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Lufthansa-Crew fliegt Oldtimer ehrenamtlich in der Freizeit : Mit "Tante Ju" ab Parchim auf Zeitreise

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Die 1936 gebaute Lufthansa-Junkers Ju 52 wurde auf dem Parchimer Lufthafen begrüßt wie zuletzt der Airbus A 380. 16 Gäste hatten einen Streckenflug nach Hamburg gebucht und erlebten Unvergessliches.

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erstellt am 29.Aug.2012 | 04:43 Uhr

Parchim | Allein die Ankündigung, dass ein Oldtimerflugzeug der Junkers-Familie aus den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Parchim abheben wird, sorgte für eine deutliche Belebung auf und vor dem Airport (wir berichteten). Sogar ein Getränkewagen stand am Flughafen, damit die vielen mit Fernglas und Kameras ausgerüsteten Besucher versorgt werden konnten.

Viele Geschichten ranken sich um dieses Flugzeug. Sogar ein Parchimer flog so einen Typ. "Es war mein Vater Hans Steffensen, er war Pilot und Fluglehrer", bestätigt sein Sohn, der ebenfalls Hans heißt und heute Taxiunternehmer in der Kreisstadt ist. So sei sein Vater, der in Werder (Sachsen-Anhalt) stationiert war, mehrmals in der Woche in Parchim gelandet. Im April 1945 hob er mit einer Ju 52 zu ihrem letzten Flug ab Parchim in Richtung Neumünster ab. Sohn Hans hat die Maschine mehrfach bei ihrem Flug beobachtet.

Das Erlebnis, Fluggast in der historischen Ju 52 zu sein, gönnten sich jetzt 32 Passagiere, die das Angebot eines Rundfluges über Westmecklenburg nutzten, sowie 16 Gäste, die einen Streckenflug nach Hamburg buchten. Doch zuvor müssen sie die Sicherheitsschleuse beim Check-In im Abfertigungsgebäude passieren. Auch bei einem Rundflug gelten die Sicherheitsbestimmungen. Auf dem Vorfeld wartet die silbrig in der Sonne glänzende Maschine. "Das kommt durch die originale Aluminium-Kupfer-Magnesium Legierung, aus der die Maschine besteht", erklärt Bordtechniker Helmut Brandes. Derweil haben die Passagiere das Vorfeld betreten und werden vor der Maschine von der Crew empfangen. Flugkapitän Matthias Schultz gibt erste Erläuterungen zum Flugzeug und zum geplanten Kurs.

Eine kleine Leiter ist der Einstieg in eine Zeitreise. Alles ist etwas eng und zweckmäßig eingerichtet. Der Vorteil für die Rundfluggäste: Jeder bekommt einen Fensterplatz, denn die Sitze sind einreihig an jeder Seite angeordnet. Christina Honigbaum, die Stewardess, begrüßt jeden Einzelnen. Wie bei den heutigen Flügen üblich, gibt sie vor dem Start Erläuterungen zum Anschnallen und zum Verhalten in einem Notfall.

Dann ein Vibrieren, ein lautes Brummen und die Motoren laufen sich langsam warm. Die Maschine rollt zur 3000 Meter langen Startbahn. Und als wäre die gute alte Tante Ju mit ihren 76 Jahren noch ganz jung, hebt sie in Richtung Spornitz schon nach 350 Metern ab. Ein Bogen über die Lewitz und ab geht die Reise in Richtung Schweriner See. Mit 170 Kilometern in der Stunde brummt die Ju 52 in rund 600 Metern Höhe über die grünen Wälder, gelben Stoppelfelder und über die Ortschaften. Wie es sich für eine alte Dame gehört, liegt sie relativ ruhig in der Luft. Nur ein Blick auf die Tragflächen verrät, das es manche Schwankungen gibt, die aber für die Passagiere kaum spürbar sind. Dafür wird es warm, denn eine moderne Klimaanlage sucht man hier vergebens.

"Es ist eben eine Zeitreise", meinte die Stewardess. Die Fotoapparate sind gezückt und klicken fast unaufhörlich, jeder will die Eindrücke festhalten. Sogar eine Regenwand aus Richtung Westen kann diesem Erlebnis nur wenig anhaben, auch wenn die goldglänzenden Kuppeln des Schweriner Schlosses diesmal durch die Regentropfen stumpf wirken. Dann geht es über den westlichen Teil des Landkreises Ludwigslust-Parchim wieder in Richtung Parchim. Unter dem Flieger schlängelt sich die A 24 durchs Land, die Fischteiche der Lewitz glänzen und der Rundflug neigt sich dem Ende entgegen.

Zu den Erlebnissen dieses Fluges gehört auch, dass jeder einen Blick in das Cockpit werfen kann, wo die Flugkapitäne Matthias Schultz und Benno Herrmann die vielen Anzeigen auf der Instrumententafel sowie Schalter und Hebel bestens im Blick haben. Eine große Schleife fliegt sie noch über die Kreisstadt, dann landet die Tante Ju wieder butterweich auf dem Parchimer Rollfeld. Für die Crew gibt es Beifall und Zugabe-Rufe. "Einfach klasse, super, diese Technik, wie die noch funktioniert, eine Hochachtung vor den Ingenieuren der damaligen Zeit", loben die Passagiere wie Eckhard Becker, Christian Roloff, Familie Schüler mit Enkelin Clara und Museumsdirektor Wolfgang Kaelcke. Alle wünschen sich, dass es nicht wieder neun Jahre bis zum nächsten Rundflug ab Parchim dauern wird. Abschließend erhalten sie alle einen Erinnerungs-Anstecker.

Die Crew, zu der auch noch Flugkapitän Stefan Friedrich gehört, fliegt dieses Flugzeug ehrenamtlich in der Freizeit. Alle gehören zu einem Verein, zu dem weitere Teams gehören und die sich abwechseln. Ansonsten fliegen sie mit den modernen Maschinen von heute um den Erdball. Übrigens, die Tante Ju wird monatlich an drei Tagen technisch gewartet, sie ist die einzige ihrer Art in Deutschland, weltweit gibt es nur noch vier Maschinen. Angesichts der hohen Spritpreise ist auch folgende Info interessant: "Wir tanken 1830 Liter Flugbenzin (AvGAS), welches auf sechs Tanks verteilt ist. 410 Liter verbrauchen wir davon je Stunde", erläutert Flugkapitän Schultz.

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