Pressestammtisch : Kampf gegen Amputation der Südbahn geht weiter

Sachlich diskutierten die Stammtisch-Teilnehmer  mit Ilja Baatz (hi. l.) und Simone Herbst (hi. r., Redakteure in der SVZ-Lokalredaktion Lübz) über die Situation der Südbahn.   Michael-Günther Bölsche
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Sachlich diskutierten die Stammtisch-Teilnehmer mit Ilja Baatz (hi. l.) und Simone Herbst (hi. r., Redakteure in der SVZ-Lokalredaktion Lübz) über die Situation der Südbahn. Michael-Günther Bölsche

Mehrere Bürgermeister aus der Region, der Sprecher der Bürgerinitiative „ProSchiene“ und der ODEG-Geschäftsführer diskutierten auf Einladung der SVZ im Lübzer Bürgersaal.

svz.de von
17. Dezember 2013, 17:00 Uhr

Noch unter Regie des inzwischen zurückgetretenen Ministers Volker Schlotmann beschloss das Schweriner Infrastrukturministerium, den Eisenbahnverkehr zwischen Parchim und Waren durch Busse zu ersetzen. Hauptbegründung der Landesbehörde dafür, dieses Ziel ins Auge zu fassen: Zu hohe Ausgaben wegen zu geringer Fahrgastzahlen. Unmittelbar darauf gründete sich im Bereich Malchow eine mit vielen Aktionen dagegen auftretende Bürgerinitiative. Ihr schloss sich vor gut zwei Monaten eine Lübzer Widerstandsgruppe an. Gemeinsam haben sie inzwischen unter anderem hunderte Menschen dazu bewegen können, vor dem Schweriner Landtag zu demonstrieren und mehrere 1000 Unterschriften gegen die „Bahnabbestellung“ gesammelt. Das Ministerium hat seinen ursprünglichen Plan inzwischen dahingehend geändert, dass Malchow seinen Bahnanschluss doch behalten soll.

Regelmäßig hat die „Lübzer Zeitung“ in den zurückliegenden Wochen über das Thema berichtet. Am Montagabend waren nun Gegner und Verfechter der Schweriner Pläne zum Presse-Stammtisch der SVZ eingeladen.  Das   Verkehrsministerium hatte seine Teilnahme abgesagt, dem CDU-Landtagsabgeordneten Wolfgang Waldmüller und der CDU-Landtagsfraktion war der Termin zu kurzfristig gesetzt, SPD-Kreistagsmitglied Wolfgang  von Rechenberg,  seine Landtagsfraktion, der Busbetrieb des Landkreises   und der Landesverband der Busunternehmer antworteten gar nicht. So  blieben die harten Gegner der Streckenstilllegung unter sich. Was der Harmonie des Abends natürlich keinen Abbruch  tat und als Quintessenz  den Schlusssatz brachte: „Wir kämpfen  weiter!“

Wenn  er  nicht überzeugt gewesen wäre, dass der Kampf Sinn macht, Clemens Russell hätte  die  BI „ProSchiene Hagenow – Neustrelitz“  vor  etwa zwei Monaten wohl nicht  mitbegründet: „Das Level  an Aktionen  und die Bereitschaft, sich einzusetzen, sind vorhanden.“ Auch wenn die Aktionen  gegenwärtig  nicht so massiv sind, an jedem letzten Freitag  im Monat finden Mahnwachen mit  „Roten Laternen“  an den Bahnhöfen (nächste am 27. 12.) statt.

Noch vor der eingangs  genannten Entscheidung im Landtag hatten die Abgeordneten  ein Brief  und die Unterschriftensammlung der BI erreicht. Danach, so Russells Eindruck,  habe sich eine „kleine Tür für weitere Diskussionen  geöffnet“ – der Gestalt, dass interne Modifikationen des Landeshaushalts nicht unmöglich    seien.  Hoffnung setze die BI   dabei auf Schlotmanns Nachfolger   Christian Pegel und darauf, dass der sich   in der Entscheidung an den regionalen Bedarfen orientiert.

