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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

23. November 2017 | 21:43 Uhr

Alte Tradition : Metamorphose im Lehmmuseum

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Einrichtung beging den 1. Mai mit Brot Backen und der Erneuerung einer Lehmplastik. Aus Frau Linde soll Lehmhilde werden

Baustoff Lehm: immer frische Luft, hallfreier Innenraum, konstant sechsundzwanzig Grad bei Hitze und manchmal märchenhaft schön wie Sanaa im Jemen. Das Gemisch aus Lehm und Stroh, in Deutschland Jahrhunderte lang als Baustoff der ärmeren Landbevölkerung minderbewertet, erlebt eine sich langsam, aber stetig über die Republik verbreitende Renaissance.

Bei uns, wo es oft tagelang regnet und stürmt, bedarf das Lehmhaus allerdings eines behütenden Daches mit genügend Überstand. Außerdem werden Lehmwände verputzt mit reinem Kalk, denn aufgenommene Feuchtigkeit muss auch wieder abgegeben werden. Was nun Frau Linde, die lehmgeborene Frauenfigur auf dem Areal des Lehmmuseums in Gnevsdorf betrifft, so hätte man ihr auch so etwas wie ein ordentlich überkragendes Dach gewünscht. Denn bislang ist keiner der Versuche, sie im Winter zu schützen, so richtig geglückt, und nun ist Frau Linde fast weg. Ausgehöhlt, zersetzt bis auf die innere Stoffbahn, ist die 2012 bei einem Projekt vor allem mit Kindern entstandene, bunte Lehmschöne nur noch ein Rudiment, kaum größer als ein Ameisenhügel. Wer weiß, dass dies einst eine Frauenplastik war, identifiziert noch den weit ausladenden Rock. Den Kopf markiert ein nestartiges Wirrsal aus gebogenen Ruten, der einzig noch vorhandene Arm ist unter der Last des Korbes, der ihm anmodelliert worden war, abgebrochen. Frau Linde sieht schon traurig aus. Zeit, sie zu restaurieren.

Weiter hinten auf dem Grundstück kümmert sich Marita Kienscherf um einen urigen Lehmbackofen, streicht Glut aus dem Inneren heraus und lässt sie in kaltem Wasser verzischen. Wasserdampf steigt auf. Heute, am 1. Mai, ist Saisonbeginn in Deutschlands einzigem Lehmbaumuseum und zur Feier des Tages hat Marita Kienscherf Brote vorbereitet. Später berichtet sie von einer Lehmprobe, die noch in Folie verpackt ist: „Frisch eingetroffen aus Finnland. Wir wollen zeigen, wie bunt der Lehm ist.“ Da fragt man sich schon: Kann Lehm denn bunt sein? Kienscherf führt zu etwa dreißig Lehmproben im Ausstellungsraum des Museums: rot ist beispielsweise der Lehm aus Togo oder aus Virginia, weiß der aus Bulgarien und regelrecht schwarz der Lehm aus Nordirland. Alle zusammen bilden die Palette ruhiger Farbtöne, die man aus gutem Grund „erdfarben“ nennt. Seltsam, jedenfalls angesichts des Reichtums der Exponate im Museum, dass viele der in der Umgebung lebenden Menschen nicht einmal wissen, dass es dieses Museum gibt, stellt Kienscherf fest. Ließe sich ergänzen: Vielleicht sollten die einmal forschen, welche Lehmwickel, Lehmbrote, Lehmputze sich noch in ihren Häusern befinden.

Frau Linde wird derweil von Bauingeneurin Dorothee Weckmüller betreut. Nachdem im ersten Winter der Schirm aus Weidenruten, der die Figur schützen sollte, vom Sturm weggefegt worden war, beschützte sie im nächsten Winter ein Tipi. Leider wurde im dritten Winter nur ein Big Pack über die Figur gestülpt, das nicht dicht war. Das war der Kardinalfehler und nun umkreist Fachfrau Weckmüller die Linde scheinbar etwas ratlos. „Zuerst muss alles Lose beseitigt werden“, bestimmt sie, aber die Frage ist: Was bleibt dann noch übrig? Außerdem ist dieser 1. Mai ziemlich kalt und das Arbeiten im Freien nicht sehr stimulierend. Aber wer so denkt, der schätzt die Lehmbauenthusiasten rund um Gnevsdorf falsch ein. Am Abend, als das Museum schon geschlossen, die Brote gebacken und verteilt sind, erhebt sich an Stelle der alten eine neue, richtig hübsche, wenn auch noch nicht ganz fertige Frau Linde oder – um sie im Sinne ihrer Schöpferin zu benennen – eine Lehmhilde. Weckmüller nämlich nennt ihre Lehmfrauen alle so.







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