zur Navigation springen

Weltenbummler aus Spornitz : Mecklenburger Maler in München

vom

Als Flüchtlingskind wuchs der Künstler Reinhard Fritz in Spornitz auf, kam über Braunschweig, Tuttlingen und Paris nach München. Wieviel Mecklenburg er trotzdem noch im Herzen trägt,verriet er im SVZ-Interview.

svz.de von
erstellt am 19.Feb.2012 | 06:25 Uhr

Spornitz/München | Als Flüchtlingskind wuchs der Künstler Reinhard Fritz in Spornitz auf, kam über Braunschweig, Tuttlingen und Paris nach München. Der Maler ist eben ein Weltenbummler. Wieviel Mecklenburg er trotzdem noch im Herzen trägt, darüber sprach Fritz mit SVZ-Redakteur Benjamin Piel.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrer Heimat?

Ich bin im Oktober 1946 in Spornitz geboren, meine Eltern waren dort zunächst als Heimatvertriebene von den örtlichen Behörden bei Bewohnern einquartiert worden. Später betrieben meine Eltern eine Gaststätte mit Festsaal und eine Landwirtschaft mit Tierhaltung.

Wissen Sie, was aus dem Haus geworden ist?

Oh ja, heute ist in dem Haus die Gemeindeverwaltung untergebracht.

Wie war es damals in Spornitz?

Ich verbrachte die ersten sechs Jahre meiner Kindheit auf dem Bauernhof und in der Gaststätte. Meine Erinnerungen sind geprägt von den Tieren. Ich kann mich zum Beispiel an die Geburt eines Fohlen sehr gut erinnern, auch an die Fütterung der Schweine und an die Enten. Vormittags spielte ich oft mit meinen Geschwistern in der noch leeren Gaststätte Eisenbahn. Die hintereinander gestellten Stühle waren die Waggons und auf leeren Flaschen ahmten wir das Pfeifen der Lokomotive nach. Bei Volksfesten oder Parteiveranstaltungen, wenn sehr viele Menschen da waren, kannte ich mich plötzlich zu Hause nicht mehr aus. Meine Erinnerungen an diese Heimat sind geprägt vom Leben auf dem Bauernhof, der Erntezeit mit vielen Erntehelfern, die mittags um den riesigen Tisch herum saßen und aßen, aber auch von Fahrten mit dem Pferdefuhrwerk auf die Felder.

Können Sie sich auch an Ausflüge erinnern?

Ja, ich erinnere mich an mehrere Ausflüge mit der Bahn nach Schwerin, an das Schloss und den Park, auch an die Landschaft mit vielen kleinen Seen und Kiefern, einer Landschaft, die ich so ähnlich später in Süd-Finnland als Schüler in den Ferien erlebte.

Schließlich kamen Sie nach Tuttlingen. Wie kam es dazu?

Im Dezember 1952 hatten meine Eltern die Flucht geplant. Nachts holte uns ein Auto ab und fuhr uns nach Ost-Berlin, wo wir mit der S-Bahn im innerstädtischen Verkehr nach West-Berlin fuhren. Gepäck durften wir nicht mitnehmen, das hätte unser Vorhaben für die Polizei sichtbar werden lassen. In West-Berlin verbrachte die Familie einige Monate im Flüchtlingslager, bis wir ausgeflogen wurden. Die Behörden verteilten die große Menge der Flüchtlinge damals auf ganz Westdeutschland. Wir kamen zunächst nach Ludwigsburg und später nach Tuttlingen.

Wann waren Sie das letzte Mal in Ihrer alten Heimat?

Ich bin viel gereist, war aber nie wieder in meiner alten Heimat. Alle Verwandten unserer Familie sind damals nach Westdeutschland gegangen oder im Laufe der Jahre verstorben.

Jetzt wohnen Sie in München. Fühlen Sie sich eher als Mecklenburger in Bayern oder als Bayer, der zufälligerweise in Mecklenburg geboren wurde?

Mein Verhältnis zur Heimat ist natürlich durch meine Lebensgeschichte geprägt. Die Kindheits-Heimat, die frühen Erinnerungen, das ist Mecklenburg. Dass meine Eltern hier fremd waren, spürte ich noch nicht. Tuttlingen ist meine zweite Heimat, hier war ich als Flüchtlingskind fremd, auch in der schwäbischen Sprache. Diese zweite Heimat musste ich mir erarbeiten. Heute habe ich hier noch einige Schulfreunde. Zum Studium kam ich dann nach München, das ist jetzt meine dritte Heimat. Hier war wieder alles anders, die Mentalität und die Sprache, das Bayerische. Hier war ich zuerst "Zugereister", später "Wahlmünchner" und schließlich, nach beruflichem Erfolg und dem Kunstpreis, endlich Münchner, aber einer, der nicht bayerisch spricht. Wenn ich irgendwo in Deutschland ausstelle und sage, ich bin aus München, wird sofort bemerkt: "Sie klingen aber nicht so". Meine "Heimat im Geiste" ist Paris. Als Maler lebte ich 1983 und 1986 mit meiner Frau und unseren zwei kleinen Kindern in Paris, hatte hier ein Atelier. Dann wurden meine Bilder immer öfter in München nachgefragt, und wir kehrten nach München zurück.

Wie kamen Sie eigentlich zur Malerei - begann Ihre Leidenschaft schon früh?

Schon als Kind konnte ich gut malen und zeichnen, habe in so manchem Kindermalwettbewerb Preise gewonnen. In den letzten Schuljahren, und sehr zum Ärger meiner Eltern, verdichtete sich der Wunsch, Künstler zu werden und dies auch ernsthaft gegen alle Widerstände durchzusetzen.

Eltern mögen es meistens nicht besonders gerne, wenn ihre Kinder Künstler werden wollen...

Stimmt genau. Meine Eltern haben sich darüber ziemlich geärgert damals. Aber ich habe mich von meinem Wunsch nicht abbringen lassen.

Wie verlief ihr Weg als Künstler?

Nach dem Studium ging ich einen Sommer lang nach Griechenland und malte in der einsamen Natur am Meer große abstrakte Aquarelle, mit denen ich später in ganz Deutschland herumreiste, um Galerien zu suchen. Einige Galerien, mit denen ich noch heute zusammenarbeite, haben meine Bilder ausgestellt. Danach begannen größere Museumsankäufe in München und auch die Privatverkäufe wurden häufiger.

Sie können also leben von ihrer Kunst.

Ja, seit 38 Jahren lebt unsere kleine Familie von den nie vorhersehbaren, unregelmäßigen, letztlich aber immer ausreichenden Erträgen meiner Kunstverkäufe.

Preise haben Sie auch bekommen. Auf welchen sind Sie besonders stolz?

Im Jahr 2002 erhielt ich den Seerosenpreis für Malerei der Landeshauptstadt München. Darüber habe ich mich besonders gefreut.

Gibt es noch Dinge außerhalb der Malerei?

Aber ja. Parallel dazu war ich von Anfang an auch als Musiker tätig. Als Soloflötist komponiere ich auch eigene Stücke und werde gerne zu Vernissagen und anderen Events engagiert.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen