interview : „Keine weltfremden Spinner“

Um die durchgängige Erhaltung der Südbahn wird seit Monaten eisern gerungen. Fotos: Ilja Baatz
Um die durchgängige Erhaltung der Südbahn wird seit Monaten eisern gerungen. Fotos: Ilja Baatz

Interview mit Clemens Russell, Sprecher der Bürgerinitiative „ProSchiene“, an neuem Punkt beim Kampf um die Südbahn

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14. März 2015, 08:00 Uhr

Auf der jüngsten Kreistagssitzung hat sich Landrat Rolf Christiansen dahingehend geäußert, dass derjenige, der die Erhaltung der Südbahn fordert, auch sagen müsse, woher das Geld dafür kommen soll. Die SVZ titelte daraufhin: „Dem Landrat platzt der Kragen“. Redakteur Ilja Baatz führte mit Clemens Russell, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) „ProSchiene“, ein Interview zu der aktuellen, in diversen Punkten neuen Entwicklung. Auf den Kreis hatte die BI eigentlich immer als engen Partner gesetzt.

Herr Russell, was sagen Sie dazu, wenn der Landrat äußert, dass die Menschen – wie er sich ausdrückte – „endlich Ehrlichkeit“ verdient hätten und der Bus einen Kilometer für zwei Euro zurücklegt, die Bahn jedoch die vierfache Menge benötigt?

Clemens Russell: Ich bin ebenso für Ehrlichkeit und auch nicht gegen Busse, nur weil ich für die Bahn kämpfe, sondern ich möchte, dass beide so sinnvoll wie irgend möglich verbunden werden. Und nur kurz zu den Zahlen: Parteifreund Pegel sagt immer, der Bahnkilometer kostet elf Euro. Wer hat denn nun Recht? Abweichungen von bis zu 30 Prozent sind bei Budgetierungen alles andere als hilfreich.

Unlängst äußerten Sie, dass Sie jetzt genauestens über Einzelheiten informiert werden möchten. Sind die so wichtig?

Aber ja! Was war zum Beispiel exakt Inhalt des Gespräches am 18. Februar im Landesverkehrsministerium? Warum war das Ergebnis so ernüchternd, wie Herr Matschoß es ausdrückte? Zu äußern, dass der Landkreis die Sache vor dem Oberverwaltungsgericht krachend verloren hat, halte ich aus juristischer Sicht – und dann noch in dieser drastischen Ausdrucksweise – für eine Torheit. Die Hauptverhandlung hat noch nicht stattgefunden, endgültig ist noch nichts entschieden!

Aber die Verhandlungen mit dem Land sind „festgefahren“, wie es heißt. Für den Schienenersatzverkehr soll es im Jahr 670 000 Euro geben – mehr nicht. Was sagen Sie dazu?

Nochmals: Was genau war Inhalt der Verhandlungen? Darüber muss der Landrat die Öffentlichkeit aufklären! Wir wurden im Vorfeld der Verhandlung von Beteiligten gebeten, uns zurück zu halten. Das sicherten wir zu und hielten Wort. Und jetzt sollen wir uns vom platzenden Kragen unseres Landrates beeindrucken lassen? Mir platzt der Kragen beim Gedanken daran, wie sich unsere Landkreise vom Infrastrukturministerium in Sachen Südbahn vorführen lassen! Sind unsere Landräte nur Vollstrecker der Abwicklung statt Gestalter der Zukunft? Denn dafür wurden sie gewählt.

In Gesprächen auch mit uns haben Sie sich eigentlich meist positiv über Rolf Christiansen geäußert...

Durchaus, weil ich davon überzeugt war, dass auch er sich für die Südbahn einsetzt. Jetzt bin ich diesbezüglich ernüchtert und deute Dinge anders, die früher weniger eine Rolle spielten. Warum gibt es zum Beispiel noch immer keine Aussage zum Bemühen, unsere Region ans Fernbahnnetz anzuschließen oder die Verbindung zu erhalten und keine Entwicklung eines tragfähigen Haushaltskonzeptes? Der Landrat kommt zu keiner Veranstaltung und ignoriert Angebote zur Kooperation mit der BI. Das letzte unterbreiteten wir am 16. Dezember vor der Kreistagssitzung in Ludwigslust.

Noch einmal zum Thema Geld: Die Bahn wird von ihren Gegnern oft als zu teuerkritisiert, besonders wegen der vermeintlich geringen Zahl an Fahrgästen. Wird sie nun gern genutzt oder nicht?

