Starke Worte : Konzert „gegen den Strom“

Liedermacher Ingo Barz – sei Goldberger Publikum verstand seine in Liedform gefassten Verse.
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Liedermacher Ingo Barz – sei Goldberger Publikum verstand seine in Liedform gefassten Verse.

Liedermacher Ingo Barz – auf Jubiläumstour durch Mecklenburg – machte Station im Pfarrhaus von Goldberg

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21. Mai 2017, 21:00 Uhr

Fünfundvierzig Jahre Konzerte und die Herausgabe von Lyrik, Geschichten, Essays: Ingo Barz, heute 66 Jahre alt, stand vor viereinhalb Jahrzehnten zitternd auf einer Konzertbühne in Schwerin. Mit selbst geschriebenen Liedern und der Gitarre im Arm bestand er seine erste Feuerprobe. Heute sitzt er relaxed auf seinem Spielhocker, grau geworden, das lange Haar zum Zopf gefasst. Fünf unterschiedlich gestimmte Gitarren hat er nach Goldberg mitgebracht, darunter auch die von damals, außerdem eine Mandola, eine Harfenzitter und die vor dem Sängermund schwebende Mundharmonika à la Bob Dylan.

Barz ist nicht zum ersten Mal im Goldberger Pfarrhaus und eine kleine, aber feine Fan-Gemeinde fand sich ein, Erinnerungen an den Sänger wurden lebendig. Der viel jüngere Pfarrer Hasenpusch erzählte gar, dass Ingo Barz, der zu Zeiten der DDR offiziell Auftrittsverbot hatte, bereits in der Pfarre des Vaters gesungen und gespielt und dort großen Eindruck hinterlassen habe: „Ingo Barz verkörpert für uns ein Stück Kontinuität.“ Aber der Singer Songwiter kommt eigentlich, wie er berichtet, vom Gedicht. Vom Zeitgeist der späten Sechziger erfasst und von den Songs von Bob Dylan, Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt inspiriert, begann er, seine Gedichte in die Liedform und für Gitarrenbegleitung umzusetzen. Seitdem tritt er auf, bis 1990 in Kirchen, wo ihm, wie er sagt, „der Wert des Wortes erst richtig zu Bewusstsein kam“. Ab 1990 fühlte sich der ehemals Ausgegrenzte dann „frei wie der Wind“. Jetzt kann er seine einst an der westlichen Protestwelle orientierten Texte, deren kritische Substanz auch heute noch deutlich herauszuhören ist, frei vortragen. Das Schlimme in der DDR, sagt er rückblickend im Gespräch, sei der ideologische Grundsatz gewesen, dass im sozialistischen Vaterland bereits alles Übel, anders als im kapitalistischen Westen, überwunden sei. Mit Barz’ Sicht der Dinge deckte sich die hehre These allerdings nie.

„Programme vom Unterwegssein“ überschreibt der Künstler seine Konzerte. Wollte man die Texte, in denen seine Botschaft aus Perspektive verschiedener Themen immer wieder neu entwickelt wird, vorsichtig in eine Schublade einordnen, so könnte darauf etwa die Aufschrift „romantische Protestlieder“ stehen. Sie singen gegen den Strom an, hinterfragen Zeittendenzen und das vor allem, wenn die allgemeinen Lebensumstände so beschaffen sind, dass sie die Gefühle, das Seelische des Menschen abtöten und ihn von sich selbst, seiner eigentlichen Identität wegführen. Die andere Strömung dieses Konzerts bilden Lieder, die in einfühlsamen, poetischen Bildern – und die gehen dem Sänger offenbar nie aus – Gefühle besingen, Liebeslieder („Du“), Trauerlieder („Trauerlied für G.“), ein Loblied auf das Staunen („Ich wünsch dir, dass du staunen kannst“).

Ingo Barz gehört somit zu jenen Autoren, die eine offenbar tief empfundene Differenz zwischen der Authentizität eines Menschen und den inneren Verlusten durch Anpassung an die Außenwelt zum Thema machen. Wieviel Entfremdung, wieviel Ungerechtigkeit erträgt der Mensch? Wir hören vom „falschen Glanz der Städte“ und Verse wie diese: „Und die Wölfe und Vampire/aus Finanzwelt Industrie/hochbezahlte Alphatiere/ ... lösen alles rechnerisch/dort die Boni und Rabatte/hier die Krümel unterm Tisch ... („Zeichen“). Der Sänger wurde verstanden. Am Ende starker Applaus, drei Zugaben und ein Geburtstagsständchen, denn just an diesem Tag war der Künstler 66 Jahre alt geworden.







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