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Traditionelles Handwerk : Letzter Fleischer in Lübz schließt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Rudi Meyer gibt Geschäft in der Plauer Straße auf / Kritik an modernen Praktiken in der Tierzucht / Überraschung zu Silvester

von
erstellt am 26.Dez.2014 | 22:00 Uhr

Lübz verliert ein weiteres Fachgeschäft: Silvester schließt Rudi Meyer seine Fleischerei in der Plauer Straße. 40 Jahre lang hat er hier Fleisch und Wurst verkauft, bis zum Schluss rund 25 Produkte in Handarbeit selbst hergestellt und bis vor wenigen Jahren sogar noch geschlachtet. In der Stadt gibt es damit keinen selbstständigen Fleischer mehr. Noch kurz nach der Wende waren es vier.

Wer diesem Mann die Hand gibt, weiß, woran er ist. Kraft in der Größe, Jahrzehnte fast jeden Tag im Einsatz. „Jetzt ist Schluss. Es lohnt sich einfach nicht mehr. Mittlerweile muss ich fast Geld mitbringen, wenn ich weitermachen möchte. Es ist zu anstrengend und macht keinen Spaß, ständig darüber nachzudenken, wie alle Kosten am besten abzudecken sind“, sagt der Meister seines Faches. Ungezählte landesweite erste und zweite Preise für höchste Produktqualität, Verkauf von Fleisch selbst gezüchteter, natürlich aufgewachsener Schweine und Rinder, Versuche, mehr Kunden durch verschiedene Angebote zu binden – nichts hat insgesamt den Abstieg verhindern können. „Natürlich kommen auch Stammkunden, aber unter dem Strich sind es zu wenige“, sagt Meyer. „Ein Geschäft lässt sich davon nicht unterhalten.“

Besonders schlimm sei es geworden, als die Supermärkte auch abgepacktes Fleisch anboten. Hat der letzte private Vertreter seines Faches in Lübz diese Waren probiert? „Sicher. Sonst könnte ich nichts sagen. Mein Empfinden: Die Wurst schmeckt beinahe durchweg nach so gut wie nichts, was zunehmend durch künstliche Geschmacksstoffe überdeckt wird, und die Qualität von Fleisch bereitet mir Sorgen. In den riesigen Zuchtanlagen bekommen die Tiere oft schon prophylaktisch Antibiotika, so dass diese eigentlich mit größter Vorsicht zu behandelnden Medikamente zunehmend bei Menschen keine Wirkung zeigen.“ Das mittlerweile mehr aus Chemie als aus natürlichen, gesunden Bestandteilen zusammengesetzte Futter lasse ihr Gewicht unnatürlich schnell anwachsen, um größeren Gewinn erzielen zu können. Zudem stecke es oft voll Wasser. Kochschinken etwa durch eine spezielle Behandlung, so dass sein Verkaufsgewicht größer werde. „Offizielle Version ist, dass er dadurch saftiger wird – glaube es, wer möchte“, so Meyer, der 1974 zunächst Geschäftsführer bei der HO wurde. 1991 wagte er den Sprung in die Selbstständigkeit.

EU-Bestimmungen verhinderten, dass der heute knapp 63-Jährige in den von ihm gemieteten Räumen wegen der baulichen Bedingungen weiter selbst schlachten durfte. Seit ein paar Jahren übernehmen dies die Schlachthöfe in Parchim und Teterow für ihn. Die Tierhälften zerlegt er dann selbst und verarbeitet das Fleisch unter anderem bis zur fertigen Wurst. „Bei meinen eigenen Tieren, die ich dorthin bringe, muss ich mir wegen der Qualität keine Gedanken machen, weil ich weiß, wie sie aufgewachsen sind“, sagt Meyer. „Das gleiche gilt für die meisten Landwirte, die die Schlachthöfe beliefern. Sie kommen in der Regel aus der Region und halten ihre Tiere vernünftig. Großer Vorteil für meine Kunden ist, dass ich im Gegensatz zu einem Laien sofort sehe, wenn ein Stück Fleisch nicht so gut ist, wie es sein sollte. Dann kaufe ich es auch nicht.“

Noch 1994 beschäftigte Meyer vier Gesellen und hatte zusätzlich zum jetzigen jeweils ein weiteres Geschäft in der Goldberger Straße und in Parchim. Letzteres schloss er zuerst. Der zweite Lübzer Standort wurde auch Opfer von wirtschaftlichen Veränderungen in der Stadt. Meyers Frau Ewa: „Zu Anfang gab es noch die Zuckerfabrik und das Krankenhaus, wo Beschäftigte immer mehr Mittagessen bei uns bestellten. Ich habe es damals zunächst zuhause gekocht, verpackt und dann in beide Unternehmen gebracht.“ Seit mehreren Jahren gibt es in der Plauer Straße eine große Küche und durchschnittlich kommen 100 Kunden dort hin, um zu essen.

An einem Schwein – in der Großviehanlage nach rund drei, bei Meyer frühestens nach sieben Monaten schlachtreif – verdiene der Züchter momentan nicht einmal zehn Euro. „Da darf aber nichts passieren, was irgendwelche Kosten verursacht. Kann das gesund sein?“, so der Fleischermeister. Letztlich klingt auch bei ihm Verbitterung durch: „Viele wollen heute alles geschenkt haben und kaufen sich lieber einen zweiten Mercedes, bevor sie sich etwas Vernünftiges zu essen gönnen. Das sieht der Nachbar nicht, das Auto schon.“ Seine „Ranch“ mit Schweinen und Rindern werde der Lübzer zum Eigenbedarf weiter bewirtschaften: „Von der Rente, die ich bekomme, kann ich allein nicht leben.“

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