ProSchiene : „Land will Zerschlagung der Südbahn“

Oft voll besetzt: Der Abschnitt Parchim – Lübz gehört im Verlauf der Südbahn zu den am meisten genutzten. Die Mitnahme von Rädern und Rollstühlen ist  in der Regel trotzdem kein Problem.
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Oft voll besetzt: Der Abschnitt Parchim – Lübz gehört im Verlauf der Südbahn zu den am meisten genutzten. Die Mitnahme von Rädern und Rollstühlen ist in der Regel trotzdem kein Problem.

Bürgerinitiative gegen Teilschließung lehnt ihr jetzt vorgelegtes Alternativkonzept ab / Mit Bus aus Dörfern künftig nur noch auf Bestellung in die Stadt

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21. Juli 2014, 22:00 Uhr

Neues von der Bürger-initiative (BI) „ProSchiene“, die gegen die Einstellung des Zugverkehrs zwischen Parchim und Malchow zum Jahresende kämpft: Auch ihr liegt jetzt der erste Entwurf für den Busverkehr vor, der die Bahn ersetzen soll. Bis zum 18. Dezember müsste die Alternative zum Bestehenden einsatzfähig sein. BI-Sprecher Clemens Russell kommt im Gespräch mit unserer Redaktion ohne Umwege zur Sache und äußert, dass der Entwurf in keiner Weise hinnehmbar sei. Ein Hauptgrund: Während die Bahn für die Strecke 55 Minuten benötige, brauche man mit dem Bus eine Stunde länger – also gut doppelt so lange. Dies beinhalte eine weitere, auf den ersten Blick nicht zu erschließende Unattraktivität. „Sie kommen zum Beispiel aus Ludwigslust und wollen als dreiköpfige Familie mit der Bahn zu Ihrem Urlaubsort in der Müritz fahren“, sagt Russell. „Wenn das neue Konzept Wirklichkeit wird, müssen Sie die Bahn in Parchim verlassen und in einen Bus umsteigen, der Sie nach Plau am See bringt. Bedingt durch die Logistik der Anschlüsse haben Sie dort allerdings einen Aufenthalt von 40 Minuten. Dann heißt es, einen neuen Bus zu besteigen, der bis Malchow fährt. Sie wieder raus und in die Bahn, weil Sie bis Jabel fahren müssen – glauben Sie, dass sich das noch jemand zumutet? Eine Frage, die sich von selbst beantwortet, behaupte ich. Auch ich würde es nicht tun. Von der Schwierigkeit, noch ausreichend Fahrräder transportieren zu können, einmal völlig abgesehen.“

Weil das Auto dann erneut erste Wahl sei, werde die von Minister Pegel immer wieder erwähnte Umweltfreundlichkeit der neuen Lösung „ad absurdum geführt“. Russell: „Das Konzept ist nur darauf ausgerichtet, weitere Abschnitte der Bahn zu schließen.“ Dabei wäre es vor allem durch die Plauer Touristenregion denkbar, für die Bahn rund 30 000 Fahrgäste mehr zu gewinnen – nicht von heute auf morgen, aber langfristig.

Die neue „Linie 77“ solle die Strecke Parchim – Plau am See – Malchow bedienen, „Linie 78“ die kleinen Ortschaften. Auf letzterer sei allerdings geplant, nur einen Rufbus einzusetzen, den man mehrere Stunden vorher anrufen und bestellen müsse, fürs Wochenende spätestens bis Freitagmittag. Von Passow bis Parchim etwa schafft er es in 58 Minuten – die Bahn in 22. Und die letzte Fahrmöglichkeit in genannten Ort ab Parchim würde ab 16.05 Uhr bestehen, rund drei Stunden eher als momentan, was viele schon jetzt für zu früh halten. „Ein enormer, kaum in Worte zu fassender Qualitätsverlust. So etwas nutzt niemand mehr“, meint Russell. „Man macht die Bahn bewusst schlecht, das Land beharrt auf ihrer Zerschlagung und wiederholt zu jeder sich bietenden Möglichkeit die vermeintlich dafür sprechenden Argumente.“ Es stehe damit gegen alle anderen, die die Südbahn behalten möchten. Der Streit um ihren Erhalt sei Ausdruck für die handfeste Krise in der Kommunikation zwischen Land und Landkreisen, Kommunen und letztlich jedem Einwohner. Wer mit dem Finger etwa auf Brüssel und großen Lobbyismus zeige, sollte erst einmal vor der eigenen Tür nachschauen. Für Busgesellschaften etwa sei der jetzt vorgelegte Plan „Lobbyismus in Reinform“. Über die Mahnwachen auf den Bahnhöfen entlang der Strecke an jedem Freitagabend hinaus plane die BI jetzt ein Protestcamp in Lübz.

Gut sei, dass auch die Landkreise Mecklenburgische Seenplatte und Ludwigslust-Parchim die Klage gegen die Schließung unterstützen, aber man solle endlich die Verknüpfung von Bus und Bahn angehen, Ankündigungen sollten Taten folgen. Keine Antwort habe Russell vom Land auf die zentrale Frage erhalten, wie viele Räder und Rollstühle im Bus mitgenommen werden können, was ebenso dafür gelte, wer den notwendigen Umbau zahlloser Haltestellen bezahlen solle, ohne den – wie angekündigt – Niederflurbusse nicht eingesetzt werden könnten. Die Klage habe vor allem auch deshalb gute Chancen, weil die vorgesehene Schließung gegen das Landesraumordnungsprogramm verstoße. Ihm zufolge sei die Eisenbahn auf jeden Fall zu stärken.

Weil der Schließungs-Plan 2013 irgendwann im Raum stand, habe der Altkreis damals ein Gutachten über die Südbahn in Auftrag gegeben. Man habe eine Analyse benötigt, um Argumente in die Hand zu bekommen. Finanziert wurde es durch das Land. „Die Aussage ,Wer finanziert, bestimmt den Inhalt’ bewahrheitete sich auch hier“, sagt Russell. „Verbreitet wurde, dass der Abschnitt hauptsächlich wegen zu geringer Fahrgastzahlen und enormer Investitionskosten in Höhe von 14 Millionen Euro geschlossen werden müsse. Bahnfachleute haben später hingegen ermittelt, dass es sechs Millionen sind und besonders der Abschnitt Parchim – Lübz gehört zu denen, die auf der gesamten Strecke am meisten nachgefragt sind. Da stimmt also vieles nicht!“ Dies passe dazu, dass die geringe Zeit, in der das Gutachten erstellt wurde, aus wissenschaftlicher Sicht ein Schnellschuss sei.

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