Grundsätzlich schon, aber als Notverkehr werden derzeit etwa zwischen Parchim und Malchow nur vier Zugpaare angeboten – zu wenig, um in jeder Hinsicht attraktiv zu sein. Wir haben eine Vielzahl von Vorschlägen erarbeitet, wie es anders ginge, doch konstruktive Antworten sind bisher ausgeblieben.

Welche Finanzierungsmöglichkeiten sehen Sie?

Zunächst: Eine Erhöhung der Kreisumlage zum Beispiel zur Kofinanzierung der Südbahn lehnt die BI ab. Möglichkeiten liegen woanders. Das von der Deutschen Bahn bediente Teilstück Waren – Malchow soll für sie nach uns vorliegenden Informationen außerordentlich auskömmlich sein. Auch hier fordern wir Transparenz. Den momentanen Zustand – mit DB, ODEG und Hanseatische Eisenbahngesellschaft drei Betreiber allein auf der Schiene und dazu parallelen Busverkehr – halten wir für hirnrissig. Gestatten Sie mir einmal dieses deftige Wort. Ein Betreiber zwischen Parchim und Waren mit Wiederanschluss von Plau am See: Das macht Sinn bei ausreichender Taktung und perfekt koordinierten Bus-Bahn-Anschlüssen an den Haltepunkten der Südbahn. Warum können die Budgets für den Schienenersatzverkehr – ja immerhin 670 000 Euro – nicht mit den auskömmlichen DB-Mitteln zusammengelegt werden?

Immer wieder klingt bei Ihnen Kritik an der Deutschen Bahn an. Warum?

Allen Bahninsidern ist bekannt, dass die Preise der DB hoch, sogar sehr hoch sind. Andere machen es auch gut oder vielleicht sogar noch besser für weniger. Davon haben wir uns in den letzten Jahren überzeugen lassen und diese Unternehmen sollten auch bei uns fahren.

Es heißt, dass bei Erhaltung der Südbahn – in der von Ihnen gewünschten Form – Mehrkosten in Höhe von bis zu 800 000 Euro entstünden, die zwingend der Landkreis tragen müsste. Was sagen Sie dazu?

Die BI hat in beiden betroffenen Landkreisen bereits eine gut informierte Öffentlichkeit in Sachen Bahn- und Busverkehr. Diese dahingeschleuderten Zahlenwerke verwirren und sind nicht dienlich. Das haben wir schon bei den angeblich horrend hohen Investitionskosten gemerkt, die uns das Land suggeriert hat und die Fachleute mittlerweile widerlegt haben. Wohlgemerkt: Auch die BI sieht Investitionsbedarf für die Strecke. Aber vor allem das von Stilllegung bedrohte Teilstück Parchim – Malchow verfügt bis auf wenige Kilometer um den Karower Bahnhof herum über eine modernisierte Infrastruktur, in die vor nicht allzu langer Zeit erhebliche Steuermittel geflossen sind. Wir brauchen also belastbare Zahlen und Fakten.

Von öffentlicher Seite wird die BI wegen ihrer Ziele manchmal als blauäugig hingestellt. Ihre Meinung?

Selbst ein Ende 2014 in Lübeck veröffentlichter, im Auftrag des Energieministeriums erstellter Ergebnisbericht zur Untersuchung des Schienenersatzverkehrs für die Südbahn sagt unter dem Strich aus, dass ein annähernd die Südbahn-Qualität erreichender Betrieb nur über die Schiene möglich ist. Die Menschen, die für den Erhalt der Südbahn kämpfen, sind keine weltfremden Spinner fernab jeglicher Realität. Wir sind auch nicht unehrlich, wenn wir die Finanzierung als machbar erachten und uns ist klar, dass wir durch Attraktivitätssteigerung mehr Fahrgäste erreichen müssen. Der Erhalt einer durchgängigen Zugverbindung im Süden unseres Bundeslandes ist eine Aufgabe für die Daseinsfürsorge und stärkt unser wirtschaftliches Potential.

Haben Sie – wenn man sie einmal so nennt – Vorbilder?

Wir sollten uns an den Besten in Deutschland und Europa orientieren, die schon jetzt attraktive Bus-Bahn-Lösungen im ländlichen Raum auf die Beine stellen und mit Erfolg bewirtschaften. Wir haben jetzt die Chance, die törichten Fehler der Bahnpolitik in den alten Bundesländern zu vermeiden. Und das Klein-Klein auf Landes- wie leider oft auch auf Kreistagsebene verbunden mit dem Mehltau der Parteipolitik kann für uns kein Maßstab sein. Wir werden Kenntnis wie Überzeugung stärken und bleiben gesprächsbereit.

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