Barkow : Junge Familie liebt die alten Mauern

Die Hausbesitzer: Andreas, die Töchter Helene und Ada und Steffi Hülße mit Hund Zorro  Fotos: mmde
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Die Hausbesitzer: Andreas, die Töchter Helene und Ada und Steffi Hülße mit Hund Zorro Fotos: mmde

Wie gehts, altes Haus? - Heute ein Besuch im Gutshaus Barkow

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03. August 2018, 21:00 Uhr

In dieser kleinen Sommerserie lassen wir einige unserer Gutshäuser vom Wandel berichten, der sich in ihren Mauern vollzog: vom Sitz adliger Familien zum Besitz wohlhabender Bürger, vom Asyl für Flüchtlinge und Vertriebene ab Kriegsende bis zum sozialen Zweckbau in der DDR. Und wie, fragen wir uns, geht es ihnen heute? Wie gehts, wie stehts, altes Haus?

Wie sich eine bürgerliche Familie über mehrere persönliche und historische Brüche hinweg immer wieder von Neuem auf ihr Haus als Familienmittelpunkt konzentriert hat, davon erzählt das Gutshaus Barkow. Fakten, die über das 19. Jahrhundert hinaus in die Vergangenheit weisen, sind hier allerdings, wie in fast allen Fällen, wieder nur sehr spärlich vorhanden. Aber immerhin: Um 1640 hat es eine Gutsanlage in Birkov oder Birkow bereits gegeben. Zeitweise befand sie sich im Besitz einer Familie von Barnewitz. An der Wand des Foyers im heutigen Gutshaus hängt die etwas undeutliche Fotografie des alten, nach Westen und zum Hof ausgerichteten Vorläufershauses, eines einfachen verputzten Fachwerkgebäudes vermutlich aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. In diesen Mauern beginnt auch die Barkower Geschichte der Familie Hülße.

Sie ist ein typisches Beispiel dafür, wie eine ehemalige Domäne im Verlauf des 19. Jahrhunderts als Erbpacht in den Besitz wohlhabender Bürger überging. Zwar war jener Hermann Bethge, ein Urgroßonkel des aktuellen Besitzers, letztlich auch Landwirt. Aber, wohlhabend durch den Zuckerrübenanbau in der Magdeburger Börde geworden, profitierte er von der industrialisierten Zuckerproduktion. 1880 erwarb Bethge die alte Gutsanlage in Barkow als Erbpachtgut, „freiem Eigentum mit kleinen Einschränkungen“, erläutert Andreas Hülße, der heutige Besitzer.

Beginnend mit Hermann Bethge nimmt das Gutshaus eine Art Schlingerkurs in der persönlichen, vor allem aber der allgemeinen Geschichte auf. Bethge nämlich verlässt Barkow wieder. Es kommt zu einem Zwischenbesitz. Haus und Hof sollen schließlich zwangsversteigert werden. Nun tritt die Familie Bethge erneut auf den Plan, kann das Gut 1894 zurückersteigern und überlässt es Hermanns Schwester Mathilde und deren Mann Otto Hülße. „Die beiden sind meine Urgroßeltern“, sagt Andreas und deutet auf Fotografien des Paares. Der Nachfahre ist sehr geschichtsbewusst, hätte er sonst die Entwicklung seines Erbes in Bild und Schrift an die Foyerwand gepinnt? Oder musste der junge Industriekaufmann sich auf diese Weise der Familiengeschichte vergewissern, um sich mit dem Erbe identifizieren zu können? Das Urgroßelternpaar jedenfalls wirtschaftet erfolgreich und entschließt sich zum Neubau. Das alte Gutshaus wird 1914 abgerissen und das heutige, nach Süden ausgerichtet, im Landhausstil der Zeit erbaut. Dann folgt Otto auf Otto. Großvater Otto ist ein Kaisertreuer, der sich vor der Wahl 1932 offen gegen den Stahlhelmkandidaten ausspricht, weil er dessen Nähe zur NSDAP ablehnt. Auch nach 1933 tritt Otto Hülße nicht in die Partei ein. „Wir glauben, dass er deshalb, obwohl er bäuerlicher Betriebsleiter war, zur Front eingezogen wurde“, sagt sein Enkel heute.

Nach 1945 dann die Geschichte wie überall in der Sowjetischen Besatzungszone: Der Großbauer über 194 Hektar wird enteignet. Das Gutshaus wird Schule, Konsum, Ferienheim. Die Großeltern pachten einen Hof in der Lüneburger Heide, dennoch sind die Hülßes mit ihrem Barkower Haus noch nicht fertig – die Familiengeschichte vollzieht nach Jahren noch einmal eine Kehre zurück. Andreas Vater kauft das Haus mit schönem Grundstück bis hinunter zur Elde 1991 zurück, wenn auch ohne einstige Ländereien und Nebengebäude. Seit Mitte der Neunziger ist das alte Haus nun ein umsichtig renoviertes Hotel, das seinen Charakter bewahren durfte. Ja, es geht ihm gut! Häuser nehmen jedes Futteral mit Großzügigkeit auf, aber wie ging es Andreas mit der Rolle als Hotelier? Er lächelt. Vielleicht ein wenig zurückhaltend. Egal. Er hat sich in die Aufgabe eingelebt.


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