Solange  die Entscheidung im Raum  steht und es  Menschen gibt, die kämpfen,  bestehe Hoffnung,  sagt Gudrun Stein. „An  uns haben sich zuerst ältere Leute gewandt“, so Lübz’ Bürgermeisterin. „Mit der dringenden Bitte ,Kämpfen Sie, wir  brauchen die Bahn!’   Es ist vor allem ein Umstand, der die Verwaltungschefin  ihren Optimismus  behalten lässt: Nach  massiven Protesten  der BI Malchow   revidierte  Schwerin die Entscheidung, Malchow   von der Strecke  zu nehmen. Da die Konstellation  der Kleinstadt zu Waren   wie  die von Lübz  zu Parchim sei, „sage  ich mir, es  lohnt sich, weiter zu kämpfen“, so Gudrun Stein.

Allein  für die Streckenbeibehaltung  einzutreten,  für die sich  auch der Kreistag  mehrheitlich ausgesprochen habe, hält Plaus Bürgermeister Norbert Reier  für nicht zielführend. Insgesamt  müsse mehr Attraktivität her,   was  nur  mit einer   sinnvollen  Verflechtung  von überörtlichem  und öffentlichem Personennahverkehr, sprich Bus und Bahn, funktioniere:  „Immer  wird sich nur an  Zahlen orientiert, aber das kann es  nicht sein! Die Frage ist doch, wie  komme ich in hoher Qualität  von A  nach B? Und: Was  nützen Verbindungen, die niemandem helfen?“ Bei einer immer älter werdenden Bevölkerung und  einer immer stärkeren Zentralisierung  – etwa von Behörden, medizinischen  und kulturellen Einrichtungen –  brauche es zwingend attraktive Angebote. Einmal  mehr nennt Reier sein Paradebeispiel Karow. Wer  dort auf dem Bahnhof ankomme,  brauche  für die acht Kilometer nach Plau  zwei Stunden. „Wo ist das attraktiv?“,  fragt  Plaus Bürgermeister nicht. Er stellt es fest.

Dreh- und Angelpunkt sind die regionalen Bedarfe.   Dass die sehr erfolgreich  bedient werden können, zeigten    Beispiele   regionaler Anbieter  auf Usedom oder auch in Niedersachsen. Clemens Russell:  „Auch wir  müssen den Bedarf analysieren, um die Schwachstellen zu finden.“  Und die  Analyse   hätte  vorliegen müssen, bevor Schwerin entscheidet,  die Strecke zu schließen. Eine Schwachstelle,  die beiden Seiten  die so wichtigen  Fahrgastzahlen koste, seien parallele Bahn- und Busverkehre.

Durch seine Gemeinde  sei ein Aufschrei gegangen, als   das Schlotmann-Ministerium  die Nachricht  von der geplanten Streckenstilllegung   rausgelassen hatte. Noch genau  kann sich Passows Bürgermeister Frank Busch daran  erinnern. „Neben Schule, Kita, Sportverein“, sagt er, „ist die Bahnanbindung    das wichtigste Argument für junge Leute, in unsere Gemeinde zu ziehen.“ Holger Klukas, sein Amtskollege aus Gallin-Kuppentin, kann das  sehr gut nachvollziehen: „Wir gehen  davon aus, dass wir  noch nicht mal eine Busanbindung  haben  werden. Wir sitzen im Abseits und wir werden immer mehr  abgeschnitten.“ Bei 500 Seelen  im Dorf,  die nicht jünger  werden,  ein Drama.  Viele  alte  Leute in den Dörfern  hätten kein  eigenes Auto, seien auf  öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, wollen sie nicht  für jede Fahrt  ein Taxi nehmen: „Und ich finde, jeder der außen vor ist, ist einer zuviel.“

Arnulf Schuchmann, Geschäftsführer der ODEG, sieht den Schlüssel  in der Infrastruktur.  Jeder Eisenbahnkilometer kostet, momentan  rechne man mit zehn Euro. Wenn  also das Land die Strecke  Parchim – Malchow abbestellt, spare es enorm  viel Geld. Schuchmann, der   schon für  Landesregierungen  Berater  war,  kann dies emotionslos sagen.  Er ist eben auch   Geschäftsmann. Dennoch steht  er, was den Erhalt  der  Südbahn auf ihrer ganzen  Länge betrifft, auch in einer Reihe mit ihren Verfechtern.    Schuchmann  spricht  von  Modellen, die in anderen   Regionen – auch in anderen Ländern – die Unterhaltung   regionaler Bahnen mit vernünftigen Angeboten möglich gemacht hätten.  „Mein Eindruck hier  ist, das Schweriner Finanzministerium   sagt,  3,8 Millionen Euro müssen eingespart werden. Und eben die holt man sich hier“, sagt er. MV sei immerhin ein Bundesland, denkt Arnulf Schuchmann laut,  da sollten    die knapp vier  Millionen  Euro eigentlich  nicht das Problem sein.

