Vietlübbe : „Ländlicher Raum ist abgehängt“

Gewohnt energisch: Hanni Stolper, Bürgermeisterin der Gemeinde Gehlsbach
Gewohnt energisch: Hanni Stolper, Bürgermeisterin der Gemeinde Gehlsbach

SVZ-Gespräch mit Hanni Stolper, Bürgermeisterin der Gemeinde Vietlübbe. Lob für Ausbau des Breitbandnetzes als richtigen Schritt.

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22. November 2017, 21:00 Uhr

Den auch für unsere Region beschlossenen Ausbau des so genannten Breitbandnetzes – des Zugangs zum Internet mit hoher Datenübertragungsrate, wir berichteten – beurteilt Hanni Stolper, Bürgermeisterin der Gemeinde Gehlsbach, insbesondere für die Ortsteile ihrer Kommune als sehr gut: „In Wahlstorf etwa muss man zum Telefonieren mit dem Handy auf einer Straßenseite noch nach draußen gehen, weil der Empfang im Haus nicht ausreicht.“ Gesichert werde eine Grundversorgung bei Telefon und Internet, die nicht nach fünf Jahren veraltet sei, sondern für 20 oder 30 Jahre Bestand habe. Einen Vorteil bedeute die Investition auch für die wenigen Gewerbebetriebe in der Gemeinde. „Damit verbunden ist ebenfalls die Hoffnung, dass sich vielleicht sogar ein paar neue ansiedeln“, sagt die Bürgermeisterin.

Raumübergreifendes Konzept gefragt

Der Ausbau sei Grundvoraussetzung für eine künftig gute Entwicklung des ländlichen Raums: „Er ist komplett abgehängt – machen wir uns nichts vor. Her muss ein Konzept, das beispielsweise seine Versorgung dauerhaft sichert. Ich bin bestimmt nicht dafür, dass der Staat in allen Fragen mitmischt, aber in diesem Fall darf es aus meiner Sicht nicht nur den Versuch geben, das Problem privatwirtschaftlich in den Griff zu bekommen. Dazu brauchen wir ein staatlich koordiniertes, bundesweites Konzept, um alle ins Boot zu holen.“

Dass allein privatwirtschaftlich gesteuerte Maßnahmen auf Dauer nicht greifen, habe die Kommunalpolitikerin in 27 Jahren seit der Wende öfter erlebt.

Privatwirtschaft allein keine Lösung

Als Beispiel führt sie ein Lebensmittelgeschäft in Vietlübbe an, das ihr zufolge nach nur gut fünf Jahren wieder schließen musste, weil der Umsatz nicht stimmte. Nicht einmal ein Verkaufswagen fahre noch durch die Gemeinde. „Bei uns sind massenhaft Arbeitsplätze verloren gegangen, weshalb junge Leute außerhalb arbeiten und vor der Heimfahrt auch gleich dort im benachbarten Supermarkt einkaufen, wenn sie noch in unserer Region wohnen“, sagt Hanni Stolper. Ein kleines Geschäft auf dem Dorf mit begrenzter Kundenzahl könne zudem nicht existieren, wenn von den eh schon mageren Einnahmen zum Beispiel auch noch Miete bezahlt werden muss.

Als typisches Beispiel für die Situation von Bewohnern nennt die erste Frau in der Kommune ein Ehepaar aus Vietlübbe, Mann wie Frau Mitte 70. „Sie fahren einmal in der Woche nach Lübz, um für sieben Tage einzukaufen, anschließend noch einen großen Sack Hühnerfutter, weil beide nicht auf ihre Tiere verzichten möchten“, berichtet die Bürgermeisterin. „Und auch wenn der Rufbus besser geworden ist: Die Versorgung kann er nicht sichern.“

Selbst wenn die Telefonversorgung an erster Stelle stehe, werde das Internet auch für Ältere immer wichtiger.

Internet auch für Ältere immer wichtiger

Wer beispielsweise nur ein vernünftiges Stück Stoff zum Nähen eines neuen Kleidungsstückes benötige, sei gezwungen, mittlerweile bis nach Schwerin zu fahren, schon für Knöpfe nach Parchim – Dinge, die per Internetbestellung deutlich problemloser zu bekommen seien, was kein Rat sein solle, diese Möglichkeit für alles zu nutzen. Fest stehe allerdings, dass diejenigen, die jetzt in Rente gehen, in der Regel kein Problem mit der neuen Technik haben. Die Firma REWE etwa baue einen Lieferservice auf, dessen Nutzer auch das Internet nutzen müssen. Diese Initiative sei durchweg positiv, wenngleich sich der Service nicht nur auf Lebensmittel beschränken dürfe.

Eine „absolute Katastrophe“ im ländlichen Raum sei die medizinische Versorgung, die es eigentlich gar nicht mehr gebe. „Ich frage Sie: Welcher dazu angehaltene Mensch mit 75 oder 80 Jahren kann zum Beispiel selbst zuverlässig seinen Blutdruck ermitteln, wozu man ein geeichtes Gerät benötigt, und verschiedene beobachtete Sympthome richtig deuten? Und wer übernimmt die Verantwortung?“, so Hanni Stolper.

Reform medizinischer Versorgung gefordert

„Der in der Stadt angerufene Arzt, der unbewusst falsche Ratschläge gibt, weil er mit jemandem spricht, der nicht mehr zwischen links und rechts unterscheiden kann, oder der Anrufer, weil er Dinge nicht eindeutig/vielleicht gar nicht beschreibt, obwohl sie höchste Lebensgefahr bedeuten?“

Sehr gut wäre deshalb eine ebenfalls nicht privatwirtschaftlich arbeitende Gemeindeschwester mit sehr guter Ausbildung, die auf Notruf erreichbar ist. Dies habe in der DDR ebenso wie das System der Polikliniken mit vielen medizinischen Fachrichtungen an einem Ort hervorragend funktioniert. Auch hier sei jetzt ein staatliches, zentral ausgerichtetes Konzept gefragt, dessen Erarbeitung man nicht den Landkreisen überlassen dürfe.

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