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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

21. November 2017 | 18:43 Uhr

Kein Geld für Strom und Miete

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Energieschulden steigen / 97 neue Klienten suchten im Vorjahr bei den Schuldnerberaterinnen in Parchim, Sternberg und Crivitz Hilfe

von
erstellt am 01.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Die steigenden Energiekosten bringen offenbar zunehmend Sozialschwache zwischen Parchim, Sternberg und Crivitz in finanzielle Bedrängnis. Das geht aus Zahlen der Schuldnerberatungsstelle des Diakoniewerks Kloster Dobbertin hervor. „Die Energieschulden sind gestiegen“, erklärte am Dienstag Margitta Sand, Schuldnerberaterin in Parchim. Mit insgesamt rund 57 600 Euro standen die neuen Schuldner in der Kreide, die sich im Vorjahr Hilfe bei der Beraterin in Parchim sowie bei ihrer Kollegin Anette Zimmermann in den Außenstellen in Sternberg und Crivitz holten. Zwei Jahre zuvor summierten sich die Energieschulden der Klienten auf rund 38 000 Euro.

„Die Kosten haben sich erhöht“, sieht Margitta Sand als einen Grund. Einen großen Anteil unter den Hilfesuchenden machen Bezieher von Arbeitslosengeld II aus. „Es reicht für das Notwendigste“, schildert Anette Zimmermann die Situation von Klienten. Komme es dann aber zur Endabrechnung und zu Nachzahlungen, würde der finanzielle Spielraum nicht mehr reichen. Zimmermann: „Das Kartenhaus bricht zusammen.“ Margitta Sands Erfahrung: Die Jobcenter übernehmen diese Verbindlichkeiten – ob nun als Darlehen oder als Zuschuss – oft nicht vollständig.

97 neue Klienten haben die beiden Schuldnerberaterinnen im Vorjahr aufgenommen und betreuten damit insgesamt 376 Menschen. Von den Neuen standen allein 81 bei den sogenannten Primärkosten wie Strom, Wasser und Gas in der Kreide. 55 Fälle von Mietforderungen brachten die neuen Klienten mit. Sie hatten bei ihren Vermietern rund 174 000 Euro Schulden. Im Jahr zuvor waren es 61 000 Euro weniger.

Die Masse der von den neuen Schuldnern angehäuften Verbindlichkeiten in Höhe von insgesamt 2,2 Millionen Euro sind Bankschulden. „Die Werbung verlockt. Man kommt leicht an Kredite“, sagt Margitta Sand. Anette Zimmermann weiß von Banken, die ihre Kunden zusammen mit der Aufnahme von Krediten dazu animieren, das Konto in ihr Haus zu verlegen. Dann würden sie, wenn Lohn oder Sozialleistung überwiesen werden, als erstes die Kreditrate einziehen. Bei manchen reiche das verbleibende Geld dann nicht mehr für Miete, Energie und zum Leben. Also dafür, wofür man zuerst aufkommen müsste.

Wer sich im Vorjahr an die beiden Beraterinnen wandte, stand im Durchschnitt vor zwölf Forderungen . „Wir machen als erstes einen Haushaltsplan“, erklärt Zimmermann. „Viele Klienten wissen nicht, wie viel Geld sie zur Verfügung haben.“ Auch werde u.a. geprüft, ob bei Sozialleistungen alle Einnahmen beantragt sind, so Margitta Sand. Dann geht es um die Ausgaben. Nicht selten stoßen die Schuldnerberaterinnen weiter auf recht saftige Handyrechnungen. Manche Schuldner müssen Raten aus langfristigen Krediten zahlen, obwohl ihr altes Auto nicht mehr fährt und Geld selbst für kleine Reparaturen fehlt. Gerade Menschen in ländlichen Gegenden wie rund um Sternberg seien aber auf einen Pkw angewiesen, weiß Zimmermann.

Wer aus der Überschuldung entfliehen will, für den ist oft ein Insolvenzverfahren der letzte Weg. Zimmermann: „Es muss aber immer Bereitschaft sein, sich zu stellen.“ 51 Mal kam im Vorjahr auf Antrag der Schuldnerberaterinnen ein Insolvenzverfahren in Gang, das die Betroffenen innerhalb von sechs Jahren aus der finanziellen Misere führen kann. Sechs Mal gab es vor dem Verfahren eine außergerichtliche Einigung mit den Gläubigern.

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