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Rehaklinik Plau am See : Mit Kunstherz ins Leben zurück

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Lutz Funk lebt seit vier Wochen mit „Herzunterstützungssystem" - der 58-jährige Möllner ist der Plauer Rehaklinik Silbermühle für die medizinische Nachsorge dankbar.

von
erstellt am 28.Jul.2016 | 05:00 Uhr

Ohne seine schwarze Umhängetasche geht Lutz Funk niemals vor die Tür. Wenn die Leute neugierig oder irritiert schauten – ihm wäre das egal. Funks Prioritäten sind andere. Er ist froh, dass er überhaupt unterwegs sein kann. Denn er ist einer von wenigen in Deutschland, die mit einem so genannten Kunstherz leben. Gerade absolviert der Möllner eine Reha in der „Silbermühle“ in Plau am See, einer der wenigen Einrichtungen in Norddeutschland, die die Nachsorge von Kunstherzpatienten übernehmen. Aber hier in der Klinik für Rehabilitation und Anschlussheilbehandlung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen schaut natürlich niemand, wenn Lutz Funk mit Tasche und ganz gemächlich unterwegs ist. Hier ist er Patient. Und auf dem Weg zurück ins Leben. Akkus und Steuergerät immer am Mann.

Nach einem großen Herzinfarkt vor drei Jahren änderte sich das Leben für den Frührentner dramatisch. Noch bis zum letzten Tag hatte der heute 58-Jährige gearbeitet, war Lkw-Fahrer, tat also einen Knochenjob. Dann ging nichts mehr.

Schwerer Vorwand-Infarkt. Kein Warnstreik des Herzens, sondern eine ausgewachsene Generalverweigerung. In der Lübecker Uni-Klinik, wohin ihn sein Arzt vermitteln konnte, wurde Lutz Funk ein Kunstherz eingesetzt. Keine Komplettprotetik des „menschlichen Motors“. Vielmehr wird (vereinfacht gesagt) beim Kunstherz eine Pumpe ans Herz angeschlossen und das Blut aus der kranken Herzkammer direkt ins Kreislaufsystem gepumpt. Strom bezieht das System aus zwei Akkus, die nachts an die Steckdose kommen. Ein Wunderwerk der Medizin-Technik, die auch an die Patienten hohe Anforderungen stellt. Sie müssen die Selbstdiagnostik beherrschen, sich mit Blutverdünnung auskennen, verlässlich und penibel genau mit Wundversorgung sein und dürfen keinen Vorerkrankungen an Leber oder Niere haben, was etliche Patienten von vornherein ausschließt.

Wie Dr. Hartmut Brauer, Chefarzt der KMG Klinik in Plau am See, sahen viele Herzspezialisten im „Kunstherz“ lange eine Art Brigde-Therapie – eine Therapie, die dem Patienten hilft, die Zeit bis zu einer eventuellen Herztransplantation zu überbrücken. „Die Entwicklung in diesem Bereich ist jedoch rasant“, hat Brauer seine Meinung grundlegend revidiert. „Die Überlebensraten mit Kunstherz sind heute weit höher als nach einer Herztransplantation. Menschen, die mit der heutigen Generation Kunstherz, dem „HeartMate3“ versorgt werden, haben die Perspektive, die nächsten zehn Jahre zu (über)leben.“

Der Chefarzt legt die Betonung bewusst auf ü  b  e  rleben. Früher bedeutete eine Herzinsuffizienz (Herzschwäche) das Todesurteil des Patienten, schien einzig die Herztransplantation Aussicht auf ein Weiterleben. Mittlerweile, sagt Brauer, überholt der Kunstherz-Einbau die Herz-Transplantation, was zum einen daran liege, dass die Schere zwischen Bedarf und Verfügbarkeit echter Herzen immer weiter auseinandergeht; andererseits aber auch am „Wunderwerk“ selbst. „Die Frage ist nur, wann der richtige Zeitpunkt ist“, sagt Brauer. Nachdem er Lutz Funk in der Behandlung hat, im Vorfeld und auch jetzt ganz eng mit Kollegen in Lübeck (hier werden jährlich 20 Kunstherzen eingesetzt) zusammenarbeitet, ist er sicher: „Früher. Nicht erst, wenn das Herz ins Versagen geht.“ Auch deshalb wird das Team von der Plauer Silbermühle auch in Zukunft die Nachsorge für Lübecker Kunstherzpatienten übernehmen.

Lutz Funk, der in den nächsten Tagen nach Hause entlassen wird, sein Leben komplett neu ordnen, seine Finanzen und Versicherungen regeln muss, weiß, dass er noch vor Jahren Todeskandidat gewesen wäre. Heute ist er dankbar. Für die Jahre, die ihm das Kunstherz schenkt. „Ich habe die Chance, ins Leben zurück zu kommen und will sie nutzen, auch wenn ich nicht verhehlen kann, dass ich Angst habe. Vor allem möchte ich den Schwestern und dem Team hier danken, ohne die ich körperlich und mental noch lange nicht soweit wäre.“

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