Jenseits der Stille : Improvisation und die Kunst der Pause

Berührten ihr Publikum: Fabiana Striffler und Quique Sinesi
Berührten ihr Publikum: Fabiana Striffler und Quique Sinesi

In der Wangeliner Reihe „Jenseits der Stille” berührten die Musiker Fabiana Striffler und Quique Sinesi ihr Publikum.

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18. November 2017, 12:00 Uhr

Im 18. Jahrhundert tauchte in der Schriftkultur ein waagerechtes Strichlein auf. Es bedeutete nichts weiter als: Pause. Ging der Text noch weiter, wurde das Folgende umso mehr herausgehoben. Ging er nicht weiter, signalisierte das Strichlein nicht einfach Schluss, Ende, sondern: Lass das Vorherige nachwirken. Im Regelwerk der musikalischen Literatur hat die Pause natürlich einen systematischen Rang. Richtig spannend aber ist das Erlebnis von quasi schöpferischen Pausen im Fluss der improvisierten Musik. Was schöpfen die Instrumentalisten in den Pausen, in denen sie zu einem neuen Impuls, einer neuen Phantasie finden müssen? Nichts ist vorgefertigt, aber das Konzert muss schließlich weitergehen.

Diese Spannung ergab sich auch in der jüngsten Ausgabe der Konzertreihe „Jenseits der Stille“ in Wangelin, die sich musikalisch mehr und mehr zu einem tönenden Schatzkästlein entwickelt. Entstand zwischen der jungen Geigerin Fabiana Striffler und dem Gitarristen Quique Sinesi eine solche Pause, ließ sich raten: Folgte nun ein Anschlagen der Geigensaiten mit der Hand, würde die junge Geigerin zum Bogen greifen oder schlügen die beiden Musiker die hölzernen Resonanzkörper wieder einmal so, wie man eine Trommel benutzt? Die Pausen, die zu Neuem überleiteten, waren jedenfalls, wie immer in der Improvisationsmusik, kurze Augenblicke der allgemeinen Spannung. Wie mag diese Kommunikation zwischen den beiden klassischen Instrumenten und deren streckenweise unklassischem Einsatz sich fortpflanzen? Wirken Muster, wirkt Inspiration?

Fabiana Striffler nahm das Publikum mit Charme und Natürlichkeit rasch für sich ein. Sie strahlte nicht nur - lassen wir Klopfen und Zupfen einmal beiseite - mittels eines großen,  melodischen Bogenstrichs, sondern auch mit dem Liebreiz ihrer Person. Der wenig über zwanzig Lebensjahre zählenden Künstlerin nun saß ein erfahrener Meister der Gitarre gegenüber. Ein ungleiches Paar, sollte man denken. Der 1960 geborene Musiker gilt als einer der wichtigsten Gitarristen Südamerikas. Sinesi spielte mit Musikern der ersten Liga wie Charlie Mariano, heimste Preise ein, ein unbestrittener Meister auf seinem Feld mit sehr eigenem Stil. Neben ihm auf der Bühne im 80-Seelenort Wangelin also die junge Geigerin Striffler, in der einschlägigen Presse bereits mit hohem Lob gefeiert. „Aufregende kammermusikalische Momente“  zum Beispiel attestierte die Musikkritik der Tonaufnahme „Mahagoni“, die CD wurde auch in Wangelin käuflich angeboten und das  Publikum hier war vom Konzert ausgesprochen angetan. Allerdings – nahm der große Gitarrist sich, aus welchem Grund immer, nicht auch sehr zurück? Über weiteste Strecken blieb seine Gitarre Begleitinstrument. Die gewaltige Virtuosität dieses Musikers, dessen Werk viele Genres von der Folklore über Klassik und Jazz vereint, zeigte sich nur in einem Stück vor der Pause, das dem verehrten Multiinstrumentalisten Hermeto Pasquale gewidmet ist. Jetzt erklang neben der höchst schönen Geige ein Gitarrensolo, das wahrhaftig Staunen erregte.

Nicht alle Stücke des Projekts Striffler/Sinesi waren improvisiert. Wer vorne saß, sah auf dem Bühnenboden locker verstreut Notenblätter. Die schriftlich fixierten Kompositionen stammen je zur Hälfte von beiden, verrieten die Künstler. „Die Erde, die man liebt“, so beispielsweise der Titel eines von Sinesi geschriebenen Stücks. „Carinoso“ sei der Ausdruck der Komposition, erklärte der Argentinier. Übersetzt hieße das etwa: gefühl-, gemütvoll. Und ähnlich ließe sich der Charakter dieses Konzerts überhaupt erfassen: nicht große Dramatik, eher ein zärtliches Spiel.

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