Warum  die aber  ausgerechnet  bei der Südbahn eingespart werden sollen? Die Gründe  habe  Schwerin  bisher nicht plausibel gemacht,  kritisiert Clemens Russell: „Der Dialog steckt  in der Sackgasse. Da wird   in Schwerin gesagt, es  gibt nicht genug Fahrgastzahlen und damit Schluss.“  Der Bürgerinitiative  reicht das nicht. „Wir verlangen Transparenz, bekommen   aber noch nicht einmal Einblick in die Zählprotokolle. Solange die uns vorenthalten und nicht offen gelegt werden, nenne  ich das Mauschelei“,  sagt der Sprecher der Lübzer BI.

Oder eben auch die  Verschiebung von Verantwortlichkeit, sagt  Gudrun Stein. Erst Strecke dicht, dann Schienenersatzverkehr,  schließlich  Kreisverkehr und am Ende  zieht sich das Land   komplett zurück. Der klassische Weg der kalten Progression.  Auch die enormen Defizite in der Kommunikation   der Schweriner Entscheidung  und des anschließend gesuchten Dialogs  von  Seiten der Bürgerinitiativen  hat  Lübz’ Bürgermeisterin    erlebt. Zuletzt bei der Demonstration  vor der Schweriner Staatskanzlei: „Wir   stehen   mit  unserem  Pulk von Demonstranten davor und dann kommt   noch nicht mal   einer raus.  Die Listen mit mehreren tausend Unterschriften mussten  wir dem Pförtner  geben. Ich kenne ihn, weiß, dass er  nett ist und die Listen auch angekommen sind. Aber  so geht man   nicht miteinander um! Man muss doch miteinander reden. Aber genau  das  passiert nicht“, sagt Gudrun Stein. Diese Enttäuschung werde sie allerdings nicht daran  hindern,  den Dialog weiterhin einzufordern.

Demonstrationen, Unterschriftensammlungen, Freitage der Roten Laterne – die Bürgerinitiativen  in Malchow und Lübz    haben   längst  bewiesen, dass es ihnen mit ihrem Kampf um den Erhalt der kompletten Südbahn mehr als ernst ist. „Was    also müssen wir tun, damit  wir  am  Ende   das Ruder  noch herumgerissen bekommen, die Strecke  Lübz - Waren  bleibt?“,   stellt Russell  die Frage, die nicht nur  den  Anwesenden unter den Nägeln brennt. Arnulf Schuchmann: „Ich gehe davon aus, dass die Strecke ein Jahr Verlängerung  kriegen wird. Bleiben also   ab jetzt noch zwei Jahre, das regionale Buskonzept auf die Bahn abzustimmen.  Und da  bin  ich sehr optimistisch, dass das intelligenter  geht als bislang.“ Parallelverkehre,   betont  der ODEG-Geschäftsführer  nicht extra,  müssten von vornherein unterbunden werden, um Kilometer zu sparen.

Einig war sich die Runde am Montagabend, dass  es notwendig  ist, weiter zu kämpfen, denn das Land  scheine sich darauf vorzubereiten,  den  Patienten zu beerdigen, statt ihn zu heilen. Sollte  letzteres  tatsächlich  nicht  gelingen,  werde  man sich in zwei, drei  Jahren  womöglich  die Frage  stellen müssen,  die   eigentlich schon jetzt  wie ein Damoklesschwert  über der Südbahn  und damit  auch  über der Region hängt: Diktieren dann  die Zahlen,  den der   Haltepunkt in Parchim  aus dem Streckennetz  auszuradieren, danach Spornitz, Neu…

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