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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

18. August 2017 | 18:26 Uhr

Goldberg : Ja zu Inklusion und Sonderschulen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Befürwortende Pädagogin: Immer mehr Kinder beim Aufwachsen psychisch belastet / Auch ohne neue Programme steigende Lehrer-Belastung

150 Kinder besuchen die Regionale Schule Walter Husemann in Goldberg. Ihre Leiterin Gisela Hög gehört zu den vergleichsweise wenigen Lehrern, die Inklusion befürworten. Inklusion bedeutet, Kinder etwa mit nie-driger und höherer Lernfähigkeit/-behinderung nicht wie Jahrzehnte üblich voneinander getrennt, sondern auch nach der Grundschule zumindest zunächst gemeinsam  zu unterrichten und sie – so die gegenwärtige Praxis – erst ab der siebten Klasse auf die weiterführenden Schulen aufzuteilen. Nicht nur für diese Haltung, sondern zum Beispiel auch für ihre frühere Aussage, dass das Allgemeinwissen des Nachwuchses ihren Erfahrungen  zufolge immer schwächer werde, hat Gisela Hög stets viel Kritik eingebracht. Gleichzeitig wurde dabei allerdings auch immer wieder deutlich, dass sie Verallgemeinerung ablehnt.

Mit ihrer Meinung über Inklusion liegt die Pädagogin auf einer Linie zum Beispiel mit Urs Haeberlin, Verfasser des Buches „Sonderklassenvergangenheit erschwert Berufsbildung“. Bei ihm und einem später genannten Autor zufolge, deren Äußerungen auch in unserer Region in Gesprächen oft einzeln vertretene Argumente zusammenfassen,  haben junge Erwachsene mit Sonderklassen-Vergangenheit „in der Regel nur Zugang zu Berufen mit sehr tiefem Anspruchsniveau oder bleiben häufig arbeitslos“. Für vergleichbare junge Erwachsene, die keine Sonderklasse besucht haben, sehe die Berufsperspektive deutlich besser aus. Sie hätten sogar „gewisse Chancen auf einen Ausbildungszugang im mittleren oder höheren Segment“. Dies sei für ehemalige Sonderklassenschülerinnen und -schüler kaum der Fall. Während des Übergangs in die Berufsausbildung würden sie häufig mehrere berufliche Einstiegsversuche abbrechen.

„Ich habe schon diverse Schüler erlebt, die für die Sonderschule vorgesehen waren und dann hier aufgeblüht sind“, sagt Gisela Hög. Kritik an der von ihr vertretenen Richtung im Bildungswesen äußern unter anderem Lehrer an Regelschulen. Auch sie tragen vor, dass sie für die Arbeit mit Lernschwachen gar nicht ausgebildet seien und an Sonderschulen neben kleineren Klassen mehr Lehrkräfte zur Verfügung stehen, um sich intensiver um die Kinder kümmern zu können.

„Bleiben zum Beispiel Lernschwache unter sich, ist die Chance, dass ihnen jemand Impulse gibt, dort heraus zu kommen, äußerst gering“, sagt Gisela Hög. Sollen Förderschulen nach ihrer Meinung also abgeschafft werden?  Die Antwort überrascht: „Nein, auf keinen Fall! Wichtig wäre aber, Grund-, Regionale und Sonderschule so anzuordnen, dass sie unter einer Leitung stehen – eben einen so genannten Campus schaffen und auch so näher zusammen sein.“

Die Einführung der Inklusion erfolge selbst „in exklusiver Weise“ und führe nach Ansicht von Buchautor Reiner Andreas Neuschäfer etwa zu neuen Ausgrenzungen, wenn nicht alle Beeinträchtigten einbezogen werden und stattdessen Behinderte mit problematischem Sozialverhalten oder schwer geistig Behinderte aus den Inklusionsbemühungen vorerst oder überhaupt (wie etwa in Nordrhein-Westfalen) ausgeschlossen werden. Wenn die Vielschichtigkeit an Problemen in den Klassen die Lehrkräfte schon jetzt vor teilweise zu starke Herausforderungen stellt, sei ihre Ausweitung problematisch, wenn man sie nicht durch eine deutliche Reduzierung der Klassengrößen oder deutliche Erhöhung der Lehrer auffange. „Dem Ziel kleinerer Klassen und Aufstockung der Lehreranzahl stimme ich zu“, sagt Gisela Hög. „Für Probleme in unserem Beruf hat jedoch nicht erst die Einführung der Inklusion gesorgt. Auch ohne sie haben die Anforderungen an die Kollegen in den vergangenen Jahren zugenommen. Die Zahl der Kinder, die durch ihr Umfeld beim Aufwachsen psychisch belastet werden, vergrößert sich stetig.“

In Nordrhein-Westfalen ist die Idee der Umsetzung der Inklusion auf Widerstand gestoßen: Der Verband „Lehrer NRW“ stellte fest, dass das konstatierte Recht auf schulische Einbeziehung schlicht auf einer Fehlinterpretation der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen beruhe.

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erstellt am 08.Apr.2014 | 22:00 Uhr

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