Lübz : Mit harter Arbeit von Ort zu Ort

Haare am Arm kennt Multi-Talent Antonio Sperlich nicht mehr und über Schmerzen spricht er nicht. Fotos: Ilja Baatz
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Haare am Arm kennt Multi-Talent Antonio Sperlich nicht mehr und über Schmerzen spricht er nicht. Fotos: Ilja Baatz

Die SVZ hatte jetzt die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen des mecklenburgischen Zirkus Monaco zu werfen. Bis zum kommenden Montag gastiert er in Plau am See.

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30. März 2016, 12:00 Uhr

Um 6 Uhr morgens ist die Nacht vorbei – an jedem Tag im Jahr. 15 Tiere von der kleinen Schlange über Ponys bis zum Kamel sollen nicht warten, wenn es um ihre erste Mahlzeit und andere Versorgung geht. Mario Sperlich hat den mecklenburgischen Zirkus „Monaco“ zusammen mit seinem Bruder Antonio 2009 gegründet. Mit der Branche verbunden ist die Familie bereits seit rund 200 Jahren. „Noch zu DDR-Zeiten hieß das Unternehmen Royal, das letztlich aber zu groß wurde, damit alle davon leben konnten, so dass sich einige selbstständig gemacht haben. Der Kontakt zueinander ist gut“, berichtet der 27-Jährige. Ab wann genau seine Vorfahren andere Menschen mit ihren Darbietungen erfreuten, lasse sich leider nicht mehr nachvollziehen, weil der einstige Zirkus am Ende des Zweiten Weltkrieges in der Nähe von Grabow bombardiert und dadurch auch sämtliche Unterlagen vernichtet wurden. „Alles war dem Erdboden gleich. Nach 1945 haben meine Eltern mit einem Pony und einem Hund wieder angefangen“, sagt die Seniorin im Team, Elvira Sperlich. Die 78-Jährige ist davon überzeugt, dass auch ihre Nachkommen richtig handeln, wenn sie dem Zirkus trotz immer wieder neuer Hürden die Treue halten: „Es sind alles ordentliche Menschen, niemand ist jemals straffällig geworden. Und was nützt es, wenn Kinder in einem goldenen Käfig gefangen sind? Hier sind sie viel draußen, dürfen sich auch dreckig machen, wenngleich keine Ausnahme gemacht wird, sobald es um die Disziplin vor und bei einem Auftritt geht.“

Petra zum Beispiel, die unter anderem mit Hunden und als Clown auftritt, lebt mit ihrem Bruder Justin (13) in einem Wohnwagen. Rund eine Stunde benötigt sie, bis das Aussehen für die Manege stimmt. Das Leben im Zirkus gefällt ihr, wie sie sagt, und trotz des Reisens durch ganz Deutschland achte das Mädchen auf seine schulische Ausbildung. Diese funktioniert so, dass es in festgelegten Abständen von einer Fernschule zugeschickte Mappen durcharbeiten muss. Das Ergebnis wird bewertet. Es besteht zwar immer die Möglichkeit, Kontakt zur Lehrerin aufzunehmen, doch Bruder Mario bedauert, dass es für ganz Deutschland nur eine Fernschule gebe – in Nordrhein-Westfalen: „Wenn wir dort unterwegs sind, würde die Lehrerin sogar in jeden Ort kommen. Sonst ist dies leider nirgends möglich.“

Und wie beurteilt Artistin Carolin (17), eine objektiv eingeschätzt sehr attraktive junge Frau, die Lage, keinen festen Freundeskreis aufbauen zu können? „In den Orten, wo wir sind, trifft man Leute, tauscht Telefonnummern aus, hält Kontakt und sieht sich irgendwann wieder – für mich in Ordnung.“ Möchte sie einen Freund haben? „Nein, das hat noch Zeit.“

Carmen Sperlich, die Chefin des Hauses, hat sieben Kinder zur Welt gebracht. So unterschiedlich alt sie sind, so verschieden ist auch die Größe der 15 Fahrzeuge, mit dem die Familie durch Deutschland reist. Sie reicht vom Mittelklassewagen bis zum 40 Tonnen schweren Sattelauflieger. Zwar habe sich das Unternehmen insgesamt gut entwickelt, aber die Arbeitsbedingungen schätzt Mario Sperlich aus mehreren Gründen trotzdem als schwer ein. „Die Platzgelder zum Beispiel sind in der Regel generell extrem gestiegen“, sagt er. „Das macht uns mehr zu schaffen als leicht gesunkene Zuschauerzahlen. Die Folge ist, dass wir jetzt von März bis Anfang Dezember unterwegs sind, bevor wir unser Winterquartier bei Lübtheen ansteuern. Früher war im Oktober Schluss, aber das geht nicht mehr.“ Zur vor allem auch körperlich harten Arbeit gehören Auf- und Abbau des knapp zehn Meter hohen und 22 mal 22 Meter großen Zeltes, letzteres in der Regel noch am Tag der jeweils letzten Vorstellung. Am neuen Spielort steht es spätestens nach acht Stunden wieder.

Applaus für die vielfach waghalsigen Darbietungen sei der schönste Lohn. Nicht denken mag Antonio Sperlich an das Schicksal von einem seiner einst auch in einem Zirkus arbeitenden Cousins, der sich am 18. Geburtstag beim Salto auf dem Seil zweimal den Rücken brach. Er wird nie wieder richtig laufen können: „Bei uns ist Gott sei Dank noch nichts so Hartes passiert.“

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