zur Navigation springen
Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

21. November 2017 | 22:22 Uhr

Jenseits der Stille : Hungrig nach freier Musik

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Conny Bauer, Klaus Kugel, Christian Ramond und Warnfried Altmann geben Konzert im Rahmen der Wangeliner Reihe

Warnfried Altmann hat es sich auf dem Lehmofen in seiner Wangeliner Wohnung gemütlich gemacht und erzählt. Musiker durch und durch und vernetzt mit einem weiten Kreis von Kollegen, importiert der Magdeburger Saxophonist immer wieder musikalische Könner, Musiklegenden gar, ins kleine Dorf. Einerseits um mit ihnen und dem Perkussionisten Klaus Kugel (ebenfalls Wangelin) zünftige Sessions durchzuziehen, andererseits um die „Größen“ auch dem Publikum in seiner Reihe „Jenseits der Stille“ vorzustellen.

Hochkarätiger musikalischer Ehrengast des kommenden Konzerts im Wangeliner Lehmhaus (25. 2., 20 Uhr) wird Conny Bauer sein. 73 Jahre alt und immer noch „fit wie ein Turnschuh“ sei der Mann mit der Bassposaune, sagt Altmann, und ein Künstler, der von den Musikkritikern der New Yorker Critic Polls mehrere Jahre lang auf der Weltbestenliste noch vor dem west-bekannten Posaunisten Albert Mangelsdorff geführt worden sei. Aber New York hin und her - Conny Bauer hat in seinem Fach Ost-Geschichte geschrieben und manch ein Leser wird sich daran erinnern, so wie Warnfried Altmann auch: Bauer war Mitglied unter anderem im „Zentralquartett“, außer ihm gehörten Baby Sommer, Uli Gumpert und Luten Petrowsky dazu. Und sie waren bei den ersten, die im Sozialistischen Vaterland Free Jazz spielten – und sofort zum Politikum aufstiegen. „Sie waren frech, sie strotzten vor Selbstbewusstsein und Individualität und zogen, wo sie spielten, ein Riesenpublikum an. Die Leute pilgerten zu diesen Konzerten wie nach Woodstock“, erinnert sich Altmann.

So viel künstlerischer Individualismus war schwierig für den Einheitsstaat, der die Freiheit verdächtigte, die Gleichheit zu unterlaufen. Als er vierzehn Jahre alt war, begann dann auch Altmanns Pilgerschaft. In Magdeburg besuchte er die Veranstaltungen der Reihe „Jazz in der Kammer“ und hat diese Musik offenbar aufgesogen wie ein Schwamm. Später studierte er Musik, kennt also die klassische Harmonie- und Intervalllehre, deren Regelwerk er, seine Freunde und Kollegen schließlich begannen aufzubrechen. Allerdings: „Nur der kann frei spielen, der weiß, wovon er sich befreit“, erläutert Altmann, der sich primär als Improvisationsmusiker versteht. Und da steht heute unter anderem auch Conny Bauer.

Eines Tages erhielt der Multiphonics-Meister Post aus Wangelin. Die CD „Wangelin Songs“ (Wir berichteten) flog ihm ins Berliner Domizil zu und begeistert meldete er sich bei Altmann zurück. Dreimal haben Bauer, Kugel und Altmann seitdem gemeinsam „gejammt“ und waren so erfreut über das inspirierende Zusammenspiel mit Conny Bauer, dass sie beschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen. Komplettieren wird die Gruppe zum Konzert am Samstag der Kontrabassist Christian Ramond aus Köln. Er wiederum ist in der Vergangenheit häufig Partner von Klaus Kugel gewesen. „Es ist wichtig“, sagt Altmann dazu, „dass Schlagzeuger und Bass gut aufeinander abgestimmt sind. Sie bilden die rhythmische Basis unserer Musik.“

Improvisationsmusik, wie sie am kommenden Samstag zu hören sein wird, wird manche Hörgewohnheiten attackieren. Ähnlich wie die moderne Lyrik gewohnte sprachliche Zusammenhänge aufbricht, den Wörtern neue Qualitäten abgewinnt und neue Fügungen ersinnt, lauscht Improvisationsmusik auf die Qualität des einzelnen Klangs und erfindet sich spontan in Melodie, Rhythmus und Klangfarben neu.

In einem Bild lässt sich diese Musik des Augenblicks auf jeden Fall fassen, im Bild des Gesprächs zwischen den Musikern. Und das ist nicht kompliziert, nur anders. Daher wünscht Warnfried Altmann sich einfach, dass sein Publikum offen und unvoreingenommen zuhöre. „Das ist die beste Brücke.“

Monika Maria Degner
 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen