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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

11. Dezember 2017 | 19:48 Uhr

konzertkritik : Konzertabend – alles andere als still

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Zur Wangeliner Veranstaltungsreihe „Jenseits der Stille“ reisten herausragende Künstler nach Gnevsdorf

Von ziemlich weit her reisten die Musikerkollegen von Saxophonist Warnfried Altmann aus Wangelin an und verwandelten den Gnevsdorfer Kirchenraum in den Ort eines spontanen Klänge-Happenings. Altmann, der Organist Hans-Dieter Karras aus Braunschweig und der Percussionist Klaus Kugel aus Köln malten den Vortrag der poetischen Texte Hammarskjölds mit hochdramatischen Klangfarben aus. Es war ein Konzert, ein erweitertes Kunstwerk der Könner! Wer zu diesem Anlass bei Kerzenschein auf der Gnevsdorfer Kirchenbank saß, wird den Abend so bald nicht vergessen.

„Jenseits der Stille“ heißt die vom Wangeliner Garten und von Warnfried Altmann initiierte Konzertreihe, in deren Reihe zuvor die viel beachtete musikalische Lesung mit Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern stattfand. Auch in Gnevsdorf vereinigten sich wieder die Sprache und die „Sprache“ der Musik. Abgesprochen war fast nichts, geprobt hatten die Künstler ein einziges Mal. Auch wenn sehr viel Können und Erfahrung bereitlagen, das Spiel dieser Improvisationsmusiker entstand aus dem Augenblick und forderte höchste Konzentration und Achtsamkeit.

Die menschliche Stimme des Abends gehörte der Kölner Schauspielerin und Performancekünstlerin Ute Kaiser. Einfühlsam und nachdenklich trug sie Passagen aus Hammarskjölds berühmten Memoiren „Zeichen am Weg“ vor und ergänzte sie mit biografischen Hinweisen. Dass Politiker dergleichen poetische, ja, spirituelle Gedanken aufzeichnen, ist ungewöhnlich. „Tief ethisch und tief bewegend“ fand die Schauspielerin die Texte des Schweden, der vom Staatssekretär bis zum mächtigen UN-Generalsekretär aufstieg. Dennoch hinterfragt er sein Leben, versteht es als Schicksal und Dienst am Menschen. Seine Notate, Selbstbefragungen und -ermahnungen offenbaren Schmerz und Müdigkeit angesichts seiner Aufgaben, naiven Stolz über Leistung und Karriere kennen sie nicht. Dieses „Weißbuch seiner Verhandlungen mit sich selbst und mit Gott“ offenbart dagegen einen konsequent verfolgten, geradezu mystischen Weg nach innen.

Dem Text in seiner Tiefe und Komplexität musikalisch zu entsprechen, stellte einige Anforderungen an die Musiker. Vom Zuschauer forderte das Konzert, sich rein auf Klänge, nicht wie gewohnt auf fertige Kompositionen, einzulassen. Nur zweimal intonierte die Orgel Choräle, der Rest war fast ausschließlich freie Improvisation. Den bewegenden Texten folgend, entfalteten die Klanggestalten sich auf einer großen Bandbreite menschlicher Gefühle bis hin zum Glück, eine Vorahnung des Göttlichen erfahren zu haben. Zitiert Hammarskjöld Zeilen aus Hölderlins Gedicht „Hälfte des Lebens“ – „Die Mauern stehn, sprachlos und kalt, Im Winde klirren die Fahnen“-, deuten brüchige, zögernde oder schrille Klangfolgen dazu Verletztheit und Einsamkeit an. An anderer Stelle mahnt der Autor sich: „Du bist dein eigener Gott und wunderst dich, dass die Wölfe dich übers Wintereis jagen.“ Jetzt vereinigen sich die drei Instrumente zu einem gewaltigen Klangorganismus, der Größe, Wildheit und Angst bedrängend und an der Grenze des Aushaltbaren laut und sich beschleunigend auftürmt. Das ist bis auf die Knochen eindrucksvoll.

Großer Applaus, aber es hätten noch mehr Zuhörer den Weg nach Gnevsdorf finden müssen. Es war schade um jeden Platz, der in der Kirche frei blieb. Das nächste Konzert in dieser Reihe mit Saxophonist Warnfried Altmann und Percussionist Hermann Naehring „Zwei und Frei“ findet am 24. Oktober im Lehmhaus im Wangeliner Garten statt. Beginn 20 Uhr. Eintritt wird nicht erhoben. Wer kann, sollte am Ende einen Obulus beitragen.

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