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Ein Leben für die Tiermedizin : In Minuten vom Hengst zum Wallach

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Impfen, Zähne machen, ein Pferd kastrieren: Das gehört zu ihrem Alltag. Seit zwölf Jahren arbeitet Anna-Maria Immich als Tierärztin. Dafür fährt sie von einem Landkreis in den nächsten, um sich um die Tiere zu kümmern.

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erstellt am 08.Okt.2012 | 07:13 Uhr

Below/Dobbin | Vorsichtig werden die sterilen Gummihandschuhe ausgepackt. Danach nimmt Anna-Maria Immich das Skalpell in die Hand. Das obere Bein des Hengstes liegt ein wenig nach vorne gespreizt, ist festgebunden. Ein Handtuch liegt auf dem Kopf des Pferdes. Ein langer, dünner Schlauch führt vom Hals hinauf zu einer Flasche. Ruhig schnaubt das Pferd. Der junge Rimmers Filou schläft tief und fest. Wenn der Einjährige wieder aufwacht, ist er kein Hengst mehr, sondern ein Wallach. Nur einen kleinen Schnitt muss Tierärztin Anna-Maria Immich machen, danach legt sie das Skalpell wieder aus der Hand. Greift mit den Fingern in die Öffnung und holt den ersten Hoden heraus, zieht am Samenstrang des Hengstes. "Wie lang die sind, kann ich gar nicht sagen. Aber sie reichen bis in die Bauchhöhle hinein", erklärt die Tierärztin aus Vietgest. Sicher greift die blonde Frau zu den beiden Klemmen, legt diese um den Samenstrang des Pferdes, ganz nah am Körper. Dann kommt die Zange. Es knackt und knirscht. Schon ist es vorbei. Nach zwei Minuten können die beiden Klemmen abgenommen werden. Die Zeit stoppt Tierarzthelferin Betti Lehmann, die auch die Narkose kontrolliert. "Pro Lebensjahr des Pferdes muss ich zwei Minuten warten, bis ich die Klemmen wieder abnehmen kann", erklärt Anna-Maria Immich ihre Schritte. Dann kommt der zweite Hoden an die Reihe, auch hier zieht die Tierärztin wieder kräftig an dem Samenstrang des Pferdes, schiebt das umherliegende Gewebe nach oben. Wieder knirscht und knackt es. Doch dann ist es vorbei. Innerhalb von zehn Minuten. Rimmers Filou wacht nach einer halben Stunde als Wallach wieder auf. Noch ein wenig verwirrt und wacklig auf den Beinen. Die Wunde wird nicht vernäht. "Die bleibt bei den jungen Pferden offen. Das verheilt dann besser und verklebt nicht ganz so schlimm. Das Wundsekret kann besser ablaufen", erklärt die versierte Tierärztin.

Das Kastrieren des Hengstes ist nur ein wichtiger Termin an diesem Tag, den die Tierärztin aus Vietgest ganz nach Dobbin führt. Von dort geht es weiter. Gemeinsam geht es in Richtung Mecklenburgische Seenplatte. Innerhalb weniger Autominuten ist die mobile Tierärztin, die eine weitere Praxis in Below betreibt, von einem Landkreis im nächsten. In Alt Schwerin wartet ein Kaltblut auf die Tierärztin. Elbfee ist groß und stark, bläht die Nüstern, als Anna-Maria Immich die Boxentür öffnet. Doch die Stute bleibt ruhig. "Gib mir mal 0,7 und dann noch einmal 0,7", sagt die Tierärztin zu ihrer Helferin Betti Lehmann. Die 24-Jährige zieht ein Beruhigungsmittel auf. Wie ihre Chefin gesagt hat, zweimal 0,7 Milliliter, denn die Kaltblutstute ist kräftig, wiegt zwischen 550 und 600 Kilo gramm. Diese müssen aber in den nächsten Minuten ruhig stehen bleiben. Doch Anna-Maria Immich muss die Stute nicht allein bewältigen, sondern Betti Lehmann packt mit an. Die Tierarzthelferin stützt sich mit dem Rücken gegen Elbfee, hält den Kopf mit beiden Armen fest. Langsam verschwindet der Arm der Tierärztin immer mehr in dem Maul des Pferdes. "Wir müssen hier spitze Kanten abfräsen. Das stört die Tiere, wenn sie das Gebiss beim Reiten tragen", erklärt Anna-Maria Immich. Auf dem Hof von Susanne Schneider in Alt Schwerin stehen mehrere Pferde. "Das ist unser Hobby. Mein Mann ist hauptberuflich Schäfer, wir haben 300 Schafe", erzählt Susanne Schneider. Nach der Zahnbehandlung steht noch ein Fohlen auf dem Plan der Tierärztin. Bevor es geimpft wird, horcht Anna-Maria Immich das Tier ab. Doch noch kann die Tierärztin den Hof in Alt Schwerin nicht verlassen, denn Susanne Schneider vermutet, dass eine andere Kaltblutstute trächtig ist. Kurzerhand zieht sich Anna-Maria Immich einen langen grünen Handschuh über und ihr linker Arm verschwindet im Hinterteil des Tieres. "Ich denke nicht, dass sie schwanger ist, denn ich kann ihre Gebärmutter in die Hand nehmen. Wahrscheinlich hat sie viel gefressen in letzter Zeit", erklärt die gebürtige Berlinerin. Schon in der Grundschule hat sich die heute 45-Jährige für Tiere und den Beruf der Tierärztin interessiert. Seit mehr als zwölf Jahren ist sie jetzt im Einsatz. In den vergangenen drei Jahren sieben Tage die Woche, zwischen zwölf bis 16 Stunden am Tag. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Beruf irgendwann langweilig wird", so Anna-Maria Immich. Zu sehr genießt sie das, was sie macht und das merken nicht nur die Besitzer der Tiere, sondern die Pferde selbst.

Medikamente und Utensilien werden wieder einmal verpackt. Dann geht es rückwärts die Auffahrt runter. Geschickt lenkt Anna-Maria Immich den großen Mercedes. Ein blaues Schild taucht auf. Es weist der Tierärztin den Weg zu ihrem nächsten Termin: A 19 in Richtung Berlin, doch bei der nächsten Ausfahrt geht es schon wieder runter von der Autobahn. Denn in Grüssow wartet das nächste Pferd auf die Behandlung und gute Pflege von Anna-Maria Immich. "Bei diesem Pferd müssen wir nur die Fäden ziehen", erklärt die Tierärztin. Innerhalb weniger Minuten sind diese von der Stirn des Pferdes entfernt. Eine große Narbe bleibt dem Pferd auf seiner Stirn erhalten, sonst nichts. Es ist ruhig, bleibt die ganze zeit stehen, als Anna-Maria Immich vorsichtig die Fäden entfernt. Kein Schorf mehr auf der Wunde und die Naht ist gut verheilt. Noch aber ist der Tag für Anna-Maria Immich und Betti Lehmann nicht zu Ende. Gemeinsam verpacken die beiden Frauen wieder die Medikamente und Utensilien in ihrem silberfarbenen Mercedes Vario. Danach geht es weiter. Zum nächsten Termin. "Jetzt müssen wir noch ein Pferd abhorchen", so Anna-Maria Immich. Reine Routine. Doch auch das gehört zum Alltag einer Tierärztin. Mehrere Kilometer fährt Anna-Maria Immich jeden Tag von einem Termin zum anderen. Dann ist aber immer noch kein Feierabend. Denn danach geht es oftmals zurück in ihre Hauptpraxis nach Vietgest. Dort warten ebenfalls Tiere auf Anna-Maria Immich und ihre heilenden Hände.

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