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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

23. November 2017 | 12:37 Uhr

Feuerwehr Plau : In Rekordzeit zum Einsatz bereit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Die jüngste Brandkatastrophe in Krakow zeigt, dass die Feuerwehr bei so einem Einsatz freiwillig ihr Leben aufs Spiel setzt

von
erstellt am 30.Apr.2016 | 12:00 Uhr

Um genau 2.06 Uhr schrillt der Funkmelder und reißt Ronny Ax, Chef der Plauer Feuerwehr, aus dem Tiefschlaf. Das auf einem festen Platz in der Wohnung liegende Gerät ist zwar nur etwa doppelt so dick wie eine kleine Streichholzschachtel und von der Oberfläche her nicht größer als sie, aber sein piepender, durch die Leitstelle in Schwerin ausgelöster Ton dringt durch Mark und Bein. Ax springt aus dem Bett und liest auf dem kleinen Display (Text bekommen nur er und sein Stellvertreter) diesmal „Charlottental Dorfplatz, Schloss brennt, Anforderung DLK“. Letzteres ist die Abkürzung für Drehleiter mit Korb.

Auf die Frage, welche Gedanken ihm in solchen Augenblicken zuerst durch den Kopf gehen, sagt Ax: „Man denkt sofort, was einen eventuell erwartet – hier war es ehrlich gesagt zunächst nicht mehr als ein Dachstuhlbrand – wer vielleicht kommt und wen man wie einsetzen könnte. Wenn der Melder geht, läuft ein Plan ab und im Auto wird abgefragt, wer da ist. In die Aufgabe wächst man hinein.“ Spielt trotz Professionalität Angst eine Rolle? „Ich würde eher sagen Respekt. Eigenschutz geht vor. An erster Stelle steht das Leben von Menschen. Ihnen folgen Tiere, dann Sachwerte, letztlich die Umwelt und der Schutz von Nachbargebäuden.“

Beim jüngsten Alarm eilt Ax zum Gerätehaus, wo bereits zwei Kameraden vor der Tür stehen. Letztlich sind es acht Mann, von denen wegen der Drehleiter vorschriftsmäßig fünf mit Atemschutz ausgerüstet werden. Bei ihnen gibt es jetzt keinen einzigen Flecken auf ihrem Körper mehr, der nicht dick abgedeckt ist. Alle Männer besteigen einen VW-Bus und die Fahrerkabine des Lastwagens mit der Drehleiter. In letzterem dreht Ax den Zündschlüssel um, der 232 PS starke Motor brüllt auf und setzt den 14 Tonnen schweren MAN in Bewegung. Als der Lkw und der Transporter durch die geöffneten Rolltore fahren, sind seit der Alarmierung zuhause keine fünf Minuten vergangen – ein kaum zu glaubender Wert, wenn man bedenkt, wie viele Arbeitsschritte schon bis jetzt geleistet wurden. „Für uns ist es normal. Die Regel ist, dass ich hier vor der Tür stehe, noch während die Sirene heult“, bekundet ein junger Feuerwehrmann.

Während der Fahrt über die B 103 – wegen freier Straße nur mit Blaulicht und ohne Martinshorn – herrscht Anspannung. Der Schlossbrand, gegen den letztlich insgesamt 90 Feuerwehrkameraden kämpfen, ist eine riesige Ka-tastrophe, doch wie sonst üblich schon von weitem durch einen Feuerschein im Himmel zu erahnen ist sie wegen dichten Waldes diesmal nicht. „Aber als wir dann um die Ecke bogen, sahen wir, um was es hier ging“, sagt Ax. „Das Feuer hatte wie in einem Kamin durchgezündet und als wir ausgestiegen waren, hörte man schon die Decken einstürzen. In der Mitte schossen mindestens 20 Meter hohe Flammen aus dem Gebäude.“

Die Plauer stellen ihre Drehleiter auf der linken Seite auf, zwei Mann besteigen den Korb und werden rund 15 Meter in die Höhe gefahren, um von oben Wasser in das Flammenmeer zu schießen, damit es nicht auf Nachbargebäude übergreift. Obwohl in dieser Ecke über ihm stehend, würden die Kameraden ohne vollen Atemschutz auch hier keine Minute überleben, weil sie durch den Wind immer wieder massivem Glut- und Ascheregen ausgesetzt sind.

Gegen 11 Uhr am nächsten Tag rückt die Plauer Feuerwehr nach rund neun Stunden wieder ab, um 12.30 Uhr essen noch alle zusammen im Gerätehaus. Für Ronny Ax ist der Einsatz damit nicht beendet. Er muss zum Beispiel noch Berichte über den Einsatz an sich und für alle Atemschutzgeräteträger schreiben, weil ihre besonderen Belastungen auch für den Fall dokumentiert werden müssen, dass sie krank werden sollten.

Außerdem steht eine Fahrt zur Feuerwehrtechnischen Zentrale nach Parchim an, um dort die Sauerstoffflaschen wieder befüllen zu lassen und dann die Lastwagen in Plau erneut komplett zu bestücken – der nächste Einsatz könnte theoretisch in der nächsten Sekunde folgen.

Kurz nach 17 Uhr ist Ax wieder zuhause – rund 15 Stunden, nachdem ihn der Funkmelder aus dem Schlaf gerissen hat. „Da dachte ich mir: Jetzt kannst Du in die Wanne gehen“, berichtet er ruhig.

Warum setzen Menschen freiwillig ihr Leben aufs Spiel, nehmen so große Belastungen auf sich und opfern sehr viel Zeit, wenn es zur Sache geht? „Ganz oben steht auf jeden Fall der Wille, Menschen in Not zu helfen. Auf eine Stunde mehr oder weniger achtet niemand bei uns.“

Ax ist im 24. Jahr dabei. Er fing mit 14 an und wurde als 18-Jähriger fest in den aktiven Dienst übernommen. Sein Amtskollege in Lübz, Olaf Richter, hatte in einem Gespräch mit unserer Redaktion einmal die große Befürchtung geäußert, dass den freiwilligen Feuerwehren auf Dauer gesehen nicht genug Nachwuchs zur Verfügung stehen werde.

Der Plauer sieht die Gefahr ebenfalls. „Wenn man junge Leute fragt, ob sie nicht Lust hätten, mal zu uns zu kommen, heißt es meistens: ,Was krieg ich?’“, sagt er.

Bedenken müsse man, dass die meisten Männer berufstätig sind. Die Feuerwehr sei über jeden Arbeitgeber froh, der Verständnis für die Feuerwehr habe. „Vier Kameraden sind zum Beispiel bei der Stadt angestellt. Für die große Unterstützung des Bürgermeisters sind wir ihm sehr dankbar“, sagt Ax. „Auch sonst haben wir zu den Gewerkschaften ein sehr gutes Verhältnis.“

In Krakow sind keine Menschen zu Schaden gekommen. Gibt es trotzdem auch bei einer sehr nach Plan auf ein Unglück reagierende Feuerwehr Gefühlsregungen? „Selbstverständlich! Im jüngsten Fall stehen nicht nur Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz, sondern ein ganzer Ort hat sein Wahrzeichen verloren und etwas Wichtiges für ganz Mecklenburg ist untergegangen. So etwas empfinden auch wir als schlimm.“

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