sechs Brände dieser Art mit mehr als 1000 Grad Hitze führt sie pro Jahr durch. Von diesen Bränden lebe sie, sagt Dreist.
Auch Töpfer Wolfgang de Fries lebt von seinen Bränden in einem allerdings kleineren Ofen, der ebenfalls in der „Brennzentrale“ untergebracht ist. Im Atelier sind neben Ute Dreists auch seine Werke ausgestellt. Hier die meist bräunlichen oder orangefarbenen, irgendwie archaischer wirkenden Keramiken der Töpferin, dort die oftmals fast schwarzen oder in der Glasur gesprungenen Raku-Keramiken von de Fries. „Raku“, erläutert der Töpfer, „geht auf eine traditionelle japanische Methode der Erzeugung von Teegeschirr zurück.“ Ausgesprochen formbewusst und leicht wirkt diese Keramik, die aus dem noch nicht abgekühlten Brennofen mit Zangen herausgeholt wird, wobei die Glasur springt und ein Muster entsteht. „Raku“ heiße übersetzt soviel wie „Zufall“, da diese Muster divergieren, erklärt der Künstler. Die schwarzen, leicht changierenden Außenflächen einiger Objekte wiederum entstehen, wenn sie glühend in Hobelspäne geworfen werden, die sich dann augenblicklich entzünden.

Mecklenburg-Vorpommern sei heute, vermutet Ute Dreist, das Bundesland mit den meisten Töpfereien. Es sind an die hundert, obgleich der rote Ton, der hierzulande gefunden wird, wenig widerstandsfähig ist. Gearbeitet wird offenbar überwiegend mit einem grauen Ton, der in einem Landschaftsgürtel zu finden ist, der sich von Tschechien über Mitteldeutschland bis zum Westerwald und der Eifel zieht. Mit grauem Ton arbeitet auch Baukeramikerin Susanne König aus Plau. Verwunderlich, dass die zierliche Töpferin sich ausgerechnet diese wuchtige Sparte ausgewählt hat. Zwar finden sich Schalen und Vasen auch in ihrem Geschäft, maßgeblich aber ist das Angebot an Fliesen und Kacheln. In den Regalen sind sogenannte „Tonstöcke“ untergebracht, hochverdichteter Ton in Quaderform. Häufig arbeitet die Baukünstlerin außerhalb, arbeitet Ofenbänke, Fensterbänke, ja Sitzbänke als Alternative beispielsweise zum herkömmlichen Sofa. Vor Ort passt sie die Tonsegmente an, formt Sitzmulden, setzt dekorative Akzente.

Wer sich endgültig sattgesehen hat am industriell gefertigten Massenprodukt, kann sich wieder dem Handwerk und dem Kunsthandwerk zuwenden. Dazu zählen nicht zuletzt die Töpfereien.

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