Ehrenamtliches Engagement : Mit Spaß Erste Hilfe in Deutsch

Für die Syrer bisher nie erlebte Rollenverteilung: Mit Schulleiterin Gisela Hög gibt zum ersten Mal eine Frau die Richtung vor.
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Für die Syrer bisher nie erlebte Rollenverteilung: Mit Schulleiterin Gisela Hög gibt zum ersten Mal eine Frau die Richtung vor.

Drei Lehrerinnen der Walter-Husemann-Schule trainieren seit September jeden Tag mit syrischen Flüchtlingen sprachliche Grundlagen.

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11. November 2015, 12:00 Uhr

Weil sie Angst vorm rund um die Stadt tobenden Krieg haben, fliehen Sumir Alhussein (Name geändert) und seine hochschwangere Frau am 14. September aus der rund acht Millionen Einwohner zählenden Metropole Damaskus. Auch sie bezahlen mehrere 1000 Dollar, um mit einem Schiff – eher Boot – in die Türkei übergesetzt zu werden. Nach zwei Wochen sind beide in Deutschland. Ihre Reise führt sie über München, Hamburg, Bremen, Horst und Parchim nach Goldberg, wo beide jetzt erst einmal bleiben können. Hier kommen sie mittlerweile regelmäßig mit anderen Flüchtlingen aus ihrer Heimat in der Walter-Husemann-Schule zusammen, was deren Leiterin Gisela Hög ermöglicht.

Nach den Sommerferien hört sie, dass Schüler alles andere als wohlwollend über die Flüchtlinge sprechen und den von ihnen verursachten Krach beim Fußballspielen anprangern: „Unkenntnis und Nachplappern, was ich trotzdem umgehend in direkten Gesprächen geklärt habe, um nichts im Raum stehen zu lassen.“

Gisela Hög versucht unmittelbar darauf, über die AWO Kontakt zu den Flüchtlingen zu bekommen, was schwierig gewesen sei und sie „viel Kraft gekostet“ habe. Grund für den Kontaktversuch: Mit den Lehrerinnen Evelin Lichtenberg und Ilonka Wenzel hat sie sich dazu entschieden, den erwachsenen Syrern zunächst erst einmal grundlegende Laute der deutschen Sprache und deren Schreibweise zu vermitteln – ehrenamtlich nach dem Unterricht an jedem Tag für jeweils etwa eine Stunde. Seit Anfang September ist der Anlaufpunkt aktiv. Die Verständigung erfolgt über Englisch, wenngleich sich das der Flüchtlinge öfter von dem hier bekannten unterscheide. „Die Atmosphäre ist jedoch so gut, dass es stets eine Lösung gibt. Wir helfen uns untereinander und einer versteht’s immer“, sagt Gisela Hög.

Niemand, der das Miteinander einmal erlebt hat, dürfte an diesen Aussagen zweifeln. Die Runde, die sich jetzt trifft, ist die erste stabile. Jeder in ihr folgt dem Unterricht aufmerksam. Und egal, ob Berufsschul- und Judolehrer Malek Jasem, Maschinenbauingenieur und Kunstschmied Abdulla Khalil, ein Programmierer und Informatiklehrer, IT-Fachmann, Ingenieur für Innenarchitektur, Chemie-Laborant oder Student für Betriebswirtschaftslehre: Die meisten haben studiert, ungelernt ist erst recht niemand. Überall haben Vertreter der deutschen Wirtschaft schon den hohen Ausbildungsgrad zahlreicher Flüchtlinge hervorgehoben.

„Nach ihrer Irrfahrt durch Deutschland kamen hier viele mit Badelatschen an den Füßen an und saßen dann auch noch für zehn Tage im Dunklen, weil es in den Zimmern keinen Strom und keine Heizung gab“, berichtet Gisela Hög. Als Anrufe der Flüchtlinge bei verschiedenen Stellen erfolglos bleiben, suchen die Syrer Hilfe bei der Schulleiterin. Sie hakt so oft bis zur Landkreisebene nach, bis das Problem aus der Welt ist.

Die Flüchtlinge lebten sehr oft zu dritt mit Bundeswehrbetten oder „Russenpritsche“ und einem Schrank für mehrere Menschen in einem Zimmer. Alle seien durch die Ereignisse zuhause und die Flucht selbst traumatisiert: „Ich kann das nachempfinden. Wer erlebt hat, wenn eine Schule einstürzt, weiß, was das bedeutet. Dann kostet es nicht viel, eine Atmosphäre des Ankommens zu schaffen, zum Beispiel auch alte Namen an den Briefkästen zu entfernen und gegen die neuen auszutauschen.“

Die jungen Männer können auf dem Schulhof Fußball spielen, wenn sie möchten, und Gisela Hög hat Alhusseins 14-jährigen Bruder bei sich in einer achten Klasse aufgenommen. Das Schulgesetz biete Möglichkeiten, daraus kein Problem zu machen, wenn man möchte. Das von ihr und Kolleginnen unterbreitete Sprach-Angebot könne nicht mehr als eine Basis sein, was jedoch keinen Endpunkt bedeuten müsse.

Sie bemühe sich um einen 320 Stunden dauernden, weiterführenden Sprachkurs durch externe Fachkräfte, für den die Husemann-Schule weiter Räume zur Verfügung stellen würde.

Die Mitschüler des Jungen hätten von sich aus eine Spendenaktion gestartet, durch die 200 Euro zusammenkamen. Von dem Geld hat die Lehrerin unter anderem Winterschuhe und Kleidung für ihn und mit ihm gekauft. Der übrig gebliebene Rest solle für das nächste Kind verwendet werden. Über die genannte Geldsumme hinaus zeigten viele Goldberger großes Entgegenkommen, indem sie Sachspenden in der Schule abgeben, wo sie von Christine Pfeffer sortiert werden: „Vorbildlich.“

Sumir Alhussein hat als Elektroingenieur schon für Weltkonzerne gearbeitet, seine Frau besaß eine Apotheke außerhalb von Damaskus, die sie jedoch schon längere Zeit vor der Flucht aufgeben musste, weil es in der betreffenden Region zu gefährlich wurde, wie sie selbst erzählt. Viele Syrer fragten sich unter anderem, warum die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ so viel Geld habe und immer weiter Unheil verbreite, obwohl Russland und die USA als Großmächte allem sofort ein Ende setzen könnten. „Der IS hat mit dem Islam nichts zu tun“, sagt die werdende Mutter. „Er missbraucht den Namen für sein Tun.“ Der Islam an sich sei auf Frieden und Miteinander ausgerichtet.

Alhussein und seiner Frau ging es gut, jetzt ist alles weg. Mitnehmen konnten beide nur die Sachen, die sie auf dem Leib trugen. Die Schwester des 33-Jährigen hat ihr Haus verloren, mehrere Familienmitglieder sind tot, zwei Cousins sitzen schon lange im Gefängnis und niemand weiß, ob sie überhaupt noch leben. „Wir hoffen sehr, dass wir hier bleiben können und warten jetzt auf einen deutschen Pass. Bisher haben wir nur einen Ausweis“, sagt der Syrer. Schon allein aus dem Grund, dass viele Familienmitglieder noch in der Heimat sind, wolle er jedoch auch dorthin zurück, wenn es wieder Frieden geben sollte. Von der Wohnung werde dann nichts mehr übrig sein, doch jetzt überwiegt der Blick auf ein anderes Thema: Am 27. November erwartet das Paar die Geburt seines Kindes.

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