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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

21. September 2017 | 09:03 Uhr

geschichte : Interesse an Stasi-Akten bleibt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Auch in Goldberg hat BStU-Mitarbeiterin Karin Grocholski viele Erstantzräge ausgestellt

Karin Grocholski kann erst einmal ein bisschen durchatmen. Seit elf Uhr am Morgen sitzt sie im Verwaltungsgebäudes des Goldberger Amtes und berät Interessierte zu Stasi-Unterlagen. Von Anfang an ist sie mit dabei, hat aber nicht damit gerechnet, dass auch mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer das Interesse besteht, in Stasi-Akten Einsicht zu nehmen. Allein im vergangenen Jahr haben 64246 Personen Anträge auf persönliche Akteneinsicht gestellt. „Ich bin überrascht, wie viele  noch immer einen Antrag auf Einsicht stellen. Auch heute Vormittag ist eine Menge los gewesen“, erzählt die Mitarbeiterin der Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde Schwerin/Görslow (BStU).

Nicht nur Karin Grocholski ist damals davon ausgegangen, dass die Behörde nur fünf bis maximal zehn Jahre besteht. Doch es sollte anders kommen. Das beweisen solche Informationstage wie diese in Goldberg. Zum zweiten Mal ist die langjährige Mitarbeiterin in der Mildenitzstadt. Das Interesse an den Stasi-Akten ist auch hier ungebrochen. Mehr als 30 Erst- bzw. Wiederanträge hat sie bereits am Vormittag ausgefüllt und es wurden noch mehr.

Auch Dieter Langer aus Goldberg gehört zu den Erstantragstellern. „Ich weiß überhaupt nicht, ob es eine Akte über mich gibt“, erläutert der Ur-Goldberger. Jetzt hatte sich die Gelegenheit endlich für ihn ergeben, einen Antrag auf persönliche Akteneinsicht zu stellen. „Ich hätte es irgendwann eh getan. Ich möchte schon wissen, wenn ich eine Akte habe, wer mich womöglich bespitzelt hat. Heute ist mein Abstand viel größer als damals direkt nach der Wende. Wenn etwas bei mir herauskommt, dann werde ich es nicht mehr mit so viel Hass betrachten, wie es vielleicht damals der Fall gewesen wäre“, verdeutlicht Dieter Langer.

Der Goldberger ist nicht der Einzige, der sich nach so vielen Jahren entschließt, einen Antrag auf Einsicht zu stellen. Das weiß Karin Grocholski aus Erfahrung. Warum das so ist? Darauf hat sie allerdings keine Antwort. „Irgendwann kommen die Gedanken. Dann werden die Anträge gestellt, wenn wir in dem Ort zur Beratung sind. Nur wenige fahren den weiten Weg nach Görslow“, verdeutlicht die BStU-Mitarbeiterin. Sie hilft nicht nur bei den Anträgen, diese auszufüllen, sie bringt auch Stasi-Akten direkt mit zur Beratung, wenn dies vereinbart wurde. Manchmal erkennt Karin Grocholski auch ehemalige Inoffizielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). „Es kommen auch einige, die direkt Kontakt zur Stasi hatten, die als IM gearbeitet haben. Sie sagen es nicht, manchmal merke ich es schon, aber oftmals weiß ich es erst dann, wenn ich selbst die Akte eingesehen haben.“ Die Mehrheit  sind allerdings Bürger, die vermuten, bespitzelt worden zu sein.

Nach sechs bis acht Wochen  weiß der Antragsteller, ob es zu ihm eine Akte überhaupt gibt. Dann geht alles seinen Weg. Die Namen von Dritten werden geschwärzt. Alles andere, was denjenigen betrifft, wird offengelegt. Auch den Decknamen des Inoffiziellen Mitarbeiters erfährt der Antragsteller. „Um noch mehr zu erfahren, kann er dann einen Antrag auf Decknamenentschlüsselung stellen“, erklärt Karin Grocholski. Mit diesem Antrag erfährt dann der Betroffene letztendlich, wie der Klarname lautet und wann er geboren wurde. Was derjenige letztendlichaus den Informationen macht, darüber können die Mitarbeiter der BStU auch wieder nur mutmaßen.

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