Geschichte : Kultstätte hat nur im Kopf überlebt

Hartwig Meyer etwas wehmütig ungefähr an der Stelle, wo sich einst die Bühne befand Fotos: Ilja Baatz
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Hartwig Meyer etwas wehmütig ungefähr an der Stelle, wo sich einst die Bühne befand Fotos: Ilja Baatz

Für immer untergegangen: Erinnerungen an Lübz’ einst beliebteste Gaststätte im Landschaftsschutzgebiet „Neuer Teich“

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19. November 2014, 22:00 Uhr

Der Rundweg durch das Naherholungs- und Landschaftsschutzgebiet „Neuer Teich“ ist komplett erneuert (wir berichteten). Ende vergangener Woche nahm ihn eine vor allem aus Verwaltungsangestellten und Vertretern verschiedener Institutionen bestehende Gruppe nach rund zwei Jahren Arbeit in Augenschein. Dies stand im Vordergrund, doch gegen Ende der Besichtigung nahmen die Äußerungen mehrerer Teilnehmer auch Bezug auf etwas völlig anderes. „Weißt Du noch? Da haben wir in bester Stimmung viele Abende verbracht“ etwa und auch „Einfach schön war es. Fast jedes Kinderfest fand da statt, kaum ein anderer Punkt in Lübz war beliebter.“ Merkwürdig, wo man sich jetzt als Unwissender vom Weg aus zeigen lassen muss: Ungefähr da hat sie gestanden.

„Sie“ war die in den 1950er-Jahren eröffnete „Gaststätte Neuer Teich“ – im Volksmund „Blutiger Knochen“ genannt, wie Fred-Jan Salomon, Verantwortlicher für den Fachbereich Bau, berichtet. Dieser Name entstand, weil sich in dem an dem Gebäude stehenden Pavillon oft Schüler der EOS prügelten. Einer der ersten, die in dem Haus das Sagen hatten, war Herbert Michel, Großvater der heutigen Bürgermeisterin Gudrun Stein.

Ein aus vor sich hin faulenden Holzresten und bemoosten Ziegelsteinen bestehender Trümmerberg ist alles, was von der einstigen Waldgaststätte übrig geblieben ist. Gut, ganz genau: Erhalten sind noch eine etwa kniehohe Mauer, die einst die Terrasse vor dem Eingang einfasste, und ein Eisenrohr mit dem Rest eines schmiedeeisernen Kopfes der Lampen, die hier für Licht sorgten – hinter wuchernden Büschen kaum noch auszumachen.

Bis vor rund 20 Jahren fanden an diesem Ort zahllose Veranstaltungen statt. Nur Fotos davon scheint es so gut wie keine zu geben. Auch Salomons Kollege Kurt Weber zum Beispiel hat hier geheiratet und sogar öfter Synthesizer gespielt – aber Dokumente? Offenbar unmöglich.


„NT-Combo“ als hauseigene Band


Dann doch noch der Durchbruch nach einem guten Tipp: Hartwig Meyer hat Fotos und bringt sie vorbei. Der Bedeutung des Ortes angemessen gab es hier über viele Jahre sogar eine nach dem Ort benannte Musikgruppe: Die im Februar 1968 gegründete „NT-Combo“ (NT als Abkürzung für Neuer Teich), in der neben Meyer (seit 1970) noch Herbert Wumme, Werner Halm und Klaus Mußfeldt spielten. Erstgenannter war bis zur Wende Stadtrat in Lübz und setzte sich neben großen Veranstaltungen für Kinder am Neuen Teich unter anderem auch für den Bau einer Freilichtbühne auf dem Platz gegenüber der Schule am Waldrand ein. „Bis 1991 standen wir in der Gaststätte auf der Bühne, bis weit in die 80er-Jahre jeden Freitag und Sonnabend immer vor etwa 100 Leuten, zu großen Familienfesten auch am Montag und Dienstag“, berichtet Meyer, der sich zum Gärtnermeister ausbilden ließ. „Oft ging es bis mindestens 3 Uhr morgens, mit Zugabe auch eine halbe Stunde länger. Manchmal kam ich nach Hause, zog mich nur um und ging ohne Schlaf gleich weiter zur Arbeit.“ Unabhängig davon, dass auch er selbst keine Musik mehr macht, ist Mußfeldt ebenfalls traurig über den Untergang: „Ein Jammer, wirklich schade. Für mich ist das Marktwirtschaft knallhart. Heute bekäme man so etwas nicht mehr auf die Beine gestellt.“

„Ob Hochzeiten, Betriebsfeste, Schulveranstaltungen oder zum Kindertag – an diesem Ort und im Umfeld spielte sich sehr viel ab. Zahlreiche Lübzer verbinden aus der Erinnerung heraus sehr viel Schönes mit ihm“, sagt auch Thomas Rosenfeldt. Sichtlich erfreut erinnert sich der heutige Leiter des Bürgeramtes an Kindertage, in denen er selbst die nicht weit entfernte „Wolfsschlucht“ hinunterrodelte und später – vermutlich etwas weniger begeistert – im „Blutigen Knochen“ den ersten Tanzunterricht besuchte. Der Maler Paul Oskar Seese hat 1979 zumindest eine auf und vor der Terrasse spielende Kindergruppe auf einem seiner Werke festgehalten.


Nach 1990 auch Ort für Kreistagssitzungen


Doch in der Waldgaststätte gab es nicht nur Belustigung: Norbert Timm, Leiter des Amtes für Stadt- und Gemeindeentwicklung, nahm zum Beispiel an den ersten Kreistagssitzungen nach der Wende teil, die im großen Saal der einstigen Gaststätte stattfanden.

Damals hatte ein Interessent das Haus mit dem Ziel gekauft, hier ein Hotel zu schaffen, was nicht zuletzt wegen seiner Lage im Landschaftsschutzgebiet abgewiesen wurde. Es stand irgendwann leer, verfiel und brannte dann auch noch teilweise aus – der Anfang vom Ende. Irgendwann wurde das Gebäude „zusammengeschoben“, wie Salomon sagt. Nur solange es stand – wenn auch in schlechtem Zustand – gab es Bestandsschutz. Baurecht werde es an dieser Stelle jetzt vermutlich nie wieder geben, weil die Fläche nicht nur im Landschaftsschutzgebiet, sondern auch noch im Außenbereich liegt, so der Bauingenieur. Was einen damals auch ins Gespräch gebrachten Wiederaufbau betreffe, sei „der Zug abgefahren“ – obwohl sich die Stadt auch dafür stark gemacht hatte.

Nicht nur die Gaststätte ist verschwunden. Ebenfalls kein Stück mehr zu sehen ist von der Freilichtbühne. Auch hier hatten nach 1990 noch Kinderfeste stattgefunden.

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