Experten warnen vor Designer-Drogen : "Legal Highs": Exotisch und gefährlich

<strong>Die gefährlichen Legal Highs </strong> (Legale Rauschmittel) gibt es in den  unterschiedlichsten Varianten. Sie werden geraucht, verräuchert, geschnieft.
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Die gefährlichen Legal Highs (Legale Rauschmittel) gibt es in den unterschiedlichsten Varianten. Sie werden geraucht, verräuchert, geschnieft.

Sie haben so exotische Namen wie Jamaican Spirit oder Speedy Power und kommen in kleinen bunten Tütchen daher - Legal Highs (dt.: Legale Rauschmittel). Die Designer-Drogen sind in MV angekommen.

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03. März 2013, 06:32 Uhr

Lübz | Sie haben so exotische Namen wie 5NOW, TILL DAWN, Bonzai, Sence & Co., Spice, Jamaican Spirit, Speedy Power oder auch Blaze und kommen meist in kleinen bunten Tütchen daher - die sogenannten Legal Highs (dt.: Legale Rauschmittel). "Zu behaupten, sie sind in der Region auf dem Vormarsch, wäre untertrieben. Tatsächlich sind sie bei uns längst angekommen", sagt Jacqueline Röhr, Präventionsfachkraft beim Diakoniewerk Kloster Dobbertin. Wie sie das wissen kann? "In der Jugendberatung erzählen uns junge Leute, dass sie Legal Highs konsumieren, in unseren Präventionsveranstaltungen ist es immer Gesprächsthema und im gesamten Großraum Parchim, und da zähle ich Lübz und Sternberg mit, gab es in den letzten Monaten erste Vergiftungserscheinungen." Psychosen, Übelkeit, Erbrechen, Kopf- und Bauchschmerzen, Kreislaufversagen, Lähmungserscheinungen, Wahnvorstellungen - da ist so ziemlich alles dabei. Und es ist gefährlich. Denn Legal Highs (LHs), die im Internet und in sogenannten Headshops - mittlerweile gibt es auch einen in Schwerin - angeboten werden, sind zehn bis 200 mal stärker als normale THC. "Die Gefahr der Überdosierung ist immens" , warnt Jacqueline Röhr. Ein 14-Jähriger, der mittlerweile regelmäßig zur Beratung bei ihr ist, beschrieb die Wirkung so: "Ich war wie gefangen, hatte wahnsinnige Angst, wollte einfach nur raus, wollte weg."

Die LHs, die synthetische, psychoaktive Wirkstoffe (Research Chemicals; RCs) enthalten, werden offiziell nicht als Drogen verkauft, sondern zweckentfremdet als getarnte Produkte verkauft; ihre Inhaltsstoffe sind meist nicht auf der Packung deklariert. Die Beratungsstellen gehen davon aus, dass die Jugendlichen in etwa 14 Jahre alt sind, wenn sie in den Konsum einsteigen. Denn ganz legal können sie die LHs kaufen, etwa aufgemacht als Badesalz oder Pflanzendünger. "Die wirken dann Ecstasy-ähnlich. Es gibt die Legal Highs aber auch in Form diverser Kräuter- bzw. Räuchermischung. Die haben dann eine Wirkung wie Cannabis", erklärt die Präventionsberaterin.

In den falschen und irreführenden Produktbeschreibungen liefern die Hersteller, die zumeist pharmazeutische Billiglabors in Asien und hier vor allem in China, aber auch in osteuropäischen Ländern betreiben, manchmal verdeckt auch die Dosieranleitungen mit. Bei den Speedy Power-Pillen, die als Pflanzendünger angeboten werden, heißt es zum Beispiel: "Dieser Geschwindigkeits-Wachstumswirkstoff speeded eure Pflanze katapultartig im Wachstum. Innerhalb von 24 Std. wird die Düngekraft powervoll an eure Zimmerpflanze abgegeben! Nicht mehr als eine Düngerpille pro Tag düngen, ansonsten droht saurer Boden durch Überdüngung!"

Berater wie Jacqueline Röhr, Eltern und auch Lehrer sind gleichermaßen entsetzt. Die Nachfrage nach RCs steigt ständig. Auch in unserer Region. Was die Frage impliziert, warum diese Desig ner-Drogen in Deutschland nicht schlicht und ergreifend verboten werden?

"Es gibt Verbote in Deutschland. Schon 2009 etwa war die Kräutermischung Spice auf den Index gekommen", weiß Jacqueline Röhr. Das Problem aber sei, der Markt ist unübersichtlich und schnelllebig, ständig werden neue Produkte angeboten. Allein 2011 waren es 49 neue Designer-Substanzen - eine traurige Rekordzahl. "Die Labore ändern die chemische Zusammensetzung, so dass die Rechtssprechung nicht mehr hinterherkommt."

Aus Beratungsgesprächen weiß Jacqueline Röhr, dass es oftmals "Freunde" sind, die die jungen Leute ganz offensichtlich sehr unbedarft und gänzlich unaufgeklärt den "Griff zum Tütchen" machen lassen. Als Motivation nennen die jungen Leute oft Gruppenzwang. Motive sind aber auch unangenehme Gefühle, die sie mit den Legal Highs ausblenden wollen, Stress, Einsamkeit, Leistungsdruck, Probleme in der Familie… "An dieser Stelle", so Jacqueline Röhr, "habe ich eine ganz große Bitte: Sollte es zu einer Überdosierung kommen, dann darf man auf keinen Fall den Freund sich selbst überlassen. Nein, vielmehr sollte sofort ein Arzt gerufen werden. Und der kann dann richtig helfen, wenn er weiß, was konsumiert wurde."

Die junge Frau vom Suchthilfezentrum der Diakonie in Parchim hofft natürlich, dass die Eltern ein Auge auf ihre Kinder haben, auch wenn die Pubertät ihnen das nicht immer leicht macht: "Bei bunten Tütchen in den Taschen sollten Sie unbedingt genauer hinsehen." Einiges verspricht sich Jacqueline Röhr aber auch vom präventiven Engagement der Schulen, von denen die ersten im Landkreis die Schwere der Legal High-Problematik längst erkannt haben. "An den Regionalen Schulen in Marnitz, Lübz und Cambs beraten wir zu Rauchen, Alkohol, Medienabhängigkeit, illegalen Drogen und inzwischen auch zu den Gefahren der Legal Highs."

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