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Lübz / Ganzlin : IHK-Stippvisite bei Leuchttürmen der Wirtschaft

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Regelmäßig besucht die IHK regionale Firmen. Jetzt galt der Besuch der Brauerei Lübz - die mit umfangreichen Investitionen gestärkt werden soll - und dem einzigen Pulverbeschichter im Osten.

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erstellt am 05.Apr.2013 | 11:48 Uhr

Lübz/Plau/Ganzlin | Westmecklenburg ist eine Wachstumsregion mit großem Potenzial für weitere wirtschaftliche Entwicklung. Davon zeigte sich Hans Thon, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK), der am Mittwoch gemeinsam mit IHK-Hauptgeschäftsführer Siegbert Eisenach im Rahmen von "IHK vor Ort" nach Lübz, Plau am See und Ganzlin gekommen war, überzeugt. Rund 24 000 Mitgliedsunternehmen zählt die Kammer. Zuviele, sie alle zu besuchen. Daher beschränkte sich die Ganztagestour am Mittwoch auf einige wenige "Leuchttürme" hiesiger Wirtschaft. Allein das gedieh zum Mammutprogramm.

"Wir liegen ziemlich dicht an der Saisonkurve", eröffnete Wilfried Horn, Geschäftsführer der Mecklenburgischen Brauerei Lübz, seinen Schweriner Gästen. Der außergewöhnlich lange Winter habe seinen Niederschlag im sinkenden Absatz gefunden. Dramatisch sei der nicht, doch könne die Brauerei im bald folgenden Sommer gut auf Regenmonate verzichten.

Gedanken machen sich die Lübzer momentan mehr um anstehende Investitionen. Die internationale Brauereigruppe Carlsberg, die das Lübzer Haus 2004 übernahm, will langfristig im deutschen Markt wachsen. Hierfür investiert das Unternehmen einen hohen zweistelligen Millionenbetrag in die Brauereien in Lübz und Hamburg. Die Rede ist von mehr als 40 Millionen Euro. Im Rahmen eines umfassenden Fünfjahresplans sollen die Mecklenburgische Brauerei und die Holsten-Brauerei modernisiert und gestärkt werden. Das Konzept sieht zudem einen Ausbau der Kernmarkenaktivitäten in Deutschland vor.

40 Mio Euro in kommenden fünf Jahren

Mit den umfangreichen Investitionen bekennt sich die viertgrößte Brauereigruppe der Welt klar zum deutschen Standort und setzt ein deutliches Zeichen hinsichtlich der Zukunftsmöglichkeiten seiner Betriebe in Hamburg und Lübz. Damit tritt Carlsberg erneut Gerüchten entgegen, nach denen sich der Konzern aus dem deutschen Biermarkt zurückziehen wolle, weil er in Osteuropa und Asien größere Wachstumschancen habe.

Gedanken wird sich die Unternehmensführung in den kommenden Jahren um die Fachkräftesicherung machen. Denn neben jungen Mitarbeitern ist ein Großteil der Belegschaft nicht selten 40, 45 Jahre in der Firma. "Da werden wir nachjustieren müssen", sagt Wilfried Horn. Mit Blick auf Mai und den Start in die neue Freiluftsaison, betonte der Geschäftsführer, dass die 200-köpfige Belegschaft zwar in den Wintermonaten die Zeitkonten "plündern" musste, die Firma jedoch gänzlich auf Freistellungen verzichtete. Aus gutem Grund, der nicht zuletzt den Beschäftigten Sicherheit gibt: "Sobald die Sonne hochkommt, brennt bei uns die Luft, produzieren wir rund um die Uhr. Es wäre ein Unding, dann nach qualifiziertem Personal zu suchen", so Wilfried Horn. Und so steckt er mit seiner kompletten Mannschaft in diesen Tagen mitten in den Saisonvorbereitungen.

Ganzlin beliefert zurzeit ca. 700 Firmen

Vom Saisongeschäft weitestgehend abkoppeln konnte sich die Ganzlin Beschichtungspulver GmbH. Die derzeit 66 Mitarbeiter des 1995 von drei privaten Gesellschaftern gegründeten Unternehmens sind technisch nicht nur in der Lage, 40 verschiedene Produkte hinsichtlich Glanz, Farbe und Struktur herzustellen. Die Ganzliner beliefern momentan ca. 700 Kunden aus weit mehr als 20 Branchen. Darunter Fahrradhersteller, Firmen in der Freizeitmöbelindustrie oder auch die Ausrüster von Shell. "An Tankstellen, die in den letzten zehn Jahren neu gebaut oder nachgerüstet wurden, sind durchweg Zapfsäulen installiert, die wir beschichtet haben", freut sich Nico Niemann, Leiter Verkaufsinnendienst. Korrosionsbeständig, chemikalienbeständig und beständig gegenüber mechanischen Einflüssen.

Hauptver triebsgebiete der GmbH finden sich fast 15 Jahre nach der Gründung noch immer im Osten und Norden Deutschlands. "Vor allem im Osten ist der Solidaritätsgedanke sehr stark verbreitet", erklärte Gerd Fengler, Key Account Manager. Will heißen: Bei gleicher Qualität und gleichem Preis haben die Ganzliner bei Ausschreibungen/Aufträgen oft die Nase vor der Konkurrenz. Das schlägt sich letztlich auch im Umsatz nieder, der bei ca. 13 Millionen Euro jährlich liegt. Ausnahme waren die Jahre 2009/10, als auch die GmbH die allgemeine Wirtschaftskrise traf. Doch schon 2012 war davon im einzigen Pulverbeschichtungsunternehmen Ostdeutschlands schon nichts mehr zu spüren.

Obwohl sich auf dem deutschen Markt in der Pulverbeschichtungsbranche (das Verfahren war in den 1960ern von den Amerikanern entwickelt worden) seit einigen Jahren vermehrt auch die italienische, griechische und türkische Konkurrenz tummelt, werden die Ganzliner ihr Kerngeschäft (neben lediglich 25 Prozent Export ) weiterhin in Deutschland betreiben. Deutschland bietet ihnen noch genug Platz zum Expandieren, ist die Ganzliner Führungsriege überzeugt. Und tatsächlich hat die Firma seit Jahren keine Probleme, Neukunden zu gewinnen. Bei konstanten acht bis zehn Prozent pro Jahr liege die Akquise. Hier könne das Beschichtungswerk als vergleichsweise kleines Unternehmen ganz klar seine Vorteile gegenüber den Großen der Branche ausspielen: "Von Anfang an war es unser Ziel, eine Nische zu bedienen. Wir sind nicht nur spezialisiert auf Oberflächen und Struktur, wir können auch Kleinstmengen liefern", erklärt Dipl.-Kfm. Friedhelm Gehlen, Prokurist des Ganzliner Unternehmens. Und nicht nur das. In Zusammenarbeit mit einem Rohstofflieferanten haben die Mitarbeiter in mehreren Jahren intensiver Entwicklungsarbeit ein Pulverbeschichtungsverfahren entwickelt, das mit deutlich niedrigeren Temperaturen auskommt als herkömmliche Beschichtungsverfahren. "Anfangs hat man uns dafür belächelt", so Gerd Fengler. "Und doch haben wir bewiesen, dass unser energiesparendes Verfahren sehr wohl funktioniert."

Ein Kernproblem der Wirtschaft, auch der in Westmecklenburg, ist die Nachwuchsgewinnung. Qualitativ guten Nachwuchs. Das wurde bei der IHK-Firmentour mehrfach deutlich. Auch, dass Ausbildung Steckenpferd der IHK ist, die seit Jahren viele Wege geht, um Unternehmen einerseits, junge Lehrstellensuchende auf der anderen Seite zu unterstützen. Entsprechende Angebote wurden auch am Mittwoch gemacht.

Guter Nachwuchs ist schwer zu finden

Wie schwer guter Nachwuchs zu finden ist, weiß auch Karl-Heinz Dobbertin, Geschäftsführer der Stadtwerke Lübz. "Man kann das sicher nicht verallgemeinern, doch die Qualität der Auszubildenden ist heute um vieles schlechter als noch vor zehn, fünfzehn Jahren." Die Stadtwerke hätten immer ausgebildet, und manche Jahrgänge seien auch heute sehr gut. "Aber mit vielen jungen Leuten kann man nichts anfangen." Das ist übel und ein bisschen auch reine Mathematik: Suchten in Westmecklenburg vor Jahren noch 20 000 junge Leute eine Ausbildung, sind es heute noch 10 000. "Mit Ausbildung kann man kein Geld verdienen. Wir bilden aus, um Nachwuchs zu haben", so Friedhelm Gehlen. Dabei ist es in seiner Firma in Ganzlin ungeschriebenes Gesetz, dass ein fertiger Azubi nach erfolgreichem Probehalbjahr übernommen wird. "Diese Zielvorgabe vereinbaren wir mit jedem bei Ausbildungsbeginn", sagt Gehlen. Umso weniger wäre zu verstehen, das junge Leute die Lehre hinschmeißen. Selbst im dritten Jahr noch.

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