Goldberg : In der Haft zum Künstler geworden

Der Maler in seinem Atelier. Überall Arbeiten, die das Ausschnitthafte der Landschaftsmalerei nach Corot zeigen.
Der Maler in seinem Atelier. Überall Arbeiten, die das Ausschnitthafte der Landschaftsmalerei nach Corot zeigen.

Anderthalb Jahre Haft wegen Wehrdienstverweigerung stellten für Horst Meyn die Weichen für sein Leben. Wir haben den Maler in seinem Atelier besucht.

svz.de von
12. März 2016, 12:00 Uhr

Allein der Schreibtisch mit dem Auftragsbuch darauf signalisiert, dass der Kunstmaler Horst Meyn auch ein strukturiertes Unternehmen führt. Alles andere in diesem großen Lüschower Atelier erscheint dem Betrachter als - im Doppelsinn - malerische Unordnung. Eine geballte Bildermacht füllt den Raum, dazwischen ragen die Spitzen einiger Staffeleien auf. Horst Meyn gibt auch Kurse. Die Staffelei des Meisters steht in der Nähe des „Logistikzentrums“, des Schreibtisches also, darüber schwebt ein aufgespannter Schirm.

Spontan lenkt der Kunstmaler das Gespräch zunächst auf die Jahre des Kampfes mit dem DDR-System um seine Anerkennung als Freiberufler. Die Zeit bis zu jenem befreienden Zeitpunkt im Jahre 1986 muss ihn Nerven gekostet haben. „Meine Anträge wanderten über die Schreibtische. Ein halbes Jahr hing ich am Ende ganz in der Luft“, sagt er, dann rückten die Offiziellen in seinem Lüschower Anwesen mit Papieren und Steuernummer an. Meyn durfte jetzt sein, was er sowieso schon seit etwa 1975 war, nämlich Maler, und musste nicht länger auch als Forstfacharbeiter in einem von oben akzeptierten Beruf arbeiten.

Warum aber verweigerte das Regime so lange die Ausübung der Malerei als Haupttätigkeit? Immerhin hatte Meyn bald im Umfeld einen Namen, stellte aus, verkaufte. „Ich war Autodidakt“, erklärt der Maler. „Aber zur Malerei gab es im Staat einen vorgezeichneten Weg, der ging über die Kunsthochschulen. Dort wurde ein bestimmtes Malerbild vermittelt.“ Als Autodidakt war Meyn, ideologisch betrachtet, nicht in der Spur. Erlebt man ihn, so ist zu spüren, dass der zierliche Mann mit den feinen Gesichtszügen humorvoll und konziliant ist, aber vermutlich auch eigenwilliger, als es der sozialistische Staat ertrug.

Der Wille zum eigenen Weg hatte sich schon viel früher gezeigt. Aus „ethischen und religiösen Gründen“, berichtet Horst Meyn, habe er den Dienst an der Waffe verweigert und wanderte prompt ins Gefängnis. Aber - unerwartet kommt oft - gerade dort stellte das Schicksal eine entscheidende Weiche: Meyn lernte den inhaftierten Maler Rudi Poels kennen. „Der war ein paarmal nicht zur Arbeit erschienen und wegen Asozialität zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. In der Haftanstalt dann gab er Malunterricht.“ Unter anderem unterrichtete er Horst Meyn und den späteren Thüringer Maler Siegfried Kaufmann. Jetzt fing der junge Mann aus Dobbertin richtig Feuer. „In der Schule hatten wir auch Zeichenunterricht“, sagt er, „aber der war nicht interessant. Da hieß es immer: Malt mal euren Vater am Arbeitsplatz.“

Meyn verließ das Gefängnis als Maler. Fortan suchte er seine Motive vor allem in der Natur. Grün ist die wohl vorherrschende Farbe in seinem Atelier, das Grün von Flächen und Wäldern, Bäumen, Büschen... . Die plein-air- oder Freiluftmalerei, die in Frankreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkam, wurde für den Autodidakten wegweisend. Sein großes Vorbild: der Maler Jean-Baptiste Corot, bekanntester Vertreter der europäischen Bewegung in der Landschaftsmalerei, die das stickige Milieu der akademischen Ateliermalerei überwand, um zu einem stimmungsvollen, subjektiveren Abbild der Natur zu finden. Bekannte Künstlerkolonien, wie Schwaan oder Worpswede, stehen ebenfalls in dieser Tradition. „In der Freiluftmalerei muss der Pinsel schnell und sicher gesetzt werden“, erläutert Meyn, „nur wenige, aber charakteristische Pinselstriche formen das Bild.“ Spätere Bewegungen und Schulen in der Kunst haben Meyn nicht mehr nachhaltig berührt und dazu steht er: „Ich betrachte mich selbst als hundert Jahre zurück stehend.“

Der Kunstmaler Horst Meyn verhehlt nicht, dass er auch malt, wie er malt, um in seinem Umfeld verkaufen zu können. Regelmäßig gibt er außerdem Malkurse („Es sind noch Plätze frei...“), restauriert Bilder, malt Portraits, arbeitet nicht nur in Öl, sondern auch in Aquarell. Und wer Mecklenburg aus einer innigen Verbindung mit der Landschaft heraus gemalt haben möchte, überdies mit neueren Tendenzen in der Malerei wenig anfangen kann, wird durch Meyn bestens bedient. „Ich bin bei den Alten“, sagt er und lächelt.









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