Geschichten aus Goldberg : Indische Galläpfel für Goldberg

Zurück in die Vergangenheit: Goldberg zu Zeiten der Chemischen Fabrik. An diesem Standort wird ein Solarpark entstehen.   Fotos: Privatarchiv/hans-joachim möller
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Zurück in die Vergangenheit: Goldberg zu Zeiten der Chemischen Fabrik. An diesem Standort wird ein Solarpark entstehen. Fotos: Privatarchiv/hans-joachim möller

In der Chemischen Fabrik an der heutigen Raiffeisenstraße wurde damals Tannin für das Einfärben von Leder produziert

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09. März 2016, 12:00 Uhr

In den kommenden Monaten wird sich einiges an der Raiffeisenstraße von Goldberg tun. Dort wird der erste Solarpark der Mildenitzstadt entstehen. Einst waren hier Gerbstoffwerk und Chemische Fabrik sowie das Goldberger Hartziegelwerk ansässig. Chronist Thomas Reilinger kennt sich mit der Geschichte Goldbergs aus. Er wirft einen Blick zurück.

Einen regen Austausch zwischen Deutschland und Indien hat es Ende der 1920er und frühen 1930er Jahre gegeben. Grund: Die Herstellung von Gallusgerbsäure, auch Tannin genannt, in der Chemischen Fabrik Siegfried Kroch AG Berlin, Gerbstoffwerk Goldberg. Einst wurden auf diesem Terrain Hartziegel produziert, noch bis zum Ersten Weltkrieg. Später hatte August Paepcke mit seiner Familie das Gelände gegen 1916 übernommen, Goldbergs Lederfabrik Paepcke entstand. Der Standort der Lederfabrik konnte nicht mehr vergrößert werden, so sollte beim Hartziegelwerk eine Gerbstoff-Fabrik entstehen; August Paepcke ließ eine Halle für die Gerbstoff-Produktion und eine für die Kraftzentrale anbauen, auch den höheren Schornstein für die Dampfmaschine entstand zu dieser Zeit. Das dort hergestellte Tannin wird aus gemahlenen chinesischen oder indischen Galläpfeln hergestellt, später mit Alkohol und Äther versetzt. Nach dem Destillieren blieb ein bräunlichgelbes Pulver zurück, das damit behandelte Leder erhielt eine schwarzblaue Färbung. August Paepcke erweiterte erneut das Werk, zwei weitere Naturfarbstoffe zum Färben von Wolle und Seide sowie für Holz in der Kunsttischlerei wurden in Goldberg hergestellt. Doch das sogenannte Gelbinwerk war bereits 1924 im Gewerbe-Register der Stadt nicht mehr zu finden.

Der Großbrand der Lederfabrik am 11. November 1924 sollte das Ende der Paepcke’schen Gerbstoff- und Lederfabrik bedeuten. Die Berliner Firma Kroch kaufte das Gelände Ende 1926 und begann am 1. Mai 1927 mit der Produktion: Fabrikation von Gerbstoffen, Hilfsmittel für die Gerbstoff- und Textilindustrie sowie pharmazeutische Präparate. Bis 1931 wurde Tannin am Goldberger Standort hergestellt. Danach wurde mehr auf die Erfindung der Indranthren-Färberei, dem Kunstfarbstoff, gesetzt. Erneut gab es also auf dem Goldberger Werksgelände der Chemischen Fabrik eine Veränderung – fortan wurde Wismut, ein sprödes Schwermetall mit rötlichem Silberglanz hergestellt. Verwendung fand es in Medikamenten oder als Schminke, dort war es als Perlweiß bekannt. Wismutweiß wurde in der Glas- und Porzellanmalerei eingesetzt. Wismut wird aus Erz gewonnen und darum war es sehr teuer. Denn damals war einzig das Erzgebirge Bezugsquelle für den Rohstoff. Hinzu kam, dass das angelieferte Erz in Goldberg verschiedene Prozesse durchlaufen musste, um daraus Wismut herstellen zu können. Seit 1934 wurde in der Fabrik auch Blankbeize hergestellt.

Der Firmensitz der Aktiengesellschaft war für Berlin eingetragen, doch hatte Dr. Siegfried Kroch jun. eine gutgehende Firma in Hamburg-Wandsbek. Die Goldberger Fabrik leitete deshalb seit 1934 der Chemiker Edwin Anacker. 1937 betrug das Firmenkapital 150  000 Rm. Edwin Anacker war es zu verdanken, dass die Goldberger Firma bis zu Kriegsbeginn Bestand hattem ihm zur Seite stand auch Schlossermeister Robert Möller, Sohn von Uhrmachermeister Hans-Joachim Möller.

Siegfried Kroch jun. war bereits 1936 aus der Firma ausgeschieden und nach England ausgewandert, da die Familie jüdisch war. Edwin Anacker war es dennoch gelungen, das Werk aufrechtzuerhalten. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wird auch hier die Produktion eingestellt worden sein.

Als die Deutsche Wehrmacht im Juni 1940 Teile Frankreichs besetzte, kamen französische Kriegsgefangene nach Goldberg – sie wurden im Verwaltungsgebäude der Chemischen Fabrik untergebracht. Mit Kriegsende wurde einiges als Reparation beschlagnahmt, eine industrielle Nutzung der Fabrik war nicht mehr möglich. Der Chef der ehemaligen Chemischen Fabrik, Robert Möller, betrieb zwischen 1946 und 50 eine Schlosserei. Auch der 45 Meter hohe Schornstein musste weichen – er fiel in den 1950er Jahren